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Der 47-jährige Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson gilt als einer der besten Kenner der Finanzgeschichte weltweit. Der gebürtige Schotte lehrt an der Harvard-Uni in den USA.Mit dem Hang zu provokanten Thesen bringt er linke Kollegen gegen sich auf. In der Außenpolitik unterstützte er US-Präsident George W. Bush, in der Wirtschaftspolitik tritt er für einen konsequent liberalen Kurs ein.

Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson

"Der Euro ist gescheitert"

Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson glaubt, die EU werde letztlich an der Euro-Krise scheitern. Dem Verantwortlichen für die drohende europäische Spaltung, dem Euro selbst, schade die Krise allerdings kaum.

Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson glaubt, die EU werde letztlich an der Euro-Krise scheitern. Dem Verantwortlichen für die drohende europäische Spaltung, dem Euro selbst, schade die Krise allerdings kaum.

Griechenland hat großen Anteil am Entstehen der europäischen Kultur, der Demokratie und Philosophie. Leitet Griechenland jetzt den Untergang Europas ein?

Jemand hat einmal gesagt: Wir können das Land von Plato nicht von der Währungsunion ausschließen. Das war ein schlechtes Argument, sogar ein sehr schlechtes, wie wir heute wissen. Griechenland ist ökonomisch so bedeutend für die Euro-Zone wie der Staat Washington für die USA. Der könnte kaum die USA in den Abgrund reißen.

Aber offenbar ist Griechenland systemrelevant.

Wenn es nur Griechenland wäre, könnten wir die Euro-Krise in zehn Minuten lösen. Doch eine exzessive Verschuldung und eine niedrige Arbeitsproduktivität haben so ähnlich auch Portugal, Spanien, Irland, Italien. Einiges davon hat sogar Frankreich. Die griechische Tragödie ist nicht ausschließlich griechisch. Die Krankheit hat über die Hälfte der Währungsunion erfasst.

Jetzt machen Sie Europa aber schlecht. Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble würden Ihnen antworten: Die USA machen mehr Schulden als die Euro-Zone insgesamt.

Der Vergleich hinkt. In den USA, einem föderalen Staat, steht Texas für Nevada ein, ohne dass sich jemand über einen Tabubruch beschwert. Zweitens profitieren die USA von ihrem enormen Privileg, mit dem Dollar die führende Reservewährung der Welt selbst zu drucken. Also können sie sich viel höhere Defizite ohne Unruhe leisten. Wenn Europas Regierungen so argumentieren, müssen sie die Vereinigten Staaten von Europa schaffen und den Euro zum zweiten Dollar machen. Bis dahin ist es ein langer Weg.

Wie gefährlich ist die Euro-Krise?

Sehr gefährlich. Es geht um die Existenz der Europäischen Union. Für mich ist dieses Szenario vollkommen plausibel: Der Euro überlebt die Krise, nicht aber die Europäische Union.

Wie soll das gehen – eine Währungsunion ganz ohne Europäische Union?

Es ist sehr schwer, die Währungsunion zu verlassen. Und es ist leicht, aus der EU auszutreten.

Aber muss es nicht so heißen: Euro und Europäische Union sind gemeinsam erfolgreich oder scheitern gemeinsam.

Im Gegenteil. Wenn der Euro Erfolg haben sollte, scheitert die Europäische Union. Das ist die Ironie: Der Euro ist der größte Antreiber einer europäischen Spaltung. Er trennt die 17 EU-Länder mit Euro von den zehn EU-Staaten ohne Euro. Zudem treibt er die Länder der Währungsunion auseinander. Der Euro ist gescheitert. Das Problem ist: Wir haben ihn und können ihn ohne riesige Kosten nicht wieder loswerden. Daher lautet meine Prognose: Europa steckt fest in seiner Euro-Krise.

Neill Ferguson über den Rettungsschirm auf Seite 2.

Gerade sind Europas Politiker aber stolz auf ihre Gipfelbeschlüsse. Schuldenschnitt für Griechenland, größerer Rettungsschirm, Hilfen für die Banken. War das alles nutzlos?

Nichts ist gelöst. Der Rettungsschirm soll größer werden, aber wie? Wir wissen es nicht.

Man hat sich auf einen Hebel in der ein oder anderen Form geeinigt.

Applaus. Champagner. Man hat sich geeinigt, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt. Das ist doch lächerlich. Die Regierungen können doch nicht ein Versagen als Erfolg verkaufen. Man kann nicht 440 Milliarden Euro in Billionen Euro verwandeln.

Jahrzehntelang wurden die Finanzmärkte dereguliert. Haben die Banken, die Anleger, die Aktionäre zu viel Macht bekommen?

Diese Geschichte erzählen viele, zum Beispiel der US-Ökonom Paul Krugman. Das Märchen geht so: Bis 1979 war alles schön, weil reguliert. Dann kamen die bösen Republikaner. Unter Präsident Ronald Reagan ließen sie in den 80er-Jahren die Finanzmärkte frei. Das Übel begann.

Klingt real dieses Märchen.

Erstens: Wer sich die Ära vor Reagan zurücksehnt, hat die Verhältnisse in den 70er-Jahren vergessen. Sowohl für Amerika als auch Europa waren es wirtschaftlich schlechte Zeiten. Im angeblich so großartigen System regulierter Finanzmärkte konnten Briten erbärmlich wenig Geld mitnehmen, wenn sie ins Ausland reisten. In dieser Ära hatten wir zweistellige Inflationsraten in vielen Ländern. Zweitens brachte die Deregulierung enorme Vorteile für die Bevölkerung.

Welche?

Zum Beispiel sind die Kreditkosten deutlich reduziert. Die Inflation hat an Schärfe verloren. Und die Weltwirtschaft wächst seit den 80er- Jahren deutlich schneller. Ohne die Deregulierung der Finanzmärkte wäre das Wunder der ökonomischen Globalisierung nach 1978 nicht möglich gewesen. Übrigens waren die Banken die am heftigsten regulierten Finanzinstitutionen, gerade in Europa. Doch genau dort haben die Banken das größte Rad gedreht.

Selbst scheinbar mächtige Regierungschefs beklagen, dass die Finanzmärkte die Politik vor sich hertreiben.

Wir sollten die Finanzmärkte nicht dämonisieren. Wir spielen alle selbst mit, etwa über unsere Altersvorsorge. Und die Manager unserer Pensionsfonds oder Lebensversicherungen haben kein Interesse, unser Geld durch Kredite an überschuldete Staaten zu verspielen. Das Gejammer der Politiker ist überzogen.

In ihrem neuen Buch schreiben sie über die Dominanz des Westens. Jetzt trumpfen China, Indien und Brasilien auf. Erleben wir einen Wendepunkt der Geschichte?

Ja. Nach fünf Jahrhunderten des westlichen Aufstiegs verändert sich die Welt und das sehr schnell. Die Schuldenkrise in den reichen Ländern ist nur ein Symptom für diesen Wandel. Unsere Generation erlebt das Ende der westlichen Dominanz.

Das Gespräch führte Markus Sievers.

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