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Kurz mal schlürfen und dann weg damit: 105 500 Tonnen Einwegplastik landen hierzulande jährlich im Müll.

Plastikverbot

Weg mit dem Einweg

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Die EU beschließt ein Verbot für Einwegplastik. Damit verschwindet nur ein Bruchteil des Kunststoffs in Deutschland. Wirtschaft und Verbraucher könnten viel mehr Müll vermeiden.

Beim Cocktailtrinken gilt es für den Strohhalm, bei der Hygiene im Badezimmer für das Wattestäbchen: das Prinzip „Einmal benutzt, weg damit“. Aus der Welt sind die Einwegartikel damit freilich nicht. Unachtsam weggeworfen landen sie gar im Meer – zum Leidwesen seiner Bewohner, wie etwa die Studentin Christine Figgener eindrucksvoll dokumentierte, als sie für ein Forschungsprojekt nach Costa Rica reiste, um Meeresschildkröten zu untersuchen. Sie traute ihren Augen kaum, als sie einen zwölf Zentimeter langen Plastikhalm im Nasenloch einer Schildkröte entdeckte. Umso tragischer, da es für die Trinkhilfe längst plastikfreie Alternativen aus Stroh, Bambus, Glas oder sogar essbar in einer Nudel-Variante gibt.

So hat das nun auch das Europaparlament gesehen und am Mittwoch beschlossen, häufig vorkommende Einwegprodukte aus Plastik zu verbieten, für die bereits Alternativen auf dem Markt sind. Vorausgegangen war eine repräsentative Stichprobe an 276 Stränden in 17 EU-Mitgliedstaaten und an vier Regionalmeeren. Anhand der häufigsten Funde wurden die zehn Produkte ausgewählt, die nun bis 2021 vom europäischen Markt verschwinden sollen: Wattestäbchen, Trinkhalme, Einweggeschirr und -besteck sowie Kaffeerührstäbchen und aufgeschäumte Polystyrol-Behältnisse, in denen bislang etwa der Thai-Imbiss zum Mitnehmen serviert wird. Weitere Alternativen zu Plastikartikeln, die von dem Verbot nicht berücksichtigt sind, stellt die FR in den nebenstehenden Infoboxen vor.

Außerdem hat das Parlament eine Mindestsammelquote von 90 Prozent für Plastikflaschen auf dem europäischen Markt beschlossen. Ob dafür ein Pfandsystem eingeführt oder die Hersteller in die Verantwortung genommen werden, ist den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen. Bis 2029 soll die 90-Prozent-Quote erreicht werden. In Deutschland liegt die Sammelquote schon seit einigen Jahren darüber.

Hierzulande seien die nun verbotenen Einwegartikel allerdings sehr wohl ein Problem, sagt Nina Maier, Expertin für Meeresschutz beim Umweltbundesamt. „Zwar gibt es regionale Unterschiede in der Gewichtung der einzelnen Produkte, aber alle zehn Produkte fallen an allen Stränden an.“ Also auch in Deutschland, wo es nun „auf eine ehrgeizige Umsetzung der Richtlinie in deutsches Recht“ ankomme, sagt Maier auf FR-Anfrage.

Isolierverpackung aus Stroh - wer braucht da noch Styropor?

Da es sich um eine Richtlinie handelt, tritt das Verbot erst in Kraft, wenn sie in nationales Recht umgesetzt ist. Dafür haben die EU-Staaten nach Veröffentlichung im Amtsblatt zwei Jahre lang Zeit.

Bernhard Bauske, Experte für Plastikvermeidung bei der Umweltschutzorganisation WWF, nennt die EU-Verbote gegenüber der FR einen „notwendigen Feuerwehreinsatz“. Allerdings sei der Anteil des Einwegplastiks am gesamten Kunststoffverpackungsaufkommen „nicht hoch“. Laut einer Studie des Naturschutzbundes von 2017 betrug die Menge an verwendetem Einwegplastik in Deutschland 105 500 Tonnen. Demgegenüber geht das Umweltbundesamt von mehr als drei Millionen Tonnen an Kunststoffverpackungen aus, die in Deutschland 2016 weggeworfen wurden. Gleichzeitig verzeichnete der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie 2018 bei Plastikverpackungen und -konsumgütern im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der Produktion von 5,9 auf 6,1 Millionen Tonnen.

Mit Blick auf die vergleichsweise geringeren Mengen an Einwegplastik bedeutet das laut Bernhard Bauske aber nicht, „dass die Vermeidung und Reduzierung von Einwegverpackungen unwichtig ist, sondern dass neben den Produkten, die die EU-Richtlinie adressiert, auch die anderen Verpackungen reduziert und verändert werden müssen“.

Der Imbiss unterwegs muss bis 2021 in alternativen Verpackungen auf den europäischen Markt kommen.

Ebenso sieht Bauske „dringenden Handlungsbedarf“ beim Thema Mikroplastik in Kosmetika, Farben oder Reinigungsmitteln. Dazu hat das EU-Parlament am Mittwoch keine Verbote ausgesprochen. Brüssel hat das Thema jedoch als Problem erkannt, erklärt ein Sprecher auf FR-Anfrage: „Angedacht ist auch ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika und Reinigungsmitteln. Das aber ist nicht Teil dieser Richtlinie, sondern eine Empfehlung der EU-Chemikalienagentur ECHA.“ Ob die Kommission den Vorschlägen auch folgt, werde derzeit noch geprüft.

Statt Frischhaltefolie

Mit Bienenwachs, Baumwolle und Harz macht das schwäbische Start-up-Unternehmen Little Bee Fresh die Frischhaltefolie aus dem Kunststoff Polyethylen entbehrlich. Die Bienenwachstücher sind komplett kompostierbar. Doch bis sie auf dem Müll landen, lassen sie sich laut Hersteller bis zu einem Jahr lang benutzen. In Ein-zelfällen komme es gerade bei fettigen Lebensmitteln wohl zu Geschmacksveränderungen, doch sei keine Vorsicht geboten: Die verwendeten Bestandteile seien mit europäischen und nationalen Anforderungen an Lebensmittelkontaktmaterialien konform und würden in der Lebens-mittelbranche auch als Zusatzstoff verwendet. 

Statt Plastikflaschen

Frischhalten mit Bienenwachstüchern - die sind im Gegensatz zu Frischhaltefolie komplett kompostierbar.

Im Londoner Stadtteil Harrow ist man schon ganz ohne Plastikflaschen ausgekommen – zumindest beim Halbmarathon im September vergangenen Jahres. Statt zur Einwegtrinkflasche konnten die Läuferinnen und Läufer zu einer essbaren Wasserkugel greifen, um ihren Durst zu stillen.

Das britische Unternehmen Ooho hat eine Hülle aus Seetang und Calcium erfunden, in die sich Flüssigkeit einfüllen lässt. Noch sind die Getränkebälle zwar nicht auf dem Markt erhältlich, aber das Unternehmen verspricht, am Ball zu bleiben, im wahrsten Wortsinn. 

Statt Plastikbox

Bio-Tomaten aus der Plastikschale sind für umweltbewusste Verbraucher schon lange ein hölzernes Eisen. So war das auch bei Eduardo Gordillo, Gründer der Bio-Lutions International AG in Hamburg. Der Unternehmer hat eine Methode entwickelt, mit der sich die Tomatenverpackung aus pflanzeneigenen Abfallstoffen herstellen lässt. Die Pflanzenreste werden maschinell zu feinen Faserstückchen zermahlen. Dabei entstehen selbst bindende nano- und mikrofibrillierte Fasern, die sich wie bei einem Klettverschluss selbst aneinander anlagern. Mit etwas Wasser entsteht ein Faserbrei, der sich in alle möglichen Formen pressen lässt – ob zur Gemüseverpackung oder zum komplett kompostierfähigen Teller.

Statt Styropor

Fleisch aus der Strohverpackung – das Unternehmen Landpack macht’s möglich. Mit umweltfreundlichen Isolierverpackungen aus Stroh wollen die oberbayerischen Gründer Styropor ersetzen – also aufgeschäumtes Polystyrol, wie der gängige Kunststoff gemeinhin genannt wird. Die Landbox besteht aus reinem und gereinigtem Stroh und enthält keine Zusatzstoffe – lässt sich also nach dem Auspacken der Lieferung einfach auf dem Biomüll entsorgen. Ihr Wärmeleitwert entspricht dem von Styropor, auch preislich ist die Landbox vergleichbar. Nach eigenen Angaben beliefert das Unternehmen bereits 700 Lebensmittelfirmen, darunter Andechser Natur, Alnatura, Käfer und Dr. Oetker. 

Statt Mikroplastik

Drogerieentwickler setzen bei der Herstellung ihrer Produkte in vielen Fällen bewusst auf Mikroplastik, hinzu kommen häufig chemische Extrakte, Säuren, Parfüme und Vitamine. Nicht so bei dem komprimierten Viskose-tuch Pure Napkin, das als Art Tablette erhältlich ist. Sie besteht zu mehr als fünfzig Prozent aus Bambusfasern, der Rest ist Holzzellstoff. Damit ist das Pflegetuch nach dem einmaligen Gebrauch vollständig biologisch abbaubar – und kommt ohne die umweltschädlichen Begleitumstände aus, die herkömmliche Baumwolltücher mit sich bringen: Wäsche, Reinigungsmittel, Bleichmittel, Strom, Wasser. Vor allem in der Hotellerie könnte sich Pure Napkin also auszahlen.

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