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„Die Kinder toben sich aus und fallen abends verschwitzt und glücklich ins Bett. Das ist doch besser, als zu Hause vor der Spielekonsole zu sitzen“, sagt Tom Boye.

Indoor-Spielplätze

„Erwachsene überschätzen ihr Können häufig“

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Indoor-Spielplatz-Betreiber Tom Boye über Unfälle auf den Freizeitanlagen, das Geschäft mit Geburtstagspartys und virtuelle Welten.

Bitte, wann gehen wir endlich wieder auf einen Drinnen-Spielplatz?“ Diesen Satz müssen sich viele Mütter und Väter regelmäßig anhören. Denn waren Kinder ein Mal auf einem Indoor-Spielplatz, zieht es sie meistens immer wieder dorthin. Für Eltern ist der Gang in die riesigen Hallen nicht immer ein Vergnügen – nicht zuletzt deswegen, weil das Portemonnaie am Ende des Tages meistens deutlich an Gewicht verloren hat. Der Spielplatz von Tom Boye in Berlin ist in der Vorweihnachtszeit sehr gut besucht, „wir haben alle Hände voll zu tun“, sagt er. Dennoch nimmt der Vorsitzende des Verbands der Hallen- und Indoorspielplätze sich die Zeit, mit der FR über seine Branche zu reden.

Herr Boye, meine Kinder lieben Indoor-Spielplätze. Ich dagegen leide dort sehr, alleine wegen der enormen Lautstärke – und muss trotzdem Eintritt zahlen. Dabei wäre aus meiner Sicht eine Entschädigungszahlung für Eltern angemessener. Warum müssen Erwachsene also Eintritt zahlen?

(lacht) Sie sind nicht die Erste, die das fragt. Das Thema kommt häufiger auf.

Und was antworten Sie den Eltern?

Sie können das mit Kino vergleichen. Wenn ich mit meinem Sohn einen Kinderfilm anschaue, muss ich ja auch eine Kinokarte für mich kaufen – die meistens auch noch teurer ist als die für das Kind. In Indoorspielplätzen dürfen Erwachsene außerdem viele Spielgeräte mitbenutzen – und machen das oft auch. Es geht ja um das gemeinsame Spielerlebnis mit den Kindern. Zusätzlich steuern wir durch den Eintrittspreis auch die Anzahl der Erwachsenen, die zu uns kommen. Wenn sie nicht zahlen müssten, würden vermutlich häufiger große Familien mit vielen Erwachsenen und wenigen Kindern zu uns kommen. Aktuell ist das Verhältnis etwa 60 Prozent Kinder und 40 Prozent Erwachsene. Es gibt aber Indoor-Spielplätze, die Ruheräume für Erwachsene anbieten. Viele Eltern wollen das allerdings gar nicht – sie wollen mittendrin sein und ihre Kinder im Blick haben.

Als ich Kind war, gab es so etwas wie Indoor-Spielplätze nicht. Seit wann haben die sich in Deutschland etabliert?

Erste Indoor-Spielplätze gab es hierzulande Ende der 90er Jahre. Die Idee dazu kam aus den USA. Dort gab es schon damals sogenannte Family Entertainment Center, die innerhalb von Einkaufszentren liegen. Die Eltern geben ihre Kinder dort ab und gehen dann einkaufen. Später wurde das Konzept auf England übertragen, dann nach Holland und Belgien – und schließlich fing es auch in Deutschland an. In Deutschland gab es zuvor häufiger Schausteller, die im Winter ihre Geräte statt auf der Kirmes in einer Halle aufstellten. Dieses Modell ist aber quasi verschwunden.

In Einkaufszentren sind die deutschen Indoor-Spielplätze aber eher nicht, oder?

Nein, bei uns werden eher Stand-alone-Objekte realisiert, oft in Gewerbegebieten am Stadtrand. Das liegt auch daran, dass in Deutschland nun einmal sonntags alle Geschäfte geschlossen sind. Der umsatzstärkste Tag bei den Spielplätzen ist der Samstag, gefolgt vom Sonntag. Die Leute fahren aber nicht in ein Einkaufszentrum, das geschlossen ist, um in den Indoor-Spielplatz zu gehen; das funktioniert hier nicht. In Deutschland ist es auch nicht so, dass die Eltern ihre Kinder auf dem Spielplatz abladen und dann einkaufen oder zum Sport gehen. Sie wollen mit ihren Kindern gemeinsam spielen. Daher profitieren auch umliegende Geschäfte und Sportanlagen kaum von Indoor-Spielplätzen – auch wenn wir das anfangs erwartet hatten.

Sie betreiben einen großen Indoor-Spielplatz in Berlin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in dieses Geschäft einzusteigen?

Ich habe vorher eine große Tennis- und Badmintonhalle betrieben. Mitte der 90er-Jahre, als Steffi Graf und Boris Becker auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren waren, wollte jeder in Deutschland Tennis spielen. Das war ein boomendes Geschäft. Aber als Steffi und Boris aufhörten, war auch der Hype vorbei, die Tennishallen waren plötzlich nicht mehr ausgelastet. Vor dem Problem stand auch ich. Als ich dann im Jahr 2004 Vater wurde, habe ich ganz anders auf Kinder geschaut. Ich habe mich umgehört und 2005 Tommys Turbulente Tobewelt eröffnet. Die Tennis- und Badmintonhalle gibt es nebenan weiterhin, aber eben mit weniger Kapazitäten. Sehr viele Indoor-Spielplätze sind, wie auch meiner, in ehemaligen Tennishallen untergebracht.

Wie viele dieser Spielplätze gibt es inzwischen in Deutschland?

Wir gehen davon aus, dass es etwa 350 bis 370 sind; etwa 110 davon sind Mitglied in unserem Verband. Diese Zahl bleibt seit Jahren relativ konstant. Es macht zwar immer mal wieder ein neuer Spielplatz auf, aber es schließen auch einige. Der Markt ist gesättigt.

Und der Wettbewerb ist groß?

Unsere Zielgruppe sind Zwei- bis Elfjährige, da konkurrieren wir mit vielen Freizeitangeboten. Man muss am Ball bleiben, immer mal wieder neue Spielangebote machen, das Ambiente verändern, WLAN anbieten, die Speisekarte verbessern. In meinem Indoor-Spielplatz biete ich auch Übernachtungspartys, wir nennen das Tobenächte, nur für die Kinder – ohne Eltern – an, auch zu Kindergeburtstagen. Das wird super angenommen. Die Konkurrenz um das Ausrichten von Kindergeburtstagen hat definitiv zugenommen. Inzwischen machen das ja auch etwa Museen, Kinos und Schwimmbäder. Kindergeburtstage sind sehr wichtig für uns. Sie sind ein großer Multiplikator: Wer auf einem Spielplatz zum Feiern eingeladen ist, möchte wiederkommen und vielleicht auch selbst hier feiern. Alleine in meinem Indoor-Spielplatz richten wir im Jahr mehr als 2200 Geburtstage aus, an manchen Wochenenden sind es 30 am Tag.

Machen es die Eltern sich da nicht wahnsinnig einfach? Früher hat man zu Hause gefeiert, die Eltern haben sich Spiele ausgedacht und sich richtig Mühe gegeben …

Ich sehe das nicht so kritisch. Es gibt Eltern, die sich auch hier stark einbringen. Sie bringen ihre eigene Tischdekoration mit und den eigenen Kuchen. Die Zeiten haben sich einfach geändert: Eltern arbeiten oft beide, haben viel Stress und weniger Zeit. Und erinnern Sie sich mal, wie die Wohnung nach dem Kindergeburtstag zu Hause aussah: Das war nochmal richtig viel Arbeit für die Eltern. Kritikern von Indoor-Spielplätzen halte ich auch entgegen, dass die Kinder sich hier immerhin bewegen. Die Kinder toben sich aus und fallen abends verschwitzt und glücklich ins Bett. Das ist doch besser, als zu Hause vor der Spielekonsole zu sitzen.

Viele Eltern empfinden Indoor-Spielplätze auch deswegen als anstrengend, weil man neben dem Eintrittspreis noch für alle möglichen Spielgeräte extra bezahlen muss. Das führt dazu, dass die Kinder die ganze Zeit betteln – und man am Ende viel mehr ausgibt als erwartet. Das ist doch nicht in Ordnung?

Ich verstehe, dass Eltern das anstrengend finden. Es geht den Betreibern dabei natürlich auch um Umsatz. Aber nicht nur: Wir machen das auch, um die Benutzung der Spielgeräte zu steuern. Nehmen Sie Kartbahnen, die viele Spielplätze haben. Wenn die Kinder dafür nicht die Bezahl-Token bräuchten, dann gäbe es kaum Wechsel. Einige Kinder würden die Geräte die ganze Zeit in Beschlag nehmen. Dadurch, dass man dafür extra bezahlen muss, kommt auch jedes Kind zum Zug.

Passieren in den Indoor-Spielplätzen eigentlich viele Unfälle?

Nein, nicht übermäßig viele. Es kommt manchmal zu Verletzungen, insbesondere, wenn Kinder vor lauter Aufregung ineinanderlaufen. Bei mir auf dem Spielplatz hatten wir auch schon einmal einen gebrochenen Arm, das war das Schlimmste. Das gefährlichste Gerät ist das Trampolin, darauf passieren die meisten Unfälle.

In einer Mitteilung Ihres Verbands hieß es zuletzt, dass 41 Prozent der Haftpflichtfälle auf Verletzungen von Eltern und Großeltern zurückgehen …

Ja, das stimmt. Die Erwachsenen überschätzen ihre Gelenkigkeit und ihr Können häufiger mal.

Ich war entsetzt zu hören, dass Indoor-Spielplätze nicht regelmäßig auf ihre Sicherheit hin überprüft werden. Wie kann das in einem Land wie Deutschland, in dem doch fast alles reguliert ist, sein – zumal es um die Gesundheit von Kindern geht?

Also zunächst einmal: Auch für Betreiber von Indoor-Spielplätzen gilt die Verkehrssicherungspflicht. Das heißt, wir müssen dafür sorgen, dass die Spielgeräte sicher sind. Ein Betreiber sollte also täglich eine Sichtprüfung seiner Geräte vornehmen und das auch dokumentieren. Denn im Falle eines Unfalls können wir sonst zu Schadenersatz verurteilt werden. Tatsache ist aber auch: Keine Behörde oder andere staatliche Instanz kontrolliert die Indoorspielplätze, außer wenn etwas passiert ist. Das Bauamt kommt natürlich vor der Eröffnung vorbei und kontrolliert etwa, dass der Brandschutz stimmt und Fluchtwege da sind. Und die Hersteller der Spielgeräte nehmen, oft gemeinsam mit einem Sachverständigen, vor Eröffnung eines neuen Spielplatzes die Geräte ab – schauen also, ob sie ordnungsgemäß aufgestellt und gesichert sind. Aber anschließend schaut nie wieder jemand vorbei.

Das heißt, ein Betreiber muss seine Spielgeräte, über die täglich Dutzende oder sogar Hunderte Kinder hüpfen, nach der Eröffnung niemals wieder warten lassen?

Das ist leider richtig. Unser Verband hat daher vor einigen Jahren einen Ehrenkodex aufgestellt. Er verpflichtet jedes Mitglied, seine Anlage und alle Geräte ein Mal im Jahr von einem Sachverständigen – etwa vom TÜV oder der Dekra – überprüfen zu lassen und etwaige Mängel danach zu beseitigen. Allerdings müssen wir leider jedes Jahr Mitglieder aus dem Verband ausschließen, die da nicht mitmachen wollen.

Wie können Eltern erkennen, ob der Spielplatz, über den ihre Kinder gerade turnen, sicher ist?

Sie können sich informieren, wer Mitglied in unserem Verband ist. Diese Spielplätze haben meistens die von uns ausgestellten Zertifikate über die jährliche Prüfung auch im Eingangsbereich ausgehängt. Oder Eltern können direkt an der Kasse nachfragen, ob und wie die Spielgeräte fachmännisch überprüft werden.

Sind so heiße Sommer wie in den vergangenen zwei Jahren eigentlich gut fürs Geschäft? Wenn es draußen so heiß ist, fliehen die Menschen ja vielleicht wieder in klimatisierte Hallen?

Die wenigsten Indoor-Spielplätze sind klimatisiert. Von daher: Nein, so heiße Sommer sind nicht gut für uns; verregnete Sommer dagegen schon. Unsere Hauptsaison ist natürlich Herbst und Winter.

Welche Spielgeräte sind bei Indoor-Spielplätzen am Kommen?

Am wichtigsten ist der Fun-Park – also eine große Kletteranlage mit Rutschen und verschiedenen Aktivitäten und häufig auch ein Multifunktionsfeld, etwa zum Fußballspielen. Das gab es immer schon und das wird auch weiterhin zentral sein. Darüber hinaus schaut jeder Betreiber, was er noch bieten kann und will. Lerncomputer, Lasertag, Schwarzlicht-Minigolfanlagen, Escape Rooms für Kinder sind gefragt. Auch Virtual Reality ist inzwischen ein Thema – da bekommen die Kinder Brillen und können sich damit in virtuellen Welten bewegen. Für Eltern spielt im Übrigen gutes Essen eine größere Rolle als früher, da verändern viele Betreiber ihr Angebot.

Testen Sie Ihre Spielgeräte regelmäßig selbst?

Aber natürlich. Das große Highlight ist es, das zusammen mit den Mitarbeitern zu tun. Das machen wir häufiger mal und es macht großen Spaß.

Vielleicht braucht man Indoor-Spielplätze für Erwachsene?

Das gibt es längst. Viele Indoor-Spielplätze machen Ü-18-Abende, da dürfen dann nur Erwachsene kommen und toben. Das Konzept ist sehr erfolgreich. Teilweise finden auch Firmenveranstaltungen in Indoor-Spielplätzen statt. Zalando zum Beispiel hat vor einigen Jahren eine Weihnachtsfeier in Tommys Turbulenter Tobewelt in Berlin ausgerichtet.

Das ist aber sicherlich nicht ungefährlich, wenn der ein oder andere mit zwei Promille über die Hüpfburg turnt?

Das stimmt. Da ist dann ganz besondere Vorsicht geboten.

Interview: Nina Luttmer

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