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Der Hauptsitz von Morgan Stanley im New Yorker Stadtteil Manhattan.

Finanzmarkt

Europas Banken werden abgehängt

Die US-Banken legen glänzende Bilanzen vor – von ihren Milliardengewinnen können Europas Institute nur träumen. Die sehen nur noch die Rücklichter der Konkurrenz.

Von Alexandra Regner

Die europäischen Rivalen sehen längst nur noch von weitem die Rücklichter ihrer US-Konkurrenz – und bald dürften auch die um die nächste Ecke entschwunden sein: Vergangene Woche hatten bereits die drei größten US-Banken nach Bilanzsumme ihre Bücher geöffnet und teilweise mit Rekordergebnissen aufgewartet. Nun hat auch Morgan Stanley das vergangene Jahr mit einem Gewinnsprung abgeschlossen.

Mit einer Verdopplung des Quartalsgewinns auf 1,51 Milliarden US-Dollar wurden die Analystenerwartungen deutlich übertroffen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verdiente Morgan Stanley unter dem Strich 5,5 Milliarden Dollar. Vorstandschef James P. Gorman sagte, er blicke optimistisch auf die Chancen 2017 und darüber hinaus. Erzrivale Goldman Sachs wird seine Bilanz heute vorlegen.

Die Bank of America hatte am vergangenen Freitag die Berichtssaison in den USA eingeläutet. Diese Rolle wurde traditionell von Alcoa übernommen, doch der Aluminiumkonzern berichtet im Zuge seiner Aufspaltung erst Ende Januar. Dass der US-Bilanzreigen dieses Mal von den Banken eröffnet wurde, war aber nur passend. Schließlich sind die Geldhäuser die Profiteure des „Trump Jumps“.

Denn es waren auch die starken Handelsaktivitäten an der Wall Street nach dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl, die beispielsweise der Investmentbank JP Morgan Chase einen Gewinnsprung von 24 Prozent auf 6,73 Milliarden Dollar im vierten Quartal bescherten. „Unsere Ergebnisse in diesem Quartal waren ein Endspurt in einem weiteren Rekordjahr“, sagte Vorstandschef Jamie Dimon. Im Gesamtjahr verdiente der Branchenprimus unterm Strich 24,7 Milliarden Dollar, die Bank of America 16,2 Milliarden Dollar und Wells Fargo 21,9 Milliarden Dollar.

Letztgenanntes Institut hat immer noch mit den Folgen des Skandals um Scheinkonten zu kämpfen. Bankmitarbeiter sollen über Jahre hinweg rund zwei Millionen Konten ohne das Wissen der betroffenen Kunden eröffnet haben. Offenbar versuchten die Angestellten so, ambitionierte Verkaufsziele des Managements einzuhalten. Mindestens 400 Filialen sollen nun im Zuge eines Kostensenkungsprogramms geschlossen werden.

Massive Sparprogramme sind einer der Gründe, warum sich die US-Banken deutlich schneller von der Finanzkrise ab 2007 erholt haben als ihre europäische Konkurrenz. „Hire und fire“ sei bei den Amerikanern eben viel einfacher als in Europa, sagt Dirk Müller-Tronnier, Partner und Leiter Banking & Capital Markets bei der Unternehmensberatung EY, der FR. Deshalb könnten die Amerikaner schneller und rigoroser Kostensenkungen vornehmen. Zudem würden die Europäer auch abgehängt, weil der Handelsanteil am Ergebnis bei ihnen stark beschnitten worden sei.

Ein weiterer Grund dürfte allerdings gewesen sein, dass die Institute Schrottpapiere aus der Zeit des Immobilienbooms über ein Regierungsprogramm loswerden und ihre Kapitalausstattung verbessern konnten. Während in Europa noch über das Wohl und Wehe von staatlichen Hilfen diskutiert und letztlich ein zögerlicherer Weg als in Übersee eingeschlagen wurde, machten die Amerikaner einen klaren Schnitt.

Seit dem Krisenjahr 2008 bis Ende Juni 2016 haben die europäischen Banken ihr Eigenkapital nur um 55 Prozent aufgestockt – die US-Banken aber um 171 Prozent, wie aus einer im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichten Studie von EY hervorgeht.

Nicht zuletzt beflügelte insbesondere die US-Banken, dass sich das generelle Umfeld nach Trumps überraschendem Wahlsieg aufgehellt habe, sagt Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege Privatkunden bei der Commerzbank. Die Zinsstrukturkurve, also der Abstand zwischen den kurz- und langfristigen Zinsen, sei deutlich steiler geworden. Dies und steigende Zinsen sind es, wovon die Banken nach langjährigem Zinsabwärtstrend profitieren. Was die jüngste Banken-Rallye angeht, so hält Schickentanz die Euphorie für ein Stück weit übertrieben: „Es wird nicht die große Wiederauferstehung der Banken sein.“ Es handle sich vielmehr um eine Erholung nach der Underperformance der vergangenen Jahre. „Trump hat da sicherlich verstärkend gewirkt“, so Schickentanz.

Die US-Banken setzen im laufenden Jahr auf steigende Leitzinsen und Trumps Konjunkturmaßnahmen. Von Deregulierung bis Infrastrukturprogrammen – Trump hat vieles angekündigt. „Wir sind nicht allzu optimistisch, dass er alle Vorhaben auch wirklich durchsetzen kann“, sagt Tobias Basse, Anlagestratege bei der NordLB, der Frankfurter Rundschau. Unter anderem beim Infrastrukturprogramm könne Trump auf Widerstand im Kongress stoßen. Wenn Investitionen in die Infrastruktur mit einer höheren Neuverschuldung finanziert werden, dürfte dies etlichen Republikanern gar nicht gefallen.

Auch in Europa bröckelt der Schutzwall

Weniger pessimistisch ist Basse indes, was eine etwaige Deregulierung der Bankenbranche angeht. Dann würde „das Casino von Trump wieder ein bisschen eröffnet“. Die US-Großbanken hoffen auf laxere Regeln. Insbesondere die Volcker-Regel, zentraler Bestandteil des Dodd-Frank-Gesetzes, mit dem der Eigenhandel der Institute beschränkt wird, ist den Banken ein Dorn im Auge. US-Notenbankchefin Janet Yellen warnte bereits vor einer Rückkehr der Zockermentalität bei den Banken, sollten die nach den kostspieligen Bankenrettungen hart errungenen Reformen wieder aufgeweicht werden.

Auch in Europa bröckelt der Schutzwall, der nach der Finanzkrise so mühsam errichtet worden war. So darf Italien der angeschlagenen Bank Monte dei Paschi mit Staatsgeld unter die Arme greifen. Analysten rechnen zwar damit, dass die Zahlen der Deutschen Bank nicht mehr ganz so tiefrot ausfallen werden. Milliardenstrafen dürften aber weiter belasten. Die Commerzbank erwartet für das abgelaufene Geschäftsjahr schwarze Zahlen. Von den Milliardenüberschüssen der US-Banken können die europäischen Rivalen aber nur träumen. Sind die US-Banken für die Europäer uneinholbar geworden? „Wenn es ein Wettrennen wäre, würde es schwierig werden“, sagt Müller-Tonnier, „zumindest was die Marktkapitalisierung angeht.“

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