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Erfurt begegnet der Hitze

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Von: Peter Riesbeck

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Der Lepziger Platz in Erfurt wird im Sommer bis zu 50 Grad heiß.
Der Lepziger Platz in Erfurt wird im Sommer bis zu 50 Grad heiß. © Karina Hessland/Imago

Die Stadt heizt sich durch ihre Kessellage stark auf. In einem vom Bund geförderten Projekt versucht sie, den Ort und seine Menschen auf die veränderten Klimabedingungen einzustellen.

Erfurt hat’s nicht leicht. Wettermäßig. „Doppelte Beckenlage, dicht gebaute Stadt“, so umschreibt Guido Spohr die Ausgangslage. Der Raum- und Umweltplaner arbeitet bei der Stadt Erfurt im Projekt „Heat Resilient City“ – hitzeresiliente Stadt. Vor fünf Jahren bewilligte das Bundesforschungsministerium das gleichnamige Projekt, um zu ergründen, wie Städte und Gemeinde sich gegen Hitzewellen wappnen können.

Seither ist auch Guido Spohr für die Stadt Erfurt mit dem Vorhaben befasst. Thüringens Landeshauptstadt trifft die Hitze doppelt. Sie liegt im Erfurter Becken und im Thüringer Becken. „Da staut sich die Hitze im Sommer in der dicht gebauten Stadt“, sagt Spohr. Er und ein Team der Stadtverwaltungen aus Dresden und Erfurt haben die mikroklimatischen Bedingungen in Erfurt erfasst. Zwischen der Altstadt im Kessel und dem Umland kann es im Sommer leicht mal zu zehn Grad Temperaturunterschied kommen. Und in den heißen Nächten kühlt es kaum ab.

„Heiße Tage, also Tage über 30 Grad und die tropischen Nächte, in denen es nicht mehr unter 20 Grad abkühlt, werden immer häufiger“, sagt Spohr und verweist auf eine besonders anfällige Gruppe: „Ältere Menschen ziehen sich sehr häufig in langen Hitzeperioden zurück, diese wollen wir ebenso erreichen wie Menschen mit Vorerkrankungen im Herz-Kreislauf-Bereich.“

Deshalb stellt Erfurt seit 2020 einen Hitzeaktionsplan auf. Dort ist festgelegt, wie die Stadt auf Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) reagiert. So weisen zum Beispiel Wohnungsbaugesellschaften Bedienstete darauf hin, auf ihren Gängen durchs Haus besonders auf ältere Mieterinnen und Mieter zu achten. Auf der Homepage der Stadt rückt das Thema als Top-Thema www.erfurt.de/hitze - wie momentan - ganz nach oben, und animiert zum Wassertrinken oder gibt andere hilfreiche Tipps zur Vorsorge im eigenen Lebensumfeld zu Hause oder am Arbeitsplatz. So finden sich derzeit auf der Seite Angaben zu den Standorten der öffentlichen Erfurter Trinkbrunnen und zu Geschäften, die kostenloses Leitungswasser für Passantinnen und Passanten anbieten auf der Seite.

Hitze: Hinweise aufs Mobiltelefon

Über RSS-Feeds gibt es regelmäßig Hinweise aufs Mobiltelefon. Im Forschungsprojekt wollen Wohnungsunternehmen wie die Wohnungsbaugenossenschaft Zukunft schattige Rückzugsräume erproben. Das kühlt. Und sorgt für Gesellschaft. Dies zeigen auch erste Erfahrungen der Erfurter Partnerstadt Kansas.

Grün kühlt. Deshalb ist auch Stadtgrün ein wichtiges Thema. Um ein, zwei bis acht Grad Celsius sind Grünflächen kühler als die Umgebung. In Erfurt hat ein Team der TU Dresden sogar bis zu 12 Grad Temperaturunterschied zwischen beschatteten und unbeschatteten Flächen gemessen. Deshalb wird auch die Europäische Kommission aktiv: Bis 2050 sollen zehn Prozent der Stadtflächen von Bäumen beschattet werden.

„Begrünung schafft Begegnungsräume“, erläutert Ina Säumel. Die Umweltwissenschaftlerin arbeitet am Integrativen Forschungsinstitut für Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys) der Berliner Humboldt-Universität. Ein Schwerpunkt des Teams: Die Auswirkungen von Stadtgrün auf das Mikroklima. Die wichtigste Botschaft lautet: Fassadengrün – und zwar dort, wo sich die Menschen aufhalten – im Hof, rund um Mülltonnen, entlang von Wegen, erläutert Säumel. Auch Dachbegrünung kann helfen. Vor allem bei niedrigen Flachdächern. Bei Hochbauten zieht der kühlende Effekt nach oben ab. „Noch besser ist es, wenn das Grün mit anderem Wohnumfeldgrün vernetzt ist – wie mit Gärten und Parks“, so Forscherin Säumel.

Hitze: Kühle Orte öffnen

„Dabei geht’s auch um Haltestellen“, weiß Guido Spohr aus Erfurt zu berichten. Er und sein Team haben bei ihren Hitzemessungen in der Stadt an den Sitzoberflächen in Wartehäuschen Temperaturen von 50 Grad gemessen. An normalen Hitzetagen rund um 30 Grad Celsius.

50 Grad – und es wird noch heißer? Auch andere Städte wie Köln und Mannheim setzen auf einen Hitzeaktionsplan. Was rät Spohr kleineren Kommunen als leichten Einstieg in das Thema? „Auf der eigenen Homepage lassen sich rasch Tipps und Hinweise zusammentragen“, sagt Spohr. „Auch die Feuerwehr zum Bewässern von Bäumen und Grünflächen lässt sich leicht mobilisieren.“ Und sonst? Spohr denkt da sehr praktisch: „Kühle Orte öffnen. Am einfachsten geht das oft mit Kirchen.“

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