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Schädliche Rückstände auch im Obst.

Pestizide

Nie war das Essen so giftig wie heute

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Das jüngste Lebensmittelmonitoring hat unerwartet hohen Pestizidbelastungen bei Wirsing, Grünkohl und Kopfsalat ergeben. Der Bauernverband tobt - weil die Daten veröffentlicht wurden.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sieht sich starkem Druck der Landwirtschaftslobby ausgesetzt: Die Veröffentlichung des jüngsten Lebensmittelmonitorings mit unerwartet hohen Pestizidbelastungen bei Wirsing, Grünkohl und Kopfsalat stoßen Bauernverband, Raiffeisenverband und den Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse sauer auf: Sie empfinden vor allem eine Pressemitteilung zu dem 87 Seiten langen Werk als "skandalös", denn sie unterschlage, dass die Rückstände in Obst und Gemüse insgesamt gesunken seien.

Dass dieser Rückgang auch in der europaweiten "Harmonisierung" der Höchstmengen begründet sein kann, worauf das BVL seit Jahren hinweist, geht in den Angriffen der Lobby unter. Für etliche Wirkstoffe gelten seit September beträchtlich höhere Höchstmengen. Klarheit könnte der nächste BVL-Bericht bringen: Er erscheint im November. Zuvor soll es ein Gespräch zwischen BVL sowie Handel und Erzeugern geben, um die Bedeutung des Themas erneut klarzumachen, heißt es.

Der Protest der Lobby wirkt angesichts der Zahlen des Monitorings seltsam: Mehr als sieben Prozent der Äpfel haben mehr Pestizidrückstände unter der Schale als erlaubt, fast zehn Prozent der Kopfsalate wiesen 2007 ein Übermaß auf und zwölf Prozent der Pfirsiche. Getoppt wurden diese Werte noch von Wirsing mit 14,3 und Grünkohl mit 20 Prozent unstatthaft hoher Restgifte. Das Besondere am Grünkohl: Die Tester der Lebensmittelüberwachung fanden einen bunten Cocktail von Wirkstoffen, die für dieses Gemüse nicht zugelassen sind.

Der Ausschnitt aus dem BVL-Bericht zeigt, wie weit die Branche vom Ziel entfernt ist, das gerade erst vom Bundestag bestätigt wurde. Demnach darf allenfalls ein Prozent der Agrarprodukte den jeweils statthaften Wirkstoff-Level überschreiten. Dieses Ziel, darauf weist die Grünen-Abgeordnete Cornelia Behm hin, war von Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer gestrichen worden, wurde nun aber sogar um den Aspekt der Importware erweitert.

Organisationen wie Greenpeace haben Erzeugern und Händlern jahrelang den Giftcocktail unter die Nase gerieben. Zwar hat der Handel das Pestizid-Problem erkannt und darauf beim Einkauf reagiert. Zum Teil macht er Erzeugern und Importeuren klare Vorschriften, so dass Fachleute beim BVL davon ausgehen, dass Rückstandsfreiheit zum "Wettbewerbskriterium" wird. Noch aber bleiben durchgreifende Erfolge aus.

Das zeigt auch der EU-Bericht über die Pflanzenschutzmittel-Problematik, der in wenigen Tagen veröffentlicht wird. Der Report stößt vor dem Hintergrund einer auf EU-Ebene anstehenden Reduzierung der Zahl künftig erlaubter Wirkstoffe auf große Aufmerksamkeit: Zwar belegt der der Frankfurter Rundschau vorliegende Berichtsentwurf, der die Lage für das Jahr 2006 in der EU beschreibt, dass in 51,5 Prozent der Früchte, Gemüse und Getreide keine nachweisbaren Pestizidreste enthalten waren. Gleichzeitig aber hält der Report fest: In 4,7 Prozent der in der EU gezogenen 54 747 Obst- und Gemüseproben lag die Belastung oberhalb der Grenzwerte. Elliot Cannell, Koordinator des Pesticide Action Network (PAN): "Das sind die schlechtesten Pestizid-Resultate, die wir je gesehen haben."

Denn nicht nur das Ein-Prozent-Ziel ist damit fast fünffach überschritten. Zudem gab es in den letzten zehn Jahren keinen negativeren EU-Bericht: 1996 waren nicht 51,5 Prozent, sondern 60 Prozent und 1999 sogar noch 64 Prozent der Proben rückstandsfrei. 1996 verzeichneten die Labore zugleich nur in drei Prozent der Proben Höchstwertüberschreitungen, 2002 waren es 5,5, heute 4,7 Prozent.

Das BVL weist jedoch darauf hin, dass die Labore heute auf weit mehr Stoffe testen als früher: Im BVL-Bericht für 2007 etwa fahndeten die Fachleute nach 717 Stoffen, fünf Jahren zuvor waren es gerade 411. Sie werden also zwangsläufig auch öfter fündig.

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