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Expertin für Innovation

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Von: Joachim Wille

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Eine Herkulesaufgabe wartet auf Claudia Nemat: Sie soll bei der Telekom die bisher getrennten Bereiche Netze und IT zusammenführen.
Eine Herkulesaufgabe wartet auf Claudia Nemat: Sie soll bei der Telekom die bisher getrennten Bereiche Netze und IT zusammenführen. © picture alliance / Jan Haas

Claudia Nemat ist als einzige Frau im Telekom-Vorstand: Demnächst ist sie für das neue Superressort Technologie und Innovation zuständig.

Smartphones wird es in ein paar Jahren nur noch im Museum geben. Claudia Nemat ist sicher, dass es so kommen wird. Und die Frau muss es wissen. Die 47-Jährige ist die Nummer zwei im Vorstand der Deutschen Telekom und bald für das neue Superressort „Technologie und Innovation“ zuständig. Sie muss also im Blick haben was läuft und abschätzen können, was in Zukunft gefragt sein wird. Und sie glaubt, dass es iPhone und Co. über kurz oder lang so gehen wird wie dem Wählscheiben-Telefon. Man braucht es nicht mehr. „Die Funktionalitäten wandern in andere Medien hinein“, sagt sie. In Armbänder, die mit dem Träger sprechen können. In Brillen, die einem Daten zusenden. In Fingerringe, die Türen öffnen können. In berührungssensitive Kleidung, mit der man Licht oder Musik ansteuern kann. Nemat sagt, das Smartphone sei schon eine geniale Erfindung. Doch halt bald museumsreif.

Die Frage, ob Frauen Technik können, stellt sich bei Claudia Nemat nicht. In Köln hat sie Physik studiert und war, seit sie 2011 von der Wirtschaftsberatung McKinsey in den Telekom-Vorstand wechselte, neben dem Europageschäft des Konzerns auch genau für diesen Sektor zuständig – für „Technik“. Als Kind habe sie Astronautin werden wollen, erzählt sie, und als Studentin sei ihr Berufswunsch Professorin für theoretische Physik gewesen. Aber dann habe sie festgestellt, dass sie sich „mit Themen beschäftigte, die nur wenige Menschen auf der Welt verstehen“, sagt Nemat. „Das fand ich frustrierend.“

Mit ihrer neuen Telekom-Position ist das garantiert anders. Hier verantwortet Nemat künftig den Bereich, der wie kein anderer über den zukünftigen Erfolg des Konzerns mit seinen weltweit 225.000 Mitarbeitern und über 69 Milliarden Euro Jahresumsatz entscheidet. Ihr selbst unterstehen dann direkt rund 10 000 Telekom-Männer und -Frauen. Sie wird zum Beispiel den Aufbau des neuen, schnellen 5G-Mobilfunknetzes organisieren müssen, das etwa für das autonome Fahren von Autos und Lkw gebraucht wird oder für die Vernetzung von Sensoren, die künftig gigantische Datenmengen vom Feuermelder über die Mülltonne bis zur Solaranlage einsammeln werden. Und um die zahlreichen Geschäftsideen und -felder, die sich damit kreieren lassen.

Als Telekom-Chef Tim Höttges Ende Juni das neue Superressort vorstellte, in dem „Netztechnik, IT und Innovation“ verschmolzen werden, legte er die Latte hoch für Nemat, die vor fünf Jahren als erste Frau überhaupt in den Vorstand des Konzerns berufen wurde. Durch den neuen Zuschnitt solle das Unternehmen „schneller und effizienter“ werden, sagte Höttges. Nemat übernehme damit eine „große Aufgabe“. Telekom-intern heißt es, die wesentliche Herausforderung bestehe darin, die internen Reibungsverluste zu beseitigen, die bisher die Einführung neuer Produkte erschwerten. Dass die Physikerin das schaffen kann, glauben jene, die sie kennen. Nemat gilt trotz ihrer verbindlichen Art bei öffentlichen Auftritten als knallharte Managerin, die ihre Ideen auch streitbar durchzusetzen weiß. Führungsstil: „Hart, aber herzlich“. So Nemat über Nemat.

Die Vorständin gibt sich energiegeladen, im Wortsinn unermüdlich. „Das ist mein Wesen. Ich verliere die Energie nicht“, sagte sie über sich selbst in einem Interview mit dem „Handelsblatt“, das Nemat zu den „25 herausragenden Frauen“ zählt, „die das Zeug für den Chefsessel eines Dax-Konzerns haben“. Und Energie braucht sie, so wie sie ihr Leben als Top-Managerin, die zugleich Ehefrau und Mutter zweier Kinder im Grundschulalter ist, lebt. Die Familie habe, wenn es hart auf hart kommt, immer Priorität. Ihr Mann, ein Chefarzt, sehe das genauso, da gebe es ein „gemeinsames Verständnis“. „Das ist die Voraussetzung für mich, einen Job machen zu können.“

Nemat scheint alles unter einen Hut zu kriegen, selbstredend mit Kinderfrau. „Wenn ich nicht im Ausland unterwegs oder auf einer externen Veranstaltung bin, versuche ich, gegen 19 Uhr zuhause zu sein, um die Kinder selbst ins Bett zubringen“, erzählte sie in dem Interview.

Gar zu „normal“ darf man sich das Familienleben allerdings auch nicht vorstellen. „Es gibt Wochen, da klappt das öfter, und es gibt Wochen, da klappt es selten“, räumte sie ein. Feierabend könne „zwischen 19 und 24 Uhr sein“. Und manchmal eben überhaupt nicht. Als im vorigen Jahr in Griechenland das Referendum über das entscheidende Reformpaket angekündigt wurde und es für die Euro-Mitgliedschaft des Landes Spitz auf Knopf stand, flog Nemat gleich nach Athen, wo die Telekom den einstigen Staatskonzern OTE führt, um mit den Kollegen dort die Lage zu besprechen. „Dabei hatten gerade unsere Ferien angefangen.“ Nemat ist früh in die Männerdomäne Telekom-Vorstand eingebrochen, doch noch immer gehört sie zu den wenigen Frauen, die es in einem Dax-Konzern zu einer solchen Position gebracht haben. Dass sie darauf immer wieder angesprochen wird, nervt sie.

Der frühere Konzernchef René Obermann hatte Nemat von McKinsey abgeworben, wo sie 17 Jahre lang gearbeitet hatte, zuletzt als „Senior Partner“ und Beraterin von Technologiefirmen – übrigens auch für die Telekom. Damals schlug die Debatte über die Frauenquote hohe Wellen, und Obermann wollte in der Öffentlichkeit punkten. Der Konzern setzte sich als erster freiwillig das Ziel, 30 Prozent der Führungspositionen weiblich zu besetzen. Doch Nemat ist heute die einzige Frau im siebenköpfigen Telekom-Vorstand, nachdem Marion Schick als Personalvorständin nur ein kurzes Intermezzo hatte. Nemat selbst findet diese Sichtweise zu verengt. Sie moniert, „der Fokus auf Dax-Vorstände“ spitze die Diskussion zu sehr auf die reinen Top-Positionen zu. Tatsächlich brauchten die Unternehmen mehr Vielfalt auf allen Führungsebenen, meint sie. Nur dann könnten sie besser auf Kundenbedürfnisse eingehen und als Arbeitgeber attraktiver für die nächste Generation werden.

Dass die Welt der Telekommunikation so schnelllebig ist, sei ein Vorteil. Sie sagt: Für Frauen ist es hier einfacher, nach vorne zu kommen als etwa in der Autoindustrie. Die Internetkonzerne hätten das etablierte Geschäft der Telefonfirmen früher angriffen als das der anderen Branchen. „Das führt dazu, dass wir uns stärker Gedanken machen über die Arbeits- und Managementstrukturen und uns geöffnet haben“, sagte die Vorständin einmal der „Süddeutschen Zeitung“. Und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Menschen mit digitaler Kompetenz und mehr Internationalität. „Wenn Unternehmen sich nicht öffnen, bekommen sie ein sehr großes Problem.“

Nemat ist ohnehin der Überzeugung, dass es mit einzelnen Quotenmenschen nicht getan ist. In Teams brauche es immer eine „kritische Masse“, um Potenziale zu heben, ob es nun um Frauen unter Männern gehe, um Ausländer unter Deutschen oder Ingenieure unter Betriebswirten. Wer weiß, wenn sie ihren neuen Job im Konzern gut macht, kann sie dereinst vielleicht selbst dafür sorgen, dass die kritische Masse auch im Telekom-Vorstand erreicht wird.

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