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Brennender Regenwald im Amazonas-Gebiet. 

Handelsabkommen

EU-Mercosur-Vertrag: Ein hoher Preis

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Die Folgen des EU-Mercosur-Vertrags sind für die brasilianische Wirtschaft viel weitreichender als die Erosion von Umweltstandards und Menschenrechten. Der Gastbeitrag. 

Zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur – bestehend aus Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay – soll die größte Freihandelszone der Welt entstehen. Besonders Brasilien hofft dadurch auf steigende Agrarexporte in die EU, zum Beispiel bei Rindfleisch und Soja. Für Kritiker des Handelsabkommens gehen die brasilianischen Exportambitionen jedoch auf klaren Konfrontationskurs mit den im Pariser Klimaabkommen zugesagten Klimaschutzzielen des Landes. Viele sehen sich durch die anhaltenden Amazonas-Brände in ihrer Kritik bestätigt und erhielten dabei jüngst prominente Unterstützung durch den französischen Staatspräsidenten Macron.

Jedoch greift die Darstellung Brasiliens als einseitigen Profiteur des Handelsabkommens zu kurz. Im Gegenteil wirft Brasiliens Enthusiasmus für Agrarexporte – neben berechtigter Bedenken zur Nachhaltigkeit der Landnutzung – auch Fragen im Hinblick auf Brasiliens langfristige Industrialisierungsstrategie auf. Der Preis für den EU-Marktzugang könnte sich für das Schwellenland langfristig gar als zu hoch herausstellen.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute:

Frederik Stender. Der Autor ist Ökonom am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Denn während europäische Umweltaktivisten und Landwirtschaftsverbände eine Flut von brasilianischen Agrarprodukten fürchten, droht dem Mercosur umgekehrt die Schwemme wettbewerbsfähigerer europäischer Industrieprodukte. Chancen und Risiken sind dabei unter den vier südamerikanischen Mitgliedern sehr ungleich verteilt. So dürften Argentinien, Paraguay und Uruguay tendenziell von niedrigeren Preisen und Technologie-Know-how profitieren. Für Brasilien ändern sich die Spielregeln allerdings erheblich. Lange Zeit überschüttete das Land seine kleineren Nachbarn nämlich selbst mit einem Produktsortiment von Bier und Kleidung bis hin zu Autos. Konnte Brasilien bisher seinen regionalen Wettbewerbsvorteil im durch Außenzölle geschützten Mercosur-Binnenmarkt noch ausnutzen, hebt das EU-Mercosur-Abkommen diese künstliche Schutzzone nun auf. Dass Brasiliens Industrie dem europäischen Wettbewerbsdruck mehrheitlich gewachsen ist, gilt als unwahrscheinlich.

Brasilien könnte also mit dem EU-Mercosur-Abkommen neben seinen natürlichen Ressourcen auch seinen Industrialisierungsgrad riskieren. Im schlimmsten Fall droht die Rückentwicklung zu einem reinen Agrarstaat ohne Regenwald. 

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