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„Es wäre genug Essen für alle da“

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Von: Tobias Schwab

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Eine Kleinbäuerin bestellt ihr Feld im Südwesten von Angola - eine Region, in der die Menschen auch unter Dürren leiden.
Eine Kleinbäuerin bestellt ihr Feld im Südwesten von Angola, eine Region, in der die Menschen auch unter Dürren leiden. © Osvaldo Silva/AFP

Stig Tanzmann, Agrarexperte des Hilfswerkes Brot für die Welt, spricht im Interview über die Missachtung des Welternährungsrates, das Scheitern der „Grünen Revolution“ und das Potenzial kleiner Betriebe.

Herr Tanzmann, ist das große Ziel der UN, den Hunger bis 2030 zu beseitigen und Ernährungssicherheit für alle Menschen zu schaffen, noch zu erreichen?

Das ist leider eine Illusion, die Hoffnung schwindet täglich.

UN-Generalsekretär António Guterres warnt vor einer „beispiellosen Welle von Hunger und Elend“, verursacht durch Krieg, Covid-19 und Klimawandel. Wie ernst ist die Lage?

Schon vor dem Angriffskrieg Russlands war die Entwicklung dramatisch. Die Zahl hungernder Menschen wuchs in Folge der Pandemie um 160 Millionen. Wenn es jetzt nicht endlich zu einer international konzertierten Antwort auf Basis des Menschenrechts auf Nahrung kommt, dann erreicht die Katastrophe tatsächlich ein bisher nicht gekanntes Ausmaß.

Wie bewerten Sie die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Krise?

Es ist angesichts der Dramatik erst einmal zu begrüßen, dass Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze die Initiative ergriffen hat, um im Kreis der G7 ein Bündnis gegen Hunger zu schmieden, mit dem Ziel, die internationale Hilfe besser zu koordinieren.

Aber …?

Wir hätten uns gewünscht, dass der Welternährungsrat der UN dabei die zentrale Rolle spielt. Der wurde nach 2007/2008 eigens reformiert, um auf zukünftige Krisen reagieren zu können. Hier sitzen Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen, Agrarindustrie, kleinbäuerliche Produzent:innen und auch die Zivilgesellschaft an einem Tisch und es gibt klare Regeln der Beteiligung. Damit haben auch die von Hunger und Mangelernährung betroffenen Gruppen eine Stimme und können ihr Recht auf Nahrung einfordern.

Warum bleibt der Welternährungsrat jetzt außen vor?

Der Welternährungsrat ist nicht ganz außen vor, wird bisher aber nur als eine Stimme unter vielen konsultiert. Dadurch kann er nicht die Rolle wahrnehmen, für die er geschaffen wurde. Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine sind die geopolitischen und wirtschaftlichen Eigeninteressen der verschiedenen Staaten noch stärker hervorgetreten. Russland tritt die Menschenrechte mit Füßen und hat kein Interesse an einem Gremium, das auf Basis des Rechts auf Nahrung agiert. Den westlichen Staaten um die G7 geht es vor allem darum, Exportbeschränkungen zu verhindern. Der Markt soll es wieder richten, das hilft den Armen und Hungernden aber nicht. Der Freihandel schafft es ja ganz offensichtlich nicht, die weltweit mehr als 800 Millionen Hungernden zu ernähren, obwohl genug Essen für alle Menschen da wäre. Auf diese unbequeme Tatsache machen zivilgesellschaftliche Organisationen und viele importabhängige Staaten schon lange im Welternährungsrat aufmerksam. Es ist höchste Zeit, Konsequenzen zu ziehen und umzusteuern.

Stig Tanzmann.
Stig Tanzmann. © privat

Welche Konsequenzen meinen Sie?

Zunächst geht es um die für manche schmerzhafte Einsicht, dass das Konzept der Grünen Revolution, das auf eine massive Steigerung der Erträge mittels verbesserten Saatguts, chemischen Düngemitteln und Pestiziden setzt, nicht funktioniert. All das basiert auch auf billigem Öl und Gas, langen Wertschöpfungsketten und verursacht extreme Schäden für das Klima und die Ökologie. Die Krise müsste jetzt den Anstoß geben, aus dieser fossilen Landwirtschaft auszusteigen und auch die ernährungsphysiologisch gefährliche Abhängigkeit von Weizen zu beenden. Genau das Gegenteil ist im Moment aber der Fall.

Wie zeigt sich das?

In vielen europäischen G7-Staaten heißt es wieder, die Produktion müsse nun drastisch ausgeweitet werden, um die Menschheit zu ernähren. Hier wird der Krieg in der Ukraine genutzt, um ein nicht mehr zeitgemäßes Produktionssystem zu legitimieren. Statt konsequent die Ökologisierung der europäischen Landwirtschaft voranzubringen, die Abhängigkeit von billigem Gas und Öl zu reduzieren, Tierbestände gezielt abzubauen und aus Agrartreibstoffen auszusteigen, sollen ökologische Vorrangflächen geopfert werden.

Zur Person

Stig Tanzmann ist Landwirt und Agrarwissenschaftler und arbeitet seit 2010 als Referent für Landwirtschaftsfragen für das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt. Seit 2008 befasst er sich mit den internationalen Auswirkungen der europäischen Fleischproduktion. Weitere thematische Schwerpunkte seiner Arbeit sind Agrarökologie, Transformation des Ernährungssystems, die entwicklungspolitischen Wirkungen der Agrarpolitik der Europäischen Union , Biodiversität, Bioökonomie, Digitalisierung in der Landwirtschaft, Gentechnik und Saatgut. tos Bild: privat

Wo soll das Getreide denn herkommen, um den Hunger der Millionen zu stillen?

Eine Reduzierung der Tierhaltung und der Ausstieg aus Agrartreibstoffen geben Millionen von Hektar für die Nahrungsproduktion frei. Wir vergessen immer, dass es ja nicht nur um Getreide gehen darf. Wer vor allem darauf setzt, landet in der Mangelernährung. Grundsätzlich muss es darum gehen, dass Entwicklungsländer widerstandsfähiger werden, in dem sie in die eigene Landwirtschaft investieren. Ernährungssouveränität muss das Ziel sein. Das erreicht man am besten mit agrarökologischen, angepassten Methoden. Bauern, die das schon praktizieren, kommen auch besser durch Krisen.

Inwiefern?

Weil sie unabhängiger sind als die Nachbarn, die beispielsweise auf den Weg der „Allianz für eine Grüne Revolution für Afrika“ der Bill & Melinda Gates Foundation setzen und von teuer eingekauftem Saatgut und Düngemitteln abhängig sind. Viele von ihnen sind schon hoch verschuldet und können sich ihre Produktionsmittel jetzt nicht mehr leisten. Für die agrarökologische Landwirtschaft bräuchte es jetzt eine massive Förderung. Aber das sehen wir im Moment leider nicht.

Können Kleinbauern und -bäuerinnen, die ökologisch ackern, ihre Länder tatsächlich ernähren?

Ich könnte jetzt auch die Gegenfrage stellen: Was leisten die großen Strukturen, was bringen die Investitionen in eine industrielle Landwirtschaft? Sie haben Hunger und Armut jedenfalls nicht aus der Welt geschafft.

Das beantwortet meine Frage noch nicht …

Kleinbauern arbeiten produktiver und umweltverträglicher. Und das Beispiel Brasilien zeigt, was mit politischem Willen erreicht werden kann. Unter Präsident Lula da Silva hat die Regierung von 2003 an kleine Produzenten gezielt gestärkt, ihnen Zugang zu Märkten verschafft und das mit sozialen Sicherungsprogrammen flankiert. Brasilien galt damals als Vorzeigeland der Hungerbekämpfung mit beachtlichen Erfolgen. Die Nachfolgeregierung hat diese Politik wieder unterminiert – mit dem Effekt, dass der Hunger in Brasilien zurück ist. Kleinbauern sind also sehr wohl in der Lage, die Ernährung zu sichern, wenn sie die nötige Unterstützung erhalten.

Setzt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit da die richtigen Akzente?

Es gibt da auch ermutigende Zeichen. In den Regierungsverhandlungen mit Indien zum Beispiel hat die Agrarökologie eine wichtige Rolle gespielt. Indien zählt aber auch zu den Ländern, die da auf dem richtigen Pfad sind. Ich würde mir von der deutschen Regierung wünschen, dass das Menschenrecht auf Nahrung und die Förderung der Agrarökologie noch stärker zur Leitlinie der Politik wird, so wie es auch im Koalitionsvertrag steht.

Wie können die Konsument:innen ihren Beitrag zur globalen Ernährungssicherung leisten?

Was wir essen, steht in einem direkten Zusammenhang mit den nachhaltigen Entwicklungszielen. Wir müssen unseren Fleischkonsum um den Faktor vier reduzieren, aber auch den Verbrauch von Weizen und Milchprodukten. Eine vor allem pflanzenbasierte Kost ist am ehesten in der Lage, eine gesunde und ökologisch vertretbare Ernährung der Weltbevölkerung zu ermöglichen. Aber das ist nicht nur die Verantwortung des Einzelnen, da muss die Politik auch die Weichen stellen.

Interview: Tobias Schwab

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