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Der Euro brennt - kann Europa den Krisenherd noch eindämmen?

Ökonomen zur Euro-Krise

„Europa schlafwandelt in die Katastrophe“

Europas führende Ökonomen warnen: Die Eurozone stehe vor dem Zusammenbruch, mit unkalkulierbaren Kosten auch für Gläubigerländer wie Deutschland. Ihr Vorschlag: Kurzfristig großzügige Finanzhilfen, aber keine Eurobonds oder dauerhaften Finanztransfers.

Von Bettina Vestring

In einem dramatischen Appell haben führende europäische Wirtschaftswissenschaftler die EU-Regierungen zu einer großen, gemeinsamen Anstrengung zur Rettung des Euro aufgerufen. „So, wie sich die Lage im Juli 2012 darstellt, glauben wir, dass Europa in eine Katastrophe von unabsehbarem Ausmaß schlafwandelt“, heißt es in dem in New York veröffentlichten Gutachten (pdf). Zu den Autoren zählen die deutschen Sachverständigen Peter Bofinger und Lars Feld, aber auch der Belgier Paul de Grauwe und der Franzose Jean-Paul Fitoussi.

Die Lage in den Defizitländern habe sich in den letzten Wochen dramatisch verschärft, heißt es in dem Gutachten. Es gebe den Eindruck, dass ein Dominostein nach dem anderen falle. Der letzte dieser Dominos, Spanien, können binnen weniger Tage in eine Liquiditätskrise geraten. „Diese dramatische Situation ist das Ergebnis eines Eurozonen-Systems, das, so wie es derzeit konstruiert ist, gründlich kaputt ist“, schreiben die Ökonomen.

Den Regierungen der EU-Länder geben die Wissenschaftler eine detaillierte Handlungsanweisung vor, einerseits zur kurzfristigen Krisenbewältigung, andererseits zu einer grundsätzlicheren Reform der Währungsunion. Und während sie kurzfristig sehr viel mehr Solidarität der Gläubigerstaaten mit reformbereiten Defizitstaaten fordern, halten sie auf längere Sicht Finanztransfers innerhalb der EU nicht für nötig. Auch gemeinsame Schuldeninstrumente wie Eurobonds müsse es nicht geben.

Hilfe ist notwendig und gerecht

„Europas Regierungen erkennen, dass eine gemeinsame Antwort nötig ist“, schreiben die Wirtschaftswissenschaftler. „Dennoch treibt die Eurozone seit mehreren Monaten dem Zusammenbruch entgegen, obwohl dies unkalkulierbare wirtschaftliche Verluste und menschliches Leiden mit sich bringen würde.“ Auch für die Gläubigerländer gelte, dass das Ende des Euros sie weit teurer zu stehen komme als die Transfers, die zur Rettung der Währungsunion erforderlich seien.

Die Regierungen in den Überschussländern - also auch die Bundesregierung - müssten ihre Wähler überzeugen, dass es notwendig und gerecht sei, den Schuldenstaaten weit mehr unter die Arme zu greifen als bisher. Griechenland, Spanien, Italien, Portugal und Irland hätten die Probleme ja nicht alleine verursacht. Schuld sei das fehlerhafte Design der Eurozone, das in den Defizitländern zu leichtsinnigem Schuldenmachen und in den Gläubigerstaaten zu leichtsinnige Kreditvergabe ermutigt habe.

Keine Eurobonds

Kurzfristig sei eine Kombination außerordentlicher Maßnahmen zur Rettung der Schuldenstaaten nötig, von einer Ausweitung der Hilfen durch die europäischen Rettungsfonds und die Gläubigerstaaten über Maßnahmen der Europäischen Zentralbank hin zu einem freiwilligen Schuldenschnitt, heißt es in dem Gutachten. Die Ökonomen schätzen, dass die Schuldenstaaten damit so geholfen werden könne, dass sie nach etwa fünf Jahren ohne weitere Finanzhilfen von außen auskommen können.

Auf lange Sicht halten die Wirtschaftswissenschaftler die Gründung einer Bankenunion in Europa für nötig, mit einer gemeinsamen Bankenaufsicht und Einlagensicherung. Zugleich müsse die EU ihre Steuerpolitik stärker angleichen. „Wir glauben nicht, dass es Eurobonds oder eine vollständige Fiskalunion geben muss, um sicherzustellen, dass die Wirtschafts-und Währungsunion funktioniert“, heißt es in dem Gutachten.

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