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Freie Plätze: ein ICE am Bahnhof Kassel.
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Freie Plätze: ein ICE am Bahnhof Kassel.

Deutsche Bahn

„Es wird ein Kampf werden, Fahrgäste zurückzugewinnen“

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Lukas Iffländer vom Kundenverband Pro Bahn über den dramatischen Rückgang der Zahl der Zugreisenden, die Folgen der Milliardenverluste und ein Fünkchen Hoffnung.

Zugfahren gilt als klimafreundliche Fortbewegungsart mit Zukunft. In der Corona-Krise kommt der Deutschen Bahn jedoch die Gegenwart abhanden: Wie erwartet fiel mit Blick auf das Gesamtjahr die Zahl der Fahrgäste deutlich – nach Jahren der Rekorde. Lukas Iffländer verfolgt als stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn die Entwicklungen genau. Ein Gespräch über die Herausforderungen der Deutschen Bahn und die positiven Aspekte der Corona-Krise.

Herr Iffländer, verwaiste Abteile, Maskenpflicht: Bahnfahren ist seit Monaten anders als sonst. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre vergangenen Zugreisen denken?

Vier Stunden mit medizinischer Maske können ziemlich anstrengend sein. Der Zug ist leer, das ist ungewohnt. Und irgendwo fehlt mir auch mein Bier im Bordrestaurant. Früher bin ich gefühlt jeden zweiten Tag irgendwohin mit einem ICE gefahren, aktuell eher einmal im Monat.

Da sind Sie nicht alleine: Die Zahl der Reisenden ist 2020 dramatisch zurückgegangen. Was muss die Deutsche Bahn tun, um die Menschen zurückzuholen?

Zunächst muss man die Leute in Gruppen einteilen. Die meisten fahren derzeit weniger Bahn, werden aber wahrscheinlich wieder zurückkommen. Bei Geschäftsreisenden ist davon auszugehen, dass ein gewisser Teil dauerhaft auf Videokonferenzen umstellen wird. Die wichtigste Maßnahme ist, ein zuverlässiges und hochwertiges Angebot und Vertrauen zu schaffen. Corona hat die Fahrgäste sensibilisiert und überfüllte Züge, weil Zugteile fehlen, ausgefallene Klimaanlagen und dreckige Toiletten werden noch weniger akzeptiert werden als zuvor. Dies gilt aber nicht nur für die Deutsche Bahn, sondern für den gesamten öffentlichen Verkehr.

Viele Menschen sind zuletzt aus Vorsicht auf das Auto umgestiegen, für das Pendeln, für Besuche und Fernreisen.

Da wird es ein Kampf, die zurückzugewinnen. Wer sich ein Auto frisch angeschafft hat, denkt nicht darüber nach, es direkt wieder abzugeben. Alles in allem schätzen wir, dass es drei Jahre dauert, bis wir bei den Fahrgastzahlen in etwa wieder da sind, wo wir vor der Pandemie waren. Und so blöd das jetzt klingt: Das ist gar nicht so schlimm.

Warum?

Der Fernverkehr war vor der Pandemie überfordert mit den steigenden Fahrgastzahlen. Die Züge waren immer öfter überfüllt und unpünktlich. Jetzt gibt es die Gelegenheit, Luft zu schnappen. Auch wenn der Rest von Corona ziemlich mies ist, ist das ein kleines Fünkchen Hoffnung.

Zur Person

Lukas Iffländer (30) ist seit fünf Jahren stellvertretender Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Auf den Verband wurde er aufmerksam, als ein Zug Verspätung hatte und er im Bahnhofskiosk zur Mitgliederzeitschrift griff. Hauptberuflich arbeitet er für eine Bundesbehörde.

Hat die Deutsche Bahn diese Ruhe nutzen können, um das Fahrerlebnis zu verbessern?

Wir stellen durchaus fest, dass bestimmte Sachen jetzt ein bisschen besser funktionieren. Großflächige Ausfälle von Klimaanlagen beispielsweise, bei denen mehr als die Hälfte eines ICE betroffen ist, gab es im vergangenen Jahr nicht. Der reduzierte Druck hat der Bahn ermöglicht nachzuholen, was in den Jahren zuvor gefehlt hat. Die Züge werden zum Beispiel häufiger unterwegs gereinigt. Man sieht regelmäßiger Leute durchgehen, die die Mülleimer leeren, die die Toilettensitze säubern. Das sollte weiter bestehen bleiben.

Welche Veränderungen erwarten die Reisenden, wenn sie dereinst wieder vermehrt Zug fahren werden?

Vor allem mehr Digitalisierung. Der Komfort-Check-in per App wird gerade ausgeweitet. Künftig soll noch mehr kontaktlos laufen, damit Fahrgäste in Ruhe arbeiten oder schlafen können. Was vor der Krise schon angefangen hat, geht jetzt quasi überall: das kontaktlose Zahlen. Das ist ein Fortschritt für die jungen und digitalen Menschen.

Aber die Deutsche Bahn hat auch einen Milliardenverlust zu verzeichnen. Geld, das an anderen Stellen fehlen wird. Welche Folgen wird das für Bahnreisende haben?

Auf den ersten Blick wird man es nicht merken. Aber von der Bahn wird erwartet, dass sie einen Teil dieses Verlustes durch Einsparungen abdeckt. Bei der Wartung etwa gibt es viele Abgänge. Standorte könnten nicht weiter besetzt werden. Kommt es dann zu einer Weichenstörung, könnte das dazu führen, dass erst mal jemand zwei Stunden mit dem Auto anfahren muss, bevor er sich das ansehen kann. Zudem könnten bestimmte Services möglicherweise wegfallen.

Was zum Beispiel?

Das fängt mit kleinen Dingen wie der Gratis-Schokolade in der Ersten Klasse an. Aber es kann auch sein, dass zukünftig das Personal, das in vielen Bahnhöfen Rollstuhlfahrer spontan unterstützt, nicht mehr überall vorhanden ist. Darunter würde die Barrierefreiheit leiden.

Sie sehen also Folgen für das Personal?

Wenn man sich schon den Tarifabschluss der EVG mit der Bahn vom letzten Jahr anschaut und die Inflation einrechnet, haben die Leute netto sogar Gehalt eingebüßt. Viele verlieren so ihre Motivation. Gerade wenn jetzt rauskommt, dass die Deutsche Bahn ihren Vorständen das Gehalt erhöht hat, werden sich viele fragen: Warum wird bei mir gespart und da nicht? Die Motivation des Personals ist das Herz der Bahn. Wenn dieses nur noch Dienst nach Vorschrift macht, dann wird ein pünktliches Eisenbahnsystem unmöglich.

Gerade eskaliert der Tarifkonflikt zwischen der Eisenbahngewerkschaft EVG und der Lokführergewerkschaft GDL sowie der Bahn. Was bedeutet das für die Fahrgäste?

Da setzen wir momentan ein großes Fragezeichen dahinter. Es ist ja mit dem Tarifeinheitsgesetz entschieden worden, dass eine Reihe von Betrieben nach GDL-Streikrecht und die anderen nach EVG-Recht laufen, die Mehrheit unter den Angestellten entscheidet jeweils. Uns liegt jedoch bisher noch keine Liste vor. Deswegen wissen wir nicht, ob die GDL hauptsächlich im Güterverkehr die Mehrheit hat oder zum Beispiel bei der S-Bahn in Frankfurt oder Berlin. Je nachdem wird es sich auf die Fahrgäste auswirken. Abgesehen davon würde es mich wundern, wenn es keinen Streik gäbe.

Interview: Jakob Maurer

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