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Eva Fricke.
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Eva Fricke.

Weinbau

„Es wird oft ein Idyll vom Weinbau gesponnen, das so nicht stimmt“

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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Die Rheingau-Winzerin Eva Fricke über ihre ungewöhnliche Karriere, Frauen im Weinbau und die Folgen des Klimawandels für ihre Branche.

Als Jugendliche wollte sie Bierbrauerin werden, doch dann entdeckte Eva Fricke ihre Leidenschaft für Wein und entschied sich anders. Heute betreibt die 43-Jährige erfolgreich ihr eigenes Weingut im Rheingau. Mit ihrer Ernte 2019 ist ihr ein Coup gelungen: Der renommierte US-Weinkritiker Robert Parker zeichnete ihre „Lorche Krone Riesling Trockenbeerenauslese“ mit 100 Punkten aus. In seiner mehr als 40-jährigen Kritiker-Geschichte ist es das erste Mal, dass ein Wein aus dem Rheingau diese Top-Bewertung erhalten hat. Und mehr noch: Auch der bekannte Weinexperte James Suckling vergab gleich zwei Mal 100 Punkte an Frickes Weine: Zum einen ebenfalls für die Riesling Trockenbeerenauslese sowie zusätzlich für die „Lorcher Krone Riesling trocken“ aus dem Jahr 2019. Im Interview mit der FR spricht Fricke über ihre ungewöhnliche Karriere und warum sie den Weg, den sie genommen hat, so nicht noch einmal einschlagen würde.

Frau Fricke, Ihre Weine sind kürzlich von gleich zwei berühmten Kritikern geadelt worden. Haben Sie eine Party geschmissen, als Sie die Nachricht erhalten haben?

Als erstes kam die Bewertung von Parker, das war im August. Ich war mit meinem Freund abends bei unserem griechischen Lieblingsrestaurant Alexis in Eltville essen. So um neun oder zehn Uhr rappelte wie wild mein Telefon vor eingehenden Emails. Mein neuer US-Importeur schrieb: „Glückwunsch, sensationelle Bewertung. Das ist total irre“. Da hatte Parker die Bewertung veröffentlicht. Mein Freund und ich waren vollkommen sprachlos und haben uns erstmal eine weitere Flasche Rotwein genehmigt, und dann allen Mitarbeitern die Nachricht geschrieben. In Deutschland wurde die Bewertung tagelang kaum zur Kenntnis genommen, aber aus dem Ausland habe ich sofort viele Rückmeldungen bekommen. Im September kam dann die Bewertung von Suckling, die ist international eingeschlagen wie eine Bombe. Da gab es ja auch 100 Punkte für die „Lorcher Krone“, einen trockenen Wein, das ist ein ganz besonderer Erfolg. Edelsüße Weine erreichen häufiger die Top-Punktezahl, trockene eher selten.

Wie muss ich mir das Prozedere vorstellen: Kann jedes Weingut Weine an Parker und Suckling schicken und auf eine gute Bewertung hoffen?

Nein, das geht – so weit ich weiß – nicht. Man wird eingeladen, die Bewerter müssen also auf dich aufmerksam werden. Dann schickt man die Weine ein, die Verkoster melden sich häufig noch telefonisch oder per Email mit Rückfragen. Sie wollen beispielsweise wissen, welche Stärken und Schwächen der Jahrgang hat oder haben Fragen zum Anbau des Weines. Und dann hört man monatelang nichts mehr bis zur Veröffentlichung der Bewertung.

Waren Sie sich bewusst, dass es die 100 Punkte werden könnten, oder war das eine totale Überraschung?

Wir haben schon bei der Ernte bemerkt, dass es ein außergewöhnliches Jahr ist. Viele Trauben sahen aus wie saftige, helle Rosinen. Das hatte ich zuvor nur einmal gesehen: 2006 am Rüdesheimer Schlossberg, als ich für das Weingut Leitz arbeitete. Das passiert nur ganz ganz selten. Als wir die Trauben geerntet haben, sagte mein Außenbetriebsleiter im Spaß: „Da hast Du Deine 100 Punkte.“ Ich habe mich dann nochmal hingesetzt und stundenlang diese Beeren händisch sortiert, und wir haben zusammen weitere technische Schritte geplant.

Sie haben einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Sie stammen nicht aus einer alt eingesessenen Winzerfamilie, sondern aus einer Arztfamilie aus der Nähe von Bremen. Gönnen Ihnen die anderen, meist seit Generationen geführten Winzerbetriebe, diesen Erfolg?

Ich bin überwältigt von den vielen Glückwünschen, die ich erhalte. Der Vorstand der Kloster Eberbach Stiftung etwa hat mir persönlich geschrieben und andere Kollegen wie wichtig diese Top-Bewertung auch für die Region sei. Das sehe ich auch so: Es ist ein Erfolg für den Rheingau, und besonders für den Ort Lorch, nicht nur für mich und mein Team. Aber ich weiß auch, dass es Getuschel gibt: Kollegen, die erzählen, ich hätte die Auszeichnung nur bekommen, weil ich eine Frau bin. Ins Gesicht gesagt hat mir das aber noch niemand. Und es ist Unsinn: Mein Team und ich haben die Bewertung bekommen, weil wir hart für diesen Erfolg gearbeitet haben und die Natur uns 2019 ein großes Geschenk gemacht hat.

Fühlen Sie sich als „Zugereiste“ oft als Außenseiterin?

Nein, heute würde ich das nicht mehr sagen. Ich war mal Außenseiterin, aber ich fühle mich inzwischen dazugehörig. Natürlich weiß ich: Meine Geschichte ist einigen Menschen in der Branche suspekt. Dass ich in 16 Jahren einen 17-Hektar-Betrieb aus dem Nichts aufgebaut habe, ohne ein Weingut geerbt zu haben, ohne Familienmitglieder, die mit anpacken, das kommt nicht so oft vor. Und manchmal denke ich, dass meine Herkunft schon nachteilige Effekte hat. Wir suchen derzeit nach Bauland für eine Kellerei und Vinothek, das gestaltet sich sehr zäh. Nun ist der Rheingau sowieso eng besiedelt, es gibt ein Hauen und Stechen um Land und einen Interessenkonflikt zwischen Landwirtschaft und städtebaulicher Entwicklung. Von auswärts zu kommen macht es nicht leichter.

Einst war der Weinbau eine Männerdomäne. Aber inzwischen gibt es sehr viele erfolgreiche Winzerinnen. Würden Sie sagen, dass in der Branche die Gleichberechtigung Einzug erhalten hat?

Ja, es gibt viel mehr Winzerinnen als noch vor einigen Jahren. Die meisten stammen aus Weinbaufamilien. Als Frau in der Branche muss man aber hart im Nehmen sein. Ich habe einige Dinge erlebt, die vermutlich unter das Stichwort „MeToo“ fallen würden. Man bekommt auch harte Abfuhren. Als ich mich nach dem Studium beworben habe, kamen oft gar keine Antworten oder Absagen mit Begründungen wie „die physischen Fähigkeiten sind nicht ausreichend“ oder „Wir nehmen keine Frau im Keller“. Die Ehefrau eines bekannten Winzers aus dem Rheingau hat meine Bewerbung sogar mit „das blonde Gift kommt mir nicht in den Keller“ kommentiert. Es gab unter den Winzerinnen leider wenig Zusammenhalt, heute ist das schon ganz anders. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich einige Gründe für Absagen heute verstehen kann.

Was meinen Sie genau?

Es gibt sehr viele körperliche Arbeiten auf einem Weingut, die für Frauen schwerer als für Männer oder kaum zu bewältigen sind. Die meisten Frauen, die wir in der Weinszene sehen, haben einen Partner oder Bruder oder Vater und Großvater, die mitanpacken. Es sind Mehrgenerationenbetriebe. Sonst ist es wirklich schwierig. Ich glaube, junge Frauen, die in den Beruf wollen und nicht dieses Familien-Backing haben, sollten sich ganz klar vor Augen führen, was das heißt: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist sehr schwierig, man muss für den Vertrieb auf Geschäftsreisen gehen, man ist bei minus zehn wie plus 35 Grad im Weinberg und muss dort körperlich arbeiten. Ich habe mehr als 15 Jahre lang jeden Tag neun und mehr Stunden körperlich gearbeitet, da stellen sich Erschöpfungszustände ein. Ich sage nicht, dass eine Frau das alles nicht kann. Ich sage nur, sie sollte sich die Frage, ob sie das möchte, früh genug stellen. Es wird oft ein Idyll vom Weinbau gesponnen, das so nicht stimmt. Ich bin froh um jeden männlichen Mitarbeiter, den ich habe, und um jeden Tag an dem ich mittlerweile nicht mehr körperlich arbeiten muss…

Das hört sich so an, als würden Sie Ihren Weg nicht noch einmal so einschlagen?

Ich liebe meinen Beruf sehr. Aber ich würde das nur nochmal so machen, wenn ich einen Partner an der Seite hätte und Investoren vom ersten Tag an.

Ihr Weingut setzt fast ausschließlich auf Riesling. Wieso, wo doch eigentlich eher Sauvignon Blanc oder Grauburgunder momentan „in“ sind?

Für mich persönlich ist Riesling die Königsdisziplin. Es würde auch keinen Sinn machen, in den Steillagen, die ich habe, Chardonnay oder Sauvignon anzubauen, sie gehören dort meiner Meinung nach ursprünglich nicht hin. Und auch hier ist es wieder so: Wenn Sie ein alt eingesessenes Weingut haben mit riesigen eigenen Flächen, dann können sie eher mal einen Bereich komplett abräumen und etwas Neues anpflanzen und ausprobieren. Dann kann man es besser finanziell verkraften, drei bis fünf Jahre keinen oder nur einen geringen Ertrag dort zu haben. Ich könnte mir das aktuell nicht leisten.

Man liest immer wieder, dass der Klimawandel die Welt der Weine verändern wird. Machen Sie sich Sorgen?

Ich bin überzeugt, dass es im Rheingau immer Riesling geben wird. Natürlich ist die große Trockenheit ein Stressfaktor und eine große Herausforderung. Man muss sich umstellen, etwa was die Erntezeit angeht, und auch seine Landwirtschaft anpassen. Aber die große Hitze von 2019 hat uns einen Wein mit einer 100-Punkte-Bewertung beschert. Wir können durch den Klimawandel im Weinbau auch gewinnen. Wir bekommen zum Beispiel nördliche Anbaugebiete dazu. Und man kann andere Rebsorten wie Chardonnay oder Sauvignon anbauen, die früher eher in südlichen Ländern beheimatet waren. Und vielleicht schaffe ich den Schritt zurück in meine gebürtig Heimat nach Norddeutschland.

Sie betreiben einen komplett ökologischen Weinanbau, ohne den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden. Das ist extrem aufwendig. Wieso machen Sie das als kleiner Betrieb?

Erstens möchte ich ein sauberes Arbeitsumfeld für meine Angestellten. Ich war selbst lange angestellt, ich weiß, dass man giftige Stoffe über die Klamotten, die Haut, den Atem aufnimmt. Zweitens möchte ich, dass meine Beschäftigten, die Endverbraucher und ich keine Rückstände von Pestiziden durch den Wein aufnehmen. Ich möchte da ein gutes Gewissen haben. Und außerdem geht es mir natürlich um die Natur. Es ist eine Herausforderung, sich ständig zu fragen: Wie kriege ich es hin, dass das Bodenleben in einer Monokultur besser wird, dass es in den Weinbergen Insekten gibt und eine Naturbegrünung stehen bleibt, ohne dass die Beeren Schaden nehmen.

Ihr Betrieb ist auch Mitglied in der „Vegan Society“. Ich dachte, Wein sei immer vegan…

Nein. Es sind allerlei Zusatzmittel auf tierischer Basis erlaubt, die nicht deklarationspflichtig sind. Die sollten zwar am Ende wieder rausgefiltert sein aus dem Wein, aber vegan ist dieser Wein dann dennoch nicht.

Zum Schluss nochmal zurück zu den prämierten Weinen. Wie teuer wird denn so eine 100-Punkte-Flasche sein?

Für den edelsüßen Wein, die „Lorcher Krone Riesling Trockenbeerenauslese“, steht der Preis noch nicht fest. Unabhängig von den Bewertungen hatten wird bereits im Frühjahr 2020 entschieden, die Edelsüss-Kollektion erst frühestens ab Februar 2021 in den Markt zu geben. Wir haben momentan unglaublich viele Anfragen, die das vorhandene Angebot bereits weit überschreiten. Den trockenen Wein, die „Lorcher Krone Riesling trocken“ gibt es bereits seit 1. Juli in unserer En-Primeur Offerte für 75 Euro pro Flasche, und seit 1.Dezember ist er regulär im Verkauf.

Haben denn auch Privatkunden eine Chance, diese Weine zu ergattern, oder eigentlich nur Großhändler und Restaurants?

Natürlich, auch Privatkunden können direkt ab Weingut kaufen. Mit Händlern arbeiten wir nur sehr selektiv zusammen. Noch gibt es von dem trockenen Wein eine limitierte Zahl von Flaschen.

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