Weihnachten

Erfundene Traditionen

Verbissen halten wir an unseren Ritualen zu Weihnachten fest - und merken nicht, wie schnell sie sich verändern

Von Claudia Cornelsen

Es ist ja so eine Sache mit den Traditionen. Einmal Karpfen statt Ente geht als Ausnahme durch, doch schon beim zweiten Mal heißt es: Heiligabend gibt es immer Karpfen! Gilt auch für Kartoffelsalat und Würstchen. Oder Gans. Was Weihnachten auf den Tisch kommt, ist eine Glaubensfrage. Da wird gewissenhaft mit Messer und Gabel ausgefochten, was dem einen oder anderen heilig ist. Dabei geht es weniger um historisches Bewusstsein als um modische Distinktionsmerkmale: Traditionen sind ein Statussymbol. Hat man keine, kauft man welche. Verbissen hält man an Ritualen fest, die man sonst vehement ablehnt: Selbst die vegan lebende Großstadt-Familie serviert an Weihnachten Gänseflügel – aus Seitan nachgebaut. Der Weihnachtsbaum ist fair gehandelt und irgendwie bio. Früher war Lametta, heute werden Zimtstangen und Bast über die Zweige gehängt.

Doch ausgerechnet in Traditionsfragen leiden wir an rapider Gedächtnisschwäche. Weihnachtliche Rituale werden schneller ausgetauscht, als man Jahresendflügelfigur sagen kann. Noch in den 50ern galt Dosengemüse als schick. Genauso wie der Lachs, der sich inzwischen als Discountware unbeliebt gemacht hat. Umgekehrt beim Hummer: Die „Kakerlake der Meere“ aß bis ins

20. Jahrhundert keiner, der es nicht bitter nötig hatte.

Die angeblichen Traditionen sind oft nur kommerzielle Erfindungen: Der Weihnachtsmann trägt roten Mantel mit weißem Pelz seit auf seinem Schlitten das Coca-Cola-Logo prangt: Die Kultfigur ist eine schnöde Konsumfigur. Dass der Weihnachts- jetzt oft Wintermarkt heißt, liegt nicht an weltanschaulicher Offenheit, sondern ist kommerziell motiviert: So kann man die Marktzeiten bis in den Januar hinein verlängern. Klingeling.

Die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen kann deswegen gar keine Bedrohung deutscher Traditionen sein. In der globalisierten Welt werden andere Dinge infrage gestellt, nämlich vor allem die Merkmale, mit denen wir uns sozial abgrenzen: „Anders als du, mehr als du, besser als du.“ – „Meins meins meins!“ Die Geschenke, die wir einander machen, machen wir vor allem uns selbst: Wie steigern das Brutto-Selbstwertgefühl. Nachbarschaftliche Imagepflege. Ego-Marketing. Wenn es gelänge, zu Weihnachten diese Grenzmauern eng verflochtener Statussymbole einzureißen, wäre viel gewonnen und wir könnten echte Nächstenliebe feiern. Frohes Fest!

Die Autorin ist Kommunikationsberaterin in Berlin.

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