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Ersatz für fossiles Erdgas

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Von: Steffen Höhne

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Strohballen für die Strohgas-Anlage.
Strohballen für die Strohgas-Anlage. © Steffen Höhne

Der Biokraftstoff-Hersteller Verbio nimmt neuen Anlauf bei der Stroh-Gas-Produktion.

Zu verschenken gibt’s beim Biokraftstoff-Hersteller Verbio nichts. Im Eingangsbereich der Leipziger Zentrale steht ein kleiner Tisch mit süßen Snacks bereit. Jeder kann sich nehmen, soll aber einen Euro dafür in die Kasse legen. „Kleinvieh macht auch Mist“ wird sich Unternehmenschef Claus Sauter denken. Er will lieber jeden Euro in anstehende Investitionen stecken: Der börsennotierte Biokraftstoff-Produzent nimmt beim Thema Strohgas neuen Anlauf und will mehr Nahrungsmittelzusätze herstellen.

In Pinnow bei Schwedt (Brandenburg) läuft bereits seit Sommer 2017 der Bau einer Anlage, die ausschließlich Stroh zu Biogas verarbeiten wird. „Wir werden dazu zehn Millionen Euro investieren“, sagte Sauter der Frankfurter Rundschau. Das Verfahren funktioniert nach seinen Worten wie „ein riesiger Kuh-Magen“. Zunächst werden Halme mechanisch zerkleinert. Bakterien spalten in großen Tanks über einen Monat das Stroh auf. Wie das genau abläuft, ist das Produktionsgeheimnis von Verbio. Es entsteht sogenanntes Biogas mit einem 55-prozentigen Methangehalt. Anschließend werden das Kohlendioxid und weitere Gase (45-prozentiger Anteil) abgetrennt. Es entsteht reines Methan beziehungsweise Erdgas. Es soll an Tankstellen als Ersatz für fossiles Erdgas verkauft werden. „Bio-Methan aus Stroh ist noch geringfügig teurer als fossiles Erdgas“, so Sauter. Über CO2-Quotensysteme gelangt es gefördert in den Kraftstoffmarkt.

Die Pläne für das Projekt liegen bei dem Unternehmen mit Firmensitz in Zörbig (Sachsen-Anhalt) seit Jahren in der Schublade. Ursprünglich sollte die Anlage bereits 2012 im ostsächsischen Seitschen errichtet werden. Ein Einbruch der Biodieselpreise durch subventionierten Biosprit aus Südamerika zwang Verbio damals zu einem rigiden Sparkurs. Auch die Strohgas-Anlage wurde auf Eis gelegt.

Sauter ist von dem Verfahren jedoch überzeugt. Er will langfristig auch Abschied nehmen von Biokraftstoffen, die aus Weizen, Roggen, Mais oder Raps hergestellt werden. Denn bei diesen stellt sich immer die ethische Frage, ob Lebens- oder Futtermittel als Kraftstoff verwendet werden sollten. Stroh dagegen ist ein Reststoff, der oftmals untergepflügt wird. Allerdings ist auch das zur Humusbildung nicht unwesentlich. In der Wissenschaft ist daher auch umstritten, in welchem Umfang pflanzliche Reststoffe zur Kraftstoff-Herstellung zur Verfügung stehen.

Ist die Anlage in Pinnow fertiggestellt, soll laut Sauter eine weitere zehn bis 15 Millionen Euro teure Strohgas-Anlage in Indien errichtet werden. „Dort könnten wir subventionsfrei Bio-Methan herstellen, das unter den dortigen Gasmarktpreisen liegt“, so Sauter. Er sieht für Verbio einen großen Markt.

Unabhängiger vom Biosprit

Der Biosprit-Hersteller arbeitet seit Jahren daran, möglichst viele Produkte aus den eingesetzten Rohstoffen zu gewinnen. Am Standort Bitterfeld-Wolfen, an dem aus Rapsöl Biodiesel hergestellt wird, sollen künftig auch Nahrungsmittelzusätze produziert werden. „Pflanzenöle gelten als gesundes Nahrungsmittel, weil sie cholesterinsenkend wirken“, erklärt Sauter. Verantwortlich dafür sind sogenannte Styrole. Diese gewinnt Verbio aus Rapsöl. Dazu existiert bereits eine Anlage, die nun für 25 Millionen Euro ausgebaut wird. Die Menge soll sich von aktuell rund 1000 Tonnen verdoppeln. Abnehmer sind Hersteller von Margarinen oder Joghurtgetränken, die cholesterinsenkend wirken .

Die finanziellen Mittel für die Investitionen hat Verbio im vergangenen Geschäftsjahr verdient. Der Konzernumsatz stieg gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent auf 726,4 Millionen Euro. Unterm Strich stand ein Gewinn von 51,8 Millionen Euro – ein Plus von sechs Prozent. Nach zahlreichen Pleiten in der deutschen Biosprit-Branche verdienen die großen Produzenten wie Verbio, die Südzucker-Tochter Crop-Energies und Glencore Magdeburg wieder gut. Das könnte sich aber schnell wieder ändern, wenn die EU 2018 Strafzölle für südamerikanischen Biodiesel reduziert. Umso wichtiger sind für Sauter die Investitionen, die das Unternehmen vom klassischen Biospritmarkt unabhängiger machen sollen.

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