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Klimaaktivistinnen wie Luisa Neubauer demonstrieren vor der Münchner Olympiahalle: Siemens will Schienensignaltechnik für eine Kohlemine in Australien liefern.

Klimaprotest bei Siemens

„Eure Erde, eure Zukunft!“

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Klima-Aktivisten und Klima-Ignoranten in einer Halle: Auf der Hauptversammlung von Siemens wird über Umweltschutz debattiert. Konzernchef Kaeser versucht sich als Vermittler.

An einer Stelle wird es eng für Siemens-Aktionäre: Klimaaktivisten liegen eng gedrängt am Boden. „Eure Erde, eure Zukunft!“, skandieren sie. Andere halten Plakate hoch. „Stoppt die größte Kohlemine der Welt“, steht auf einem, „Australien brennt“ auf anderen. Siemens betrifft das, weil der Konzern für die kritisierte Mine in Australien Signaltechnik für den zugehörigen Kohlezug liefert. Die meisten Anteilseigner sind wenig beeindruckt. „Ihr solltet besser in die Schule gehen“, rät ein älterer Herr den rund 300 meist jugendlichen Demonstranten. Auf ein angebotenes Gespräch über den „Brandbeschleuniger Siemens“ lässt er sich nicht ein. Draußen vor der Olympiahalle, dem Veranstaltungsort der Hauptversammlung, bleiben die Welten getrennt. Drinnen sieht es zunächst kaum anders aus.

Es sei grotesk, dass Siemens zur Zielscheibe von Klimaprotesten geworden sei, findet Konzernchef Joe Kaeser. Immerhin habe Siemens als erster Industriekonzern der Welt schon vor fünf Jahren verkündet, bis 2030 in den eigenen Werken weltweit klimaneutral fertigen zu wollen – und die Emissionen des Klimakillers Kohlendioxid (CO2) seit 2014 halbiert. Allerdings hat der Konzern Ende 2019 auch den Vertrag für die Kohlemine in Australien an Land gezogen. Das sehen nicht nur Klimaaktivisten kritisch.

Nachhaltigkeit zu predigen und dann einen im negativen Sinne klimarelevanten Vertrag zu unterschreiben, passt nicht zusammen, findet eine Aktionärsschützerin, die gleich als erste Rednerin auftritt. „Das bringt einen erheblichen Reputationsschaden, Sie haben unnötig gepatzt“, bescheinigt sie Kaeser. In diesem Stil geht es weiter. Eine Liste von mehr als 50 Rednern signalisiert einigen Gesprächsbedarf. „Klimawandel hat auch am Kapitalmarkt einen immer höheren Stellenwert“, redet ein Fondsmanager dem Siemens-Management ins Gewissen. Den Vertrag für die Kohlemine zu unterzeichnen, sei ein Fehler gewesen. Das Gros der Aktionäre und das Management waren sich allerdings einig in der Einschätzung: Einen einmal geschlossenen Vertrag wieder aufzuheben, wäre ein weiterer Fehler gewesen. Die Klimaaktivisten sehen das freilich anders.

„Siemens muss aus dem Vertrag aussteigen und notfalls auch Vertragsstrafe zahlen“, findet Lara Eckstein von der Bürgerbewegung Campact. Siemens habe einen Vertrag mit unlimitierter Haftung unterzeichnet, hält Konzernchef Kaeser dagegen. Es drohten Strafen in Milliardenhöhe. Dann schlägt er allerdings doch noch versöhnliche Töne an.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Kaeser beim Wort nehmen

„Als eine der wahrscheinlich letzten Management-Generationen können wir noch rechtzeitig für eine Wende in der Klimafrage sorgen“, sagt Kaeser im Stil eines Klimaretters und kündigt Taten an. Eine Milliarde Euro werde Siemens bis 2025 in Klimaschutztechnik wie grünen Wasserstoff stecken. Gut eine weitere Milliarde Euro lassen sich die Münchner den Zukauf von acht Prozent am Windkraftkonzern Siemens Gamesa kosten.

Das stockt den eigenen Anteil auf gut zwei Drittel auf, was ein Schritt in die unmittelbare Zukunft ist. Denn Siemens Gamesa wird in die neue Konzerntochter Siemens Energy integriert, die Kaeser im September an die Börse bringen will. Siemens Energy besteht derzeit noch zu zwei Dritteln aus Geschäften mit fossilen Energien von Kohle über Öl bis Gas. „Das ist ein Auslaufmodell“, findet eine Fondsmanagerin. Ein Modell, das sich auch wirtschaftlich kaum noch lohnt. Im jüngsten Geschäftsquartal sank die ohnehin magere Gewinnmarge von 3,8 auf noch kümmerlichere 1,4 Prozent. Die Minirendite ist aber immer noch besser als die 165 Millionen Euro Quartalsverlust im Windkraftgeschäft von Siemens Gamesa. Immerhin machen dort hohe Auftragseingänge Hoffnung darauf, dass die Sparte künftig auch wirtschaftlich etwas zum Erfolg des Konzerns wird beitragen können.

Einfach wird es für Siemens Energy aber fraglos nicht. Klimaaktivisten drängen zum Ausstieg aus fossilen Energiegeschäften. Kaeser weiß, dass die Abspaltung im Brennpunkt aller Klimadebatten steht. Managen muss das demnächst Siemens Energy-Chef Michael Sen. Mutterkonzern Siemens und Boss Kaeser delegieren das Problem per Ausgliederung.

Ein Aktionär versucht zu vermitteln. „Fossile Kraftwerkstechnik ist nicht anrüchig, solange sie nachweisbar CO2-Emissionen reduziert“, argumentiert er. Wenn das Beste nicht sofort zu erreichen sei, dann müsse man eben das Machbare umsetzen.

Ob diese Sicht Siemens auch vom Klimapranger der Aktivisten befreien wird, wird die nahe Zukunft zeigen. Anfang Juli lädt der Konzern zur außerordentlichen Hauptversammlung, die über Abspaltung und Börsengang von Siemens Energy befinden soll. Dort geht es dann um ein Geschäftsmodell, das sich hauptsächlich um fossile Energien dreht und nicht nur um eine kleine Zulieferung für eine große Kohlemine. Die Zeit bis dahin könnte man für einen konstruktiven Dialog zwischen Managern und Klimaaktivisten nutzen.

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