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Rezession in Europa: Warum sie droht und was sie bedeutet 

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Von: Stephan Kaufmann

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Ökonom:innen gehen inzwischen von einem massiven Wirtschaftseinbruch in Europa aus. Viele Faktoren greifen ineinander.

Frankfurt - Die steigenden Preise machen nicht nur die Verbraucherinnen und Verbraucher ärmer, erhöhen die Ungleichheit und sorgen für sozialen Konfliktstoff. Inzwischen belasten sie auch zunehmend das Wirtschaftswachstum.

In Europa wächst die Gefahr einer Rezession, also einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung in mehreren Quartalen. Laut einer Umfrage der Finanzagentur Bloomberg unter Ökonom:innen ist das Rezessionsrisiko von 20 Prozent im Februar auf zuletzt 45 Prozent gestiegen. Das liegt nicht nur am Krieg in der Ukraine.

Hohe Inflationsrate in Deutschland: Preise steigen in Rekordtempo

Die Unternehmen erhöhen ihre Preise in atemberaubendem Tempo. In Deutschland lag die Inflationsrate im Juni bei 7,6 Prozent, meldete am Mittwoch (13. Juli) das Statistische Bundesamt. Auf diesem Niveau wird sie laut Commerzbank-Prognosen bis Jahresende bleiben, „auch wenn es nicht zu einer Unterbrechung der russischen Öl- und Gaslieferungen kommt und der Anstieg der Energiepreise im Vorjahresvergleich im weiteren Jahresverlauf deutlich sinkt“. In der Eurozone betrug die Inflationsrate im Juni 8,6 Prozent und in den USA sogar 9,1 Prozent - der höchste Wert seit über 40 Jahren.

Die Ursachen der Teuerung sind vielfältig: Grundsätzlich hat der Post-Corona-Boom weltweit zu stark steigender Nachfrage nach Gütern geführt. Gleichzeitig hielt das Angebot an Rohstoffen, Vor- und Endprodukten nicht mit, was den Anbietern die Möglichkeit eröffnete, höhere Preise zu verlangen. Belastet wurde das Angebot unter anderem durch die Lockdowns in China.

Kaufkraft sinkt: Ukraine-Krieg und Sanktionen gegen Russland verschärfen die Lage zusätzlich

Dazu kommt der russische Angriff auf die Ukraine sowie die Sanktionen des Westens gegen Russland. Zwar gibt es noch keinen echten kriegsbedingten Mangel an Rohstoffen. Die Aussicht auf Engpässe allerdings hat die Preise an den Märkten in die Höhe getrieben. Beim Gas wird dies verstärkt durch die Bemühungen insbesondere Europas, sich durch den Erwerb knappen Flüssiggases unabhängig von Russland zu machen.

Die Unternehmen erhöhen ihre Preise in atemberaubendem Tempo. In Deutschland lag die Inflationsrate im Juni bei 7,6 Prozent,
Unternehmen und Betriebe erhöhen ihre Preise in atemberaubendem Tempo. In Deutschland lag die Inflationsrate im Juni bei 7,6 Prozent. © Angelika Warmuth/dpa

Zum Rezessionsrisiko wird die Inflation zum einen durch den Kaufkraftverlust der Konsument:innen. Schließlich macht der private Verbrauch mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung aus. Zwar versuchen Gewerkschaften, die Preissteigerungen durch höhere Lohnforderungen auszugleichen. Doch stehen dieses Jahr nicht für alle Branchen Tarifverhandlungen an. Und selbst wenn die Löhne steigen, dürften sie nur einen Teil des Kaufkraftverlustes ausgleichen. Das gilt auch für die staatlichen Hilfen – zwar hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kürzlich gesagt, die Maßnahmen fingen bei den unteren und mittleren Einkommen ungefähr 90 Prozent der Preissteigerungen auf. Laut Berechnungen des Instituts IMK jedoch liegt die Kompensation eher bei 50 bis 90 Prozent, je nach Haushaltstyp.

Umfrage zeigt: 39 Prozent der Unternehmen in Deutschland rechnen mit einem Rückgang beim Umsatz

„Die weiter gestiegenen Inflationsraten entziehen den privaten Haushalten so viel Kaufkraft, dass deren Konsum an Dynamik verliert“, erklärt die Commerzbank. Das reale verfügbare Einkommen werde im zweiten Halbjahr 2022 gut drei Prozent niedriger liegen als im ersten Halbjahr.

Teilweise ausgeglichen wird dies zwar dadurch, dass die Haushalte Ersparnisse auflösen. Laut Umfrage des Einzelhandelsverbands HDE rechnen dennoch 40 Prozent der Unternehmen im zweiten Halbjahr mit Stagnation und 39 Prozent mit einem Umsatzrückgang.

Lieferengpässe bleiben: Energie-Krise hat Drosslung in vielen Branchen zur Folge

Belastend wirken die hohen Preise auch auf die Unternehmen. Insbesondere energieintensive Branchen drosselten in den letzten Monaten ihre Produktion drastisch. „Die explodierenden Energiekosten verteuern deren Produkte, sodass die Nachfrage nach diesen sinkt oder die Produktion in Teilen unrentabel wird“, meldet die Deka-Bank. Der Blick in den Industrie-Einkaufsmanagerindex zeige eine zunehmende Nachfrageschwäche.

Dazu kommt physische Knappheit: Laut Umfrage des Ifo-Instituts fühlen sich nach wie vor drei von vier deutschen Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe durch Lieferengpässe in ihrer Produktion behindert, was bedeutet, dass die Verkäufe stocken. „An dieser Situation dürfte sich so schnell nichts ändern, solange China an seiner Null-Covid-Strategie festhält“, so die Commerzbank.

Situation international: Zwischen Leitzins und Währungsverfall

Eine weitere Folge der hohen Inflation sind steigende Zinsen. Die Europäische Zentralbank dürfte nächste Woche ihre Leitzinsen erhöhen, was tendenziell die Konjunktur schwächt. Die US-Zentralbank hat ihre Zinsen bereits kräftig erhöht, was den Dollar stärkt. In ärmeren Ländern wie Sri Lanka führt dies zu regelrechtem Währungsverfall und Schuldenkrise. In der Eurozone ist der Effekt schwächer: Der Euro ist bloß auf Parität mit dem US-Dollar gefallen. Dies könnte zwar Europas Exporte verbilligen und so fördern. Dieser Effekt wird laut DZ Bank aber aufgefressen durch die Verteuerung der Importe, die in Dollar bezahlt werden müssen.

Damit trübt sich schrittweise das internationale Umfeld ein, was die exportabhängige Industrie Deutschlands trifft. Wuchs die Wirtschaft großer Handelspartner wie der USA oder Frankreich 2021 noch um sechs bis sieben Prozent, so dürfte das Plus dieses Jahr in Richtung zwei Prozent fallen. Kommendes Jahr sieht es noch schlechter aus, in den USA ist sogar eine Schrumpfung möglich.

Kein Verlass auf die wirtschaftliche Stärke von China - Gas-Stopp aus Russland würde wehtun

China, lange die Stütze der globalen Konjunktur, lässt ebenfalls nach: Das am Freitag (15. Juli) zur Veröffentlichung anstehende Wachstum im zweiten Quartal dürfte gering ausfallen. Für das Gesamtjahr 2022 werden Raten von nur noch rund vier Prozent erwartet, weit weniger als in den vergangenen Boom-Jahrzehnten.

In dieser Gesamtsituation träfe ein Gaslieferstopp Russlands die europäische Wirtschaft besonders hart. Eine schwere Rezession wäre nicht zu vermeiden, da nicht nur die Energiepreise stiegen, sondern Produktion aufgrund physischer Knappheit stillgelegt würde. Es verbreitet sich Pessimismus: Laut der neuen Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft erwartet ein Viertel der Unternehmen eine sinkende Produktion. (Stephan Kaufmann)

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