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„Es droht ein Bankrott der Biodiversität“

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Von: Joachim Wille

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Podium im Frankfurter Saalbau Südbahnhof: Gabriele Hässig, Hannah Emde, Tobias Schwab, Frauke Fischer und Kirsten Hegener (v.l.).
Podium im Frankfurter Saalbau Südbahnhof: Gabriele Hässig, Hannah Emde, Tobias Schwab, Frauke Fischer und Kirsten Hegener (v.l.). © christoph boeckheler*

Expertinnen warnen beim Forum Entwicklung vor den Folgen eines dramatischem Verlusts an Artenvielfalt und fordern mehr Engagement sowie finanzielle Mittel für den internationalen Naturschutz.

Hannah goes wild.“ So heißt die Doku-Serie, die in diesem Jahr in der ARD lief. Hannah Emde ist Tierärztin und Artenschützerin, sie hat viele Länder in den Tropen besucht, darunter die Philippinen, Borneo, Madagaskar, Guatemala. In der TV-Doku geht es auch um das afrikanische Namibia, ein Land, das nicht nur seltene Tierarten zu bieten hat, sondern auch mit Problemen wie dem Klimawandel und der Wilderei kämpft. Emde sagte, warum sie sich so für das Thema engagiert: „Wir müssen die Menschen begeistern für die Biodiversität.“

Magische Momente in der Wildnis, aber auch Infos über den prekären Zustand der Natur, die Ursachen der Zerstörung und mögliche Lösungsansätze: Bereits der Film-Trailer, der jetzt in Frankfurt beim „Forum Entwicklung“ mit dem Titel „Wie retten wir die Biodiversität?“ gezeigt wurde, macht plastisch klar, was auf dem Spiel steht. Emde sieht es als ihre Mission an, Öffentlichkeitsarbeit für das, verglichen mit dem zweiten globalen Megaproblem der Klimakrise, stark unterbelichtete Thema zu machen. Und das, wie die Publikumsresonanz zeigte, mit großem Erfolg.

Emde war eine von vier Fachfrauen, die beim Forum Entwicklung sprachen, das regelmäßig von der Frankfurter Rundschau, HR Info und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wird. Diesmal fand die von FR-Wirtschaftschef Tobias Schwab moderierte Diskussion kurz vor dem großen UN-Biodiversitäts-Gipfel im Dezember in Montreal statt, auf dem Lösungen zur Stabilisierung der Ökosysteme beschlossen werden sollen – zum Beispiel das Ziel, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen auf der Erde unter Naturschutz zu stellen.

Die Fachwelt spricht vom sechsten Massensterben der Arten, das der Globus derzeit erfahre, dieses Mal nicht ausgelöst von natürlichen Klimaveränderungen oder einem Meteoriteneinschlag, sondern vom Menschen. Stichworte: Pro Tag verschwinden bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten, alle vier Sekunden wird weltweit eine Waldfläche von der Größe eines Fußballfeldes zerstört, jedes Jahr gehen durch falsche Nutzung über 220 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden verloren.

Wie dramatisch die Entwicklung tatsächlich ist, machte in der Diskussion vor allem die Tropenbiologin, Unternehmensberaterin und Buchautorin Frauke Fischer klar. Und dass sie ökonomisch bedrohlich ist. Zwei Drittel des globalen Bruttosozialprodukts (BSP) hingen unmittelbar und mittelbar von der Natur ab, erläuterte sie – unter anderem durch Materiallieferungen (Nahrungsmittel, Rohstoffe wie Holz), Photosynthese, Bereitstellung von sauberer Luft, Wasserversorgung, fruchtbaren Böden und Bestäubungsleistungen in der Landwirtschaft. Doch nur 0,2 Prozent des BSP würden aufgewandt, um Artenvielfalt und Ökosysteme zu erhalten. Eine britische Studie habe ergeben, dass in der Zeit von 1992 bis 2014 rund 40 Prozent des weltweiten „Naturkapitals“ vernichtet worden sei, während sich das Finanzkapital gleichzeitig verdoppelt habe. Ohne Kehrtwende drohe ein „Biodiversitäts-Bankrott“ mit gefährlichen Folgen auch für die Wirtschaft.

WELTNATURKONFERENZ

In Montreal (Kanada) treffen sich vom 7. bis 19. Dezember die 196 Vertragsstaaten der Convention on Biological Diversity (CBD), um einen neuen Rahmen für den globalen Artenschutz auszuhandeln. Das Ziel des Plans für 2011 bis 2020, den dramatischen Verlust an Arten global zu stoppen, wurde weit verfehlt, wie der 2020 veröffentlichte globale Bericht zum Zustand der Bio-diversität zeigt.

Fachleute sehen den 15. Weltnaturgipfel in Montreal als letzte Chance, international gegen eine Entwicklung zu steuern, die das Überleben der Menschheit gefährdet. Umstritten ist unter den Staaten bislang vor allem noch die Finanzierung des Artenschutzes.

Die Diskussion „Wie retten wir unsere Lebensgrundlagen?“ beim Forum Entwicklung von FR, hr-info und Deutscher Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurde aufgezeichnet: fr.de/forum-e.

Fischer sieht als Unternehmensberaterin allerdings auch eine positive Tendenz. In einigen Branchen werde die Problematik durchaus erkannt, es sei ja immer offensichtlicher, dass der Geschäftserfolg zumindest mittel- und langfristig von einer stabilen Natur abhänge. Schrittmacher sind, so ihre Erfahrung, die Sektoren Lebensmittel und Immobilien, aber auch die Finanzbranche. „Auch die Vorstände großer Unternehmen kommen auf uns zu“, sagte Fischer, und suchten Rat. Mit denen zu arbeiten sei wichtig. Denn: Die Zeit laufe davon.

Folgt man den Darstellungen von Gabriele Hässig beim Forum in Frankfurt, ist der Konsumgüter-Multi Procter & Gamble (Pampers, Meister Proper, Blendamed) mit seinen rund 200 Werken weltweit bereits auf dem richtigen Weg. Die Nachhaltigkeitschefin des Konzerns betonte: „Viele unserer Rohstoffe kommen aus der Natur.“ Und: „Biodiversität ist einer der Pfeiler unseres wirtschaftlichen Handelns.“ Sie erläuterte das am Beispiel der Beschaffung der Rohstoffe Palmöl und Zellstoff, die für viele Produkte des Unternehmens gebraucht werden. So setze Procter & Gamble inzwischen nur noch RSPO-zertifiziertes Palmöl ein, bei dem garantiert sei, dass kein Regenwald vernichtet werde. Der Konzern strebe zudem Klimaneutralität bis 2040 an. Ziel seien „Null-Emissionen“, wobei der bisher noch nicht vermeidbare CO2-Ausstoß durch Investitionen in Klimaschutz-Projekte ausgeglichen werde. Hässig betonte, die Unternehmen müssten mit der Nachhaltigkeit „schnell nach vorne“ gehen. Auch sie sagte: „Die Zeit läuft davon.“

Ob der anstehende UN-Gipfel hier nun die Kehrtwende bringen wird, ist offen. Die GIZ-Expertin Kirsten Hegener stellte beim Forum Entwicklung anschaulich dar, wie die Ökosysteme geschützt, renaturiert und nachhaltig genutzt werden können – am Beispiel von Mangrovenwäldern im Mekong-Delta in Vietnam oder der Naturkautschuk-Produktion in Indonesien. Doch um Projekte wie diese, die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt werden, global umzusetzen, brauche es Geld. Viel Geld. Und das sei noch nicht gesichert.

Die Konferenz in Montreal sei, mit Blick auf die Finanzen, „schlecht vorbereitet“, kritisierte Hegener. Deutschland gehe mit der Ankündigung von Kanzler Olaf Scholz (SPD), die Mittel zum Schutz der Biodiversität in Entwicklungsländern bis 2025 auf 1,5 Milliarden Euro jährlich zu verdoppeln, zwar voran. Die reichen Länder in ihrer Gesamtheit seien bisher aber nicht bereit, genug für Biodiversität und den Schutz der Ökosysteme auszugeben, meinte die GIZ-Fachfrau. Die Staaten des globalen Südens, die weltweit 80 Prozent der genetischen Vielfalt von Pflanzen und Tieren beherbergten, sagten zu Recht: „Es fehlt Geld.“

Hannah Emde, Tierärztin und Artenschützerin: „Wir müssen die Themen Natur- und Artenschutz stärker
Hannah Emde, Tierärztin und Artenschützerin: „Wir müssen die Themen Natur- und Artenschutz stärker in die Schulen bringen.“ © christoph boeckheler*
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Frauke Fischer, promovierte Tropenbiologin und Unternehmensberaterin: „Das Aussterben von Mücken sollte uns stärker bewegen als das der Gorillas.“ © christoph boeckheler*
Gabriele Hässig, Nachhaltigkeitschefin von Procter & Gamble: „Dass hierzulande 50 Hektar Naturfläche pro Tag vernichtet werden, ist eine Katastrophe.“
Gabriele Hässig, Nachhaltigkeitschefin von Procter & Gamble: „Dass hierzulande 50 Hektar Naturfläche pro Tag vernichtet werden, ist eine Katastrophe.“ © christoph boeckheler*
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Kirsten Hegener, GIZ-Expertin für Biodiversität, Landwirtschaft und Wald: „Die Preise der meisten Produkte spiegeln die Naturkosten nicht wider.“ © christoph boeckheler*

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