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Fachmann Kommer übers Investieren: „Immobilien sind aktuell unattraktiv“

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Von: Moritz Serif

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Gerd Kommer, Betriebswirt und Autor, verrät Ihnen, welche Anlagestrategie bei dem Aufbau einer Altersvorsorge helfen kann.
Gerd Kommer, Betriebswirt und Autor, verrät Ihnen, welche Anlagestrategie bei dem Aufbau einer Altersvorsorge helfen kann. © Gerd Kommer

Betriebswirt Gerd Kommer ist ein Freund der defensiven Anlagestrategie. Von Immobilien zur Vermietung rät er ab. Kryptowährungen sieht er kritisch.

Frankfurt/Berlin - Die Mehrheit der Menschen in Deutschland parkt ihr Geld auf dem Girokonto – oder hortet Geld auf dem Sparbuch. Das Problem: Die Inflation frisst das Guthaben nach und nach auf. Außerdem gibt es so gut wie keine Zinsen. Wie also vorgehen?

Betriebswirt Gerd Kommer hat bereits mehrere Bestseller zum Investieren verfasst. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht er darüber, wie der Aufbau einer Altersvorsorge gelingen kann und wie sich Anleger:innen gegen die Inflation schützen können. Im zweiten Teil des Gesprächs wird es um den 10xDNA Fonds von Unternehmer Frank Thelen gehen.

Herr Kommer: Welche Form der Geldanlage würden Sie meinen Leser:innen empfehlen, wenn wir von einer defensiven, möglichst risikoarmen und langfristigen Anlagestrategie ausgehen?

Gerd Kommer: Dann müssten Ihre Leser einen nennenswerten Teil in Aktien investieren. Langfristig deutlich positive Renditen nach Inflation, Kosten und Steuern sind mit diesem Asset am ehesten möglich. Sie müssen allerdings breit streuen. Das geht mit ETFs am einfachsten. Zinstragenden Anlageformen, z. B. Tagesgelder, garantieren derzeit keine dauerhafte positive Rendite. Auch in den nächsten zwei bis drei Jahren ist das nicht zu erwarten. Kapitalbildende Lebensversicherungen sind ebenfalls keine sinnvolle Option. 

ETF - einfach erklärt

Ein ETF ist ein börsengehandelter Indexfonds. Er bildet die Wertentwicklung eines Index ab. Beispielsweise den des DAX, den bedeutendsten deutschen Aktienindex. So können Sie Ihr Investment mit einem MSCI World-ETF auf rund 1.600 Unternehmen aus aller Welt streuen. Dadurch haben Sie ein geringeres Ausfallrisiko, als wenn Sie Einzelaktien kaufen würden. Dennoch kann es zu Wertschwankungen kommen. Im schlimmsten Fall jahrelang. Allerdings sind die Kurse nach jedem Crash wieder gestiegen. Es handelt sich um eine passive Form des Investierens.

Immobilien scheinen aktuell bei vielen Menschen ebenfalls hoch im Kurs zu stehen.

Ja, das war schon immer so. Ein Grund dafür ist, dass viele Privathaushalte die nachhaltigen Renditen von Immobilien überschätzen und ihr Risiko unterschätzen, vor allem bei kreditfinanzierten Objekten. Auf alle Fälle sind Immobilienpreise in Deutschland derzeit exorbitant hoch und das bedeutet aus der Sicht der Wissenschaft geringe Renditen in der Zukunft. 

Mit den Immobilienpreisen in Paris, London oder New York werden deutsche Städte doch nicht mithalten können?

Ja und nein. In Paris oder London ist der Quadratmeter zwar in der Tat noch teurer als in Berlin, Hamburg oder München. Allerdings sind die Mietrenditen in Deutschland, also das Verhältnis von Mieten zu Immobilienpreise, in deutschen Großstädten ganz besonders niedrig. Das Gleiche gilt für das Verhältnis von Durchschnittseinkommen zu Preisen. Daran gemessen sind Bewertungen von Wohnimmobilien in deutschen Großstädten heute sogar höher als in Paris oder London. Immobilien sind aktuell unattraktiv. Die Transaktionen, also Käufe und Verkäufe, sind bereits sehr stark zurückgegangen. Historisch war ein solcher Rückgang oft ein Vorbote von fallenden Preisen. 

Gerd Kommer rät vom Immobilien-Kauf ab

Es gibt aktuell zum ersten Mal seit längerer Zeit eine Krise in der Baubranche. Es wird weniger gebaut. Aufträge sind im Vergleich zu Boomzeiten eingebrochen. 

Ja, Baumaterialien sind aus den bekannten Gründen viel teurer geworden und oftmals nicht mehr termingerecht lieferbar. Dazu kommt, dass Bauträger überwiegend nicht die Hoffnung haben, diese Mehrkosten in Form entsprechend erhöhter Mieten wieder hereinzuverdienen. Es ist auch nicht abzusehen, dass der Staat höhere Mieten tolerieren würde. Außerdem kommen wir wohl in eine ernsthafte Konjunkturkrise. Die inflationsbereinigten Einkommen der Haushalte werden daher erst einmal nicht steigen, sondern vermutlich fallen. Es sieht schlecht für diejenigen aus, die den Kauf einer Wohnimmobilie zur Vermietung in Erwägung ziehen. 

Der Vollständigkeit halber – auch wenn es sich um eine sehr risikoreiche Anlageklasse handelt: Was ist mit Kryptowährungen?

Bitcoin, die bekannteste Kryptowährung, hat seit dem letzten Höchstpreis vor etwa einem Jahr per Anfang Oktober fast 70 Prozent verloren. In seiner kurzen Existenz seit 2009 ist Bitcoin sechsmal um 50 Prozent oder mehr abgesackt. Bei zahlreichen anderen Kryptowährungen – es gibt mehrere Tausend – sieht es genauso schlecht aus. Kryptos sind daher für normale Privathaushalte als Vermögensanlage eher nicht zu empfehlen. Außerdem glaube ich, dass noch beträchtliche aufsichtsrechtliche Risiken in Bezug auf Kryptowährungen vorhanden sind, die viele Krypto-Fans ausblenden.

Kommer: Staaten werden Krypto als „echte Währung“ nicht zulassen

Was meinen Sie mit aufsichtsrechtlichen Risiken?

Um renditemäßig wieder erfolgreich zu werden, müssten Kryptowährungen sich allmählich in Richtung „echte Währung“ entwickeln. Sie müssten zu Zahlungsmitteln werden, die normal und nennenswert eingesetzt werden. Das werden die Staaten und Zentralbanken der großen Länder nicht zulassen, da die Geldpolitik der Regierungen unmöglich gemacht würde. Ohne Geldpolitik funktioniert die Wirtschaftspolitik der Staaten aber nicht. Staaten tolerieren Kryptowährungen bisher nur, weil sie aktuell makroökonomisch praktisch keine Bedeutung haben. Von einem Verbot hätten Staaten aktuell keinen Vorteil.

Trotzdem gibt es in der Kryptowelt die Ansicht, dass Bitcoin eines Tages Gold als Wertspeicher ablösen könnte. Speziell während der Inflation. Was halten Sie von dieser These?

Nichts. Als Wertspeicher sind Krypto-Anlagen viel zu schwankungsintensiv, zu kompliziert und generell rechtlich zu risikoreich. Dass man sich mit Krypto-Investments kurz- und mittelfristig gegen die Inflation absichert, hat weder in den vergangenen zwölf Monaten, noch in den letzten zwölf Jahren gestimmt. Echter Inflationsschutz setzt zunächst einmal weit geringere Wertschwankungen voraus.

Zur Person: Gerd Kommer

Gerd Kommer ist ein deutscher Investmentbanker und Autor. Unter anderem verfasste er den Bestseller „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“. Kommer studierte BWL, Steuerrecht, Germanistik und Politikwissenschaft in Deutschland, den USA und Liechtenstein (M.A., MBA, Dr. rer. pol., LL.M.). Außerdem hat er eine Vermögensverwaltung auf Basis von Indexfonds gegründet. Kommer ist auch als „ETF-Papst“ bekannt.

Ist Gold beim Inflationsschutz eine Alternative zu Kryptoanlagen?

Gold können Sie meiner Ansicht nach eher in Betracht ziehen als Krypto. Allerdings sind die langfristigen Renditen schlechter als die von Aktien. Das Schwankungsrisiko ist jedoch genauso hoch oder höher. Dass der Goldpreis immer dann in die Höhe schießt, wenn eine ernste globale Krise stattfindet, stimmt übrigens auch nur bei „jeder zweiten“ solcher Krisen. Während des Zweiten Weltkriegs war das beispielsweise nicht der Fall. Auch derzeit scheint es nicht zu funktionieren.

Sie selbst sind offenbar eher ein defensiver, konservativer Anleger.

Ja, das kann man so sagen. Spekulative Wetten eingehen und Zocken kommt für mich nicht in Betracht. Dafür ist mir mein sauer Verdientes zu schade und was Gier und Neid anbelangt, habe ich mich gut unter Kontrolle. 

Gilt das auch in Zeiten von Krise und Inflation?

Die Anlageklasse Aktien-global ist aktuell normal bewertet. Lediglich Tech-Aktien und US-Aktien sind immer noch vergleichsweise teuer. Wer breit mit ETFs in den globalen Aktienmarkt investieren möchte, braucht nicht zu zögern. Und ETF-Investments kann eigentlich jeder. Dafür muss man ja kein Aktienexperte sein und auch nicht viel Zeit aufwenden.

Wichtigstes ETF-Auswahlkriterium: geringe Kosten

Welcher ETF schwebt Ihnen vor? 

Konkrete ETFs möchte ich aus rechtlichen Gründen nicht nennen. Ein ganz normaler ETF auf den bekannten MSCI World Index und vielleicht ein zweiter auf den ebenfalls bekannten MSCI Emerging Markets Index – das wäre ein guter Start. Für beide Indizes existieren viele ETFs. Das wichtigste Auswahlkriterium sollte dabei eine niedrige Kostenquote sein. Wenn man das sicherstellt, kann man bei der Auswahl eigentlich nicht viel falsch machen. Der Markenname des ETFs spielt keine Rolle. 

Der MSCI World Index

Der MSCI World setzt sich aus den größten Aktiengesellschaften der Welt zusammen. Er bildet die Wertentwicklung von rund 1.600 Unternehmen aus 23 Industriestaaten ab. Allerdings dominieren US-Firmen, da sie am meisten im Index vertreten sind. Das ist auch einer der Hauptkritikpunkte am MSCI World. Schwellenländer wie China, Brasilien und Indien sind vom Index nicht erfasst. Diese deckt der MSCI Emerging Markets Index ab.

Gibt es auch klimafreundliche ETFs, die eine Rendite zwischen fünf und sechs Prozent nach Abzug der Inflation erzielen oder ist das Träumerei?

Das würde ich so nicht bestätigen. Der sich bildende Konsens in der Wissenschaft, so wie ich ihn interpretiere, geht dahin, dass umweltfreundliche ETFs eher eine etwas geringere Rendite haben werden als konventionelle ETFs. Wie die Renditen von sogenannten ESG-ETFs im Vergleich zu konventionellen Aktieninvestments in Zukunft abschneiden, ist schwer abschließend zu sagen.

Am Ende wäre es aber so oder so besser in grüne oder in konventionelle Aktien-ETFs zu investieren als das Geld auf dem Sparkonto liegenzulassen oder?

Ja, absolut. Jeder Haushalt sollte eine persönliche Liquiditätsreserve bilden. Fünfmal die monatlichen Lebenshaltungskosten müssten es schon sein. Diesen Geldbetrag sollten Anleger auf ein gesondertes Konto legen und nicht mehr anrühren. Erst dann kann man mit der eigentlichen Vermögensbildung und Altersvorsorge beginnen. Hier sind Aktien das Asset der Wahl – außer ein Haushalt möchte innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Immobilie zu Wohnzwecken kaufen. (Moritz Serif)

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