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„Es muss ein Grundrecht auf die analoge Welt geben“

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Von: Nina Luttmer

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Fahrkarten am Automaten ziehen: Für viele ältere Menschen ist das eine Herausforderung.
Fahrkarten am Automaten ziehen: Für viele ältere Menschen ist das eine Herausforderung. © picture alliance / dpa

Der Alternsforscher Hans-Werner Wahl über die rasante Digitalisierung durch die Pandemie und zur Frage, wie das inbesondere ältere Menschen diskriminiert.

Es wird schnell klar, dass Hans-Werner Wahl keine Probleme mit der Digitalisierung hat – obwohl er auf die 70 zusteuert. „Wollen wir telefonisch sprechen, oder über Videoschalte?“, fragt er vor diesem Interview. Am Ende findet das Gespräch ganz „altertümlich“ über das Festnetztelefon statt.

Herr Professor Wahl, in der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung einen gewaltigen Schub gemacht, und damit meine ich nicht nur Homeoffice und Homeschooling. Wer zuletzt ins Museum wollte, ins Kino oder Schwimmbad, wer einen neuen Pass beantragen wollte oder einen Termin im Corona-Testzentrum brauchte, der oder die benötigte eigentlich immer ein Smartphone und gewisse digitale Kompetenzen, um sich im Internet zurechtzufinden. Hat das insbesondere ältere Menschen gesellschaftlich an den Rand gedrängt?

Zunächst einmal: Ältere Menschen sind nicht per se technikfeindlich. In Deutschlands gibt es viele Klischees über Senioren. Altern wird hierzulande oft mit Demenz, kognitiven Verlusten, dem abnehmenden Willen und Vermögen, etwas Neues zu lernen, verbunden. Dabei entspricht das doch gar nicht der Realität, viele ältere Menschen sind sehr fit und lernwillig, und die Gesellschaft kann von ihrer Lebenserfahrung profitieren. Es gibt eine sehr große Gruppe älterer Menschen, die im digitalen Bereich gerne abgeholt werden würde und überhaupt nicht technikfeindlich ist. Das Problem ist, dass mit Corona die Digitalisierung in vielen Bereichen quasi über Nacht kam. Es ging zu schnell, und die Gefahr ist, dass etwa Museen oder der Nahverkehr künftig nur noch online Tickets verkaufen. Viele ältere Menschen haben überhaupt keine Chance gehabt, sich darauf einzustellen und den richtigen Umgang mit dem Internet zu erlernen. Das ist schon eine Form der Altersdiskriminierung. Dass etwa Impftermine gegen Covid-19 besonders zügig übers Internet zu buchen waren, hat sicherlich dazu geführt, dass viele ältere Menschen erst spät oder gar nicht ihre Impfung erhalten haben. Für eine Demokratie, in der alle gleich behandelt werden sollten, ist das nicht akzeptabel. Und besonders benachteiligt sind auch hier wieder die bildungsfernen Schichten.

Wieso das?

Ältere Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau haben viel seltener Zugang zum Internet als solche mit einem hohen Bildungsstandard. Wir sprechen hier vom Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Also: Wer eine gute Bildung erfahren durfte, der kriegt bis zum Tod immer mehr im Leben als derjenige, der dieses Privileg nicht hatte. Im hohen Alter schlägt die Bildung voll durch, bildungsfernere Schichten dieser Generation wurden selten ans Digitale herangeführt.

Aber hat die Pandemie nicht auch dazu geführt, dass sich viele ältere Menschen überhaupt erst ins Internet getraut haben? Etwa um über Videoschalte die Enkelkinder zu sehen?

Es hat eindeutig ein Momentum gegeben, ja. Einige Menschen hat die Isolation motiviert, sich mit dem Internet auseinanderzusetzen. Jeder und jede Zweite über 60 Jahre hat inzwischen ein Tablet oder Smartphone, das sind viel mehr als noch vor wenigen Jahren. Das Problem war aber, dass in der Pandemie eben auch niemand da war, der mit dem Gerät oder dem Internet helfen und mal etwas erklären konnte – gerade die Älteren wurden ja nicht mehr besucht. In den Pflegeheimen hätte es sehr geholfen, wenn lange vor der Pandemie eine digitale Infrastruktur geschaffen worden wäre. WLAN in jedem Zimmer sollte Standard sein, denn auch pflegebedürftige Menschen können Tablets durchaus nutzen. Leider habe ich Zweifel, dass diese Notwendigkeit bei allen Heimträgern angekommen ist. Nicht mehr als die Hälfte der Pflegeheime hat eine halbwegs ordentliche WLAN-Struktur. Dabei könnte das in der Zukunft ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.

Hans-Werner Wahl , 68, ist Psychologe und Alternsforscher.
Hans-Werner Wahl. © Lotte Ostermann

Müsste der Staat eingreifen und dafür sorgen, dass etwa in Heimen Zugang zum Internet für alle Bewohnerinnen und Bewohner besteht?

Es sollte zumindest sehr starke staatliche Empfehlungen geben. Der Zugang zum Internet erwirbt langsam den Status eines Grundrechts. Jeder Mensch hat ein Recht auf gesellschaftliche Partizipation, und das geht immer mehr nur übers Internet. Wer davon ausgeschlossen wird, verliert Lebensqualität.

Muss es nicht sowieso immer die Möglichkeit geben, seine Angelegenheiten analog zu erledigen? Viele Menschen möchten ja auch aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht viel im Internet machen …

Im achten Altersbericht der Bundesregierung, deren Mitglied ich war, haben wir klar gesagt: Es muss ein Grundrecht auf die analoge Welt und eine analoge Kommunikation geben. Zumindest da, wo der Staat direkt mitinvestiert ist, also etwa in vielen Schwimmbädern, Museen oder bei Behörden, müsste er es durchsetzen. Und es darf nicht so sein, dass analoge Angebote teurer sind als digitale – dass also das Busticket im Internet weniger kostet als am Automaten. Das sind wir den technikfernen Generationen zumindest für eine Übergangszeit von vielleicht zehn bis 15 Jahren schuldig. Sie müssen Gelegenheit bekommen, die digitale Welt zu erlernen.

Zur Person

Hans-Werner Wahl , 68, ist Psychologe und Alternsforscher. Er leitete von 1997 bis 2005 am Deutschen Zentrum für Alternsforschung die Abteilung für Soziale und Ökologische Gerontologie. Von 2006 bis 2017 leitete er die Abteilung für Psychologische Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Heute ist er Seniorprofessor und Projektleiter am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg. Im Jahr 2020 war Wahl Mitglied der Kommission, die den achten Altersbericht für die Bundesregierung mit dem Titel „Ältere Menschen und Digitalisierung“ erstellte. FR

Wie könnte das aussehen?

Das ist eine Aufgabe, die sehr viel mit den Gemeinden zu tun hat. Ältere Menschen erreicht man gut über Quartiersarbeit – über Vereine, Kirchen, Seniorengruppen oder Hausbesuche. Dort müsste man Angebote für digitale Fortbildungen machen. Natürlich brauchen ältere Menschen oft mehr Instruktionen. Viele wissen nicht, was eine App oder ein Menü ist. Aber viele entdecken dann auch, dass die Nutzung des Internets kognitiv sehr anregend ist. Und wenn sie einmal gemerkt haben, wie toll es ist, zum Beispiel ein Foto über Whatsapp zu ver- schicken, dann wollen sie häufig mehr. Wir sind in unserem großen von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderten Projekt Smart Age gerade dabei, in den Städten Heidelberg und Mannheim die Potenziale gemeindenaher Digitalisierung auch wissenschaftlich zu untersuchen.

Im Altersbericht fordern Sie und die anderen Beteiligten, dass bestimmte Berufsgruppen, die im Leben älterer Menschen eine besondere Rolle spielen, schon in der Ausbildung mit der Auswirkung der digitalen Transformation auf ältere Menschen in Kontakt kommen sollten. Nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Architekten, Bankerinnen, Handwerker und Einzelhändlerinnen sollten – staatlich verordnet – in der Ausbildung damit konfrontiert werden. Was schwebt Ihnen da vor?

In der Ausbildung ist das bislang überhaupt kein großes Thema. Da zeigt sich leider, dass trotz des demografischen Wandels ein gewisses gesellschaftliches Desinteresse an den Bedürfnissen der Älteren besteht. Dabei sind doch gerade die älteren Menschen sehr finanzstark und werden auch künftig eine wichtige Rolle am Finanzmarkt spielen. Und Architekten beispielsweise werden in der Zukunft mehr beachten müssen, was ältere Menschen in ihren Wohnungen benötigen. Das bringt die Demografie schlicht mit sich. Pflegekräfte werden mit zahlreichen digitalen Hilfen arbeiten. Es ist im ureigenen Interesse der Wirtschaft, dass sich junge Menschen schon in der Ausbildung damit befassen; das wird ein Wettbewerbsvorteil sein.

Sollten Hersteller von Elektronikgeräten gezwungen werden, benutzerfreundlichere Smartphones und Tablets herzustellen?

Tatsächlich ist es so, dass die meisten älteren Menschen keine besonderen Geräte wollen, sondern genau das, was am Markt verfügbar ist. Sie empfinden es als stigmatisierend, ein spezielles Smartphone für Senioren zu kaufen. In der Tendenz kommen Ältere besser mit Tablets als mit Smartphones zurecht.

Infografik
Bevölkerungsentwicklung © FR

Wir haben jetzt viel über die Probleme der Digitalisierung gesprochen. Aber diese bringt für ältere Menschen ja auch viele Vorteile, oder?

Absolut. Es ist unglaublich, was es inzwischen alles an digitalen Hilfen für Pflegebedürftige, ihre Angehörigen und einfach für alle älteren Menschen gibt. Oft ist das gar nicht so schwer zu verstehen und einzurichten und auch nicht immer teuer. Da gibt es etwa die digitale Steuerung von Heizung und Rollläden, die Videokommunikation mit Ärzten oder Einkaufsdienste übers Netz. Eine Errungenschaft sind auch Sensoren, die erkennen, wenn jemand zu Hause stürzt, und automatisch Hilfe rufen, oder GPS-Tracker, die insbesondere demente, desorientierte Menschen tragen können, so dass Angehörige immer wissen, wo sie sind. Auch Systeme, die die Medikamenteneinnahme anleiten, sind oft hilfreich. In Deutschland gibt es etwa 50 Beratungsstellen für das Thema Digitalisierung und Wohnen, betrieben vor allem von Wohlfahrtsverbänden. Das sind leider viel zu wenige. Ein Student von mir hatte mal die Idee, solche Beratung ganz niederschwellig zum Beispiel in Baumärkten oder Sanitätshäusern anzubieten. Ich denke, genau solche Angebote bräuchte es. Viele alte Menschen sind dafür offen. Sie sehen fast alles positiv, was ihnen hilft, lange zu Hause bleiben zu können und nicht in ein Heim zu müssen.

Im Altersbericht sprechen Sie aber auch von ethischen Fragen, die gesellschaftlich diskutiert werden müssten …

Da geht es zum einen um die Sicherheit der Daten im Netz. Natürlich muss gewährleistet sein, dass beispielsweise Informationen über verschriebene Medikamente geschützt sind. Zum anderen muss aber natürlich auch darüber gesprochen werden, ob es vertretbar ist, dass beispielsweise ein Roboter mit einem Pflegebedürftigen kommuniziert. Ist es würdevoll, wenn eine Maschine einen Demenzkranken unterhält statt ein Mensch? Diesen Fragen muss die Gesellschaft sich stellen.

Ihr Institut führt momentan eine Studie mit dem Sprachdienst Alexa durch. Wie sieht das aus?

Alexa ist noch nicht so verbreitet. Etwa 15 Prozent der Über-60-Jährigen nutzen es. Eigentlich ist die sprachliche Kommunikation insbesondere für ältere Menschen sehr gut. Man sagt „Musik“, und es wird Musik gespielt, man fragt nach dem Wetterbericht, und er wird aufgesagt. Das ist sehr einfach. Wir wollen herausfinden, inwiefern Alexa älteren Menschen hilft, wie sie es nutzen – und warum sie die Nutzung vielleicht wieder aufgeben. Dabei haben wir auch eine Kamera installiert, da wir erforschen wollen, welchen emotionalen Gesichtsausdruck Menschen haben, wenn sie mit Alexa kommunizieren.

Interview: Nina Luttmer

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