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Demonstranten protestieren gegen eine Neustrukturierung des Stromunternehmens.

Strom

Südafrika versinkt in Finsternis

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Der marode Stromkonzern Eskom steht kurz vor dem Bankrott. Schon jetzt müssen die Menschen Stunden ohne Elektrizität auskommen.

Zunächst eine Erklärung zum Haftungsausschluss: Dieser Artikel wurde in einer der immer zahlreicher werdenden stromlosen Phasen in Johannesburg verfasst, die der südafrikanische Elektrizitätskonzern euphemistisch „load shedding“, also Lastenverminderung, nennt. Die Batterie des Laptops Ihres Korrespondenten steht auf 25 Prozent: Etwaige Flüchtigkeitsfehler sollten nicht ihm, sondern dem Stromkonzern Eskom angelastet werden. Sollte Ihnen im Text einiges unglaubwürdig vorkommen, ist das allerdings nicht unbedingt in der Eile entstandenen Fehlern zuzuschreiben: Was am Kap der Guten Hoffnung derzeit in Sachen Strom passiert, würde anderswo als schlechter Witz betrachtet werden. 

Ende April droht Südafrika vollends in der Finsternis zu versinken. Dann wird Eskom, der noch vor 20 Jahren von der Financial Times als „Stromkonzern des Jahres“ ausgezeichnet wurde, endgültig pleite sein. Schon heute steckt das Staatsunternehmen mit umgerechnet fast 30 Milliarden Euro in der Kreide, das sind rund 15 Prozent der gesamten Staatsverschuldung. Um Schulden zu tilgen und Personalkosten zu bezahlen, muss der Konzern schon heute mehr ausgeben, als er einnimmt: „Wir sollten den Zustand genauso ernst wie einen Kriegsausbruch nehmen“, meint Wirtschaftsanalyst Iraj Abedian. 

Anfang der Woche schrammte Eskom nur knapp am GAU vorbei. Hätte der Strommonopolist nicht hastig weite Teile der Bevölkerung in Finsternis versetzt, wäre das Netz erstmals in der Geschichte des Landes völlig zusammengebrochen. In diesem Fall, sagen Fachleute, dauert es mindestens zehn Tage, bis der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Seitdem müssen die Südafrikaner wechselweise vier bis fünf Stunden am Tag auf den Segen der Neuzeit verzichten, mit allen Qualen, die damit verbunden sind. Kilometerlange Staus vor ausgefallenen Ampeln, kollabierende Mobilfunknetzwerke, geschlossene Läden, kein Kaffee, verzweifelte Gemüter.

Inzwischen plant Eskom sein „load shedding“ zumindest im Voraus: Über eine App, die sich Kunden aufs Smartphone herunterladen können, wird die Trennung von der modernen Nabelschnur ankündigt. Radiostationen veranstalten Ideenwettbewerbe, was man in der stromlosen Zeit so alles machen kann: Die Stimmung der Bevölkerung wird damit nur geringfügig gehoben.

Die Faktenlage ist unmissverständlich. Jahrelang missbrauchten führende Politiker den Konzern als ihren Geldautomaten: Staatspräsident Jacob Zuma schusterte seinen Freunden, vor allem der indisch-stämmige Gupta-Familie, überteuerte Zuliefererverträge zu. Schon nach der politischen Wende vor 25 Jahren hatten sich viele weiße Ingenieure aus dem Staatskonzern verabschiedet, in dem sie für sich keine Zukunft mehr sahen: Sie wurden von immer mehr neuen Angestellten ersetzt, die zur Produktivität des Unternehmens nicht unbedingt beitrugen. Zwischen 2003 und 2018 stieg die Zahl der Beschäftigten von 32.000 auf 48.000 – bei eher rückläufiger Stromproduktion. Unterdessen verdreifachten sich die Lohnkosten.

Verdienstvollerweise hatte die neue demokratische Regierung nach dem Ende der Apartheid dafür gesorgt, dass Millionen schwarzer Haushalte ans Netz angeschlossen wurden: Sie hatte allerdings versäumt, auch für einen entsprechenden Anstieg der Stromproduktion zu sorgen. 

Im Jahr 2008 gab die Regierung deshalb zwei riesige Kohlekraftwerke in Auftrag, an deren Bau auch die Regierungspartei mit verdiente. Heute stellen sich die beiden Kohlenstoffschleudern als gigantische Fehlinvestitionen heraus: Ihre Kosten haben sich in einem Fall verdoppelt, im anderen versechsfacht. Selbst Jahre nach ihrem beabsichtigten Fertigstellungstermin fahren die Kraftwerke nur auf einem Bruchteil ihres eigentlichen Vermögens. Nach Auffassung von Fachleuten handelt es sich um glatte Fehlkonstruktionen. 

ANC-Chef Cyril Ramaphosa will Eskom neu strukturieren und Personal einsparen, zieht sich damit jedoch den Zorn der Gewerkschaften zu. Kurzfristig wird der Regierung ohnehin nichts anderes übrigbleiben, als weitere Milliarden an Steuergeldern in den maroden Moloch zu versenken: Mittel, die der Staat dringend zur Wiederbelebung seiner darbenden Wirtschaft bräuchte. Ramaphosa hatte den Südafrikanern einen neuen „dawn“, einen neuen Sonnenaufgang, versprochen. Doch jetzt legt sich erst einmal die Finsternis übers Land.

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