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Experten fordern: Gas als „Brückentechnologie“ nicht ganz aufgeben

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Von: Joachim Wille

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Gasspeicher von Uniper in Bierwang.
Gasspeicher von Uniper in Bierwang. © AFP

Energieforscher halten Gas weiter notwendig, um Stabilität in der Stromversorgung zu gewährleisten. Deutschland sehen sie künftig als Importland für grünen Wasserstoff.

Die Bundesregierung will die Nutzung von Erdgas zur Stromproduktion möglichst stark herunterfahren, um den Gasmangel abzufedern, der sonst die Industrie und den Heizungssektor treffen könnte. Deswegen sollen Kohlekraftwerke, die eigentlich zur Abschaltung anstehen, nötigenfalls weiter betrieben werden können. Eine Gruppe von Energieexperten warnt jedoch davor, generell auf Gaskraftwerke verzichten zu wollen. Gas im Stromsektor sei weiterhin als „Brückentechnologie“ notwendig, um die Stabilität der Elektrizitätsversorgung bei steigenden Anteilen des fluktuierenden Ökostroms sicherzustellen, argumentieren sie in einem Positionspapier.

Die Experten vom Westfälischen Energieinstitut (WEI) der Westfälischen Hochschule mit Sitz unter anderem in Gelsenkirchen begrüßen die Pläne der Ampel-Bundesregierung, den Anteil des Ökostroms bis 2030 deutlich auf 80 Prozent anzuheben. Derzeit sind es rund 50 Prozent. Allerdings entstünden dadurch „nicht unbeträchtliche Herausforderungen bei der Versorgungssicherheit“. Der Erneuerbaren-Ausbau müssten daher von Brückentechnologien begleitet werden. Dazu zählten flexibel regelbare Erdgas-Kraftwerke, die künftig auch mit grünem Wasserstoff betrieben werden können, ebenso Biogas-Anlagen. Professor Markus Löffler, einer der Studienautoren, erwartet, „dass Erdgas mindestes noch zehn Jahre als Brücke gebraucht wird, bis dann Wasserstoff dieser Rolle übernehmen kann“, wie er der FR sagte.

Deutschland wird „weiter ein Energieimportland bleiben“

Zusätzlich müsse das „Lastenverschiebungsmanagement“ deutlich verbessert werden, also der Stromverbrauch flexibler gemacht werden. Dabei nutzt man die Möglichkeit, dass zum Beispiel industrielle Verbraucher wie Aluminiumhütten oder Wärmepumpenheizungen in privaten Haushalten eine gewisse Zeit abgeschaltet werden können, ohne den Arbeitsprozess zu beeinträchtigen.

Ein weiterer Punkt der WEI-Gruppe: Die Elektrizitätsverbindungen ins Ausland (Grenzkuppelstellen) sollten ausgebaut werden, um die Stromversorgung bei Überschuss oder Mangel von Ökostrom besser ausgleichen zu können.

Deutschland wird trotz des forcierten Erneuerbaren-Ausbaus nach Einschätzung der WEI-Experten allerdings „weiter ein Energieimportland bleiben“. Zwar könne die Einfuhr von Kohle, Erdöl und Erdgas heruntergefahren werden, doch entstehe eine neue Abhängigkeit vom Ausland, weil die Potenziale für die heimische Erzeugung von grünem Wasserstoff für die Anwendungen im Strom- und Industriesektor nicht ausreichten und außerdem Basiswerkstoffe für Batteriespeicher wie Kobalt und Lithium von dort kommen müssten.

Afrikanische Länder könnte profitieren

Die Studie erkennt hierin durchaus auch Chancen für Entwicklungsländer, etwa in Nord- oder Sub-Sahara-Afrika, zum Beispiel Marokko oder Namibia, für die es bereits entsprechende Konzepte gibt. Sie könnten zukünftig Einkommen aus dem Export von Öko-Energie erzielen und damit auch die eigene Versorgung von fossil auf grün umstellen könnten. „Hier bietet sich hier eine neue internationale Arbeitsteilung an, bei der dort grüner Wasserstoff erzeugt und nach Europa exportiert wird“, sagte WEI-Professor Heinz-J. Bontrup, ein weiterer Autor der Studie, der FR. Dazu müssen aber die reichen Industrieländer wie Deutschland entsprechende technische und finanzielle Unterstützungen bereitstellen.

Die Experten betonen, die Energiewende sei „ohne Lenkung und Regulierung durch den Staat nicht umsetzbar“. Um die nötigen Finanzmittel dafür aufzubringen, müsse an mehreren Stellschrauben gedreht werden. So sei eine Verschuldung des Staates unumgänglich. Die im Grundgesetz verankerte strikte Schuldenbremse solle daher durch eine „an den Zukunftsinvestitionen orientierten Schuldenbegrenzung“ abgelöst werden. Das sei „generationengerecht“, sagte Bontrup, da die Investitionen in ein erneuerbares Energiesystem zukünftige Kostensenkungen gegenüber dem fossilen System ermöglichten und die Umwelt- und Klimaschäden verringerten. Außerdem sei es nötig, hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften wesentlich höher als heute zu besteuern.

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