1. Startseite
  2. Wirtschaft

Erfolgreiches Zuspätkommen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Der frühe Vogel kriegt vielleicht die schokoladigsten Konferenzkekse ab und darf Protokoll schreiben. Doch wer gekonnt zu spät kommt, dem erweist man Ehre

Von Claudia Cornelsen

Wenn dieser Tage Weihnachtskarten eintrudeln, ist das definitiv zu spät, könnte man meinen. Doch wer den Nachzüglern automatisch mangelndes Organisationstalent oder Unvermögen unterstellt, der irrt: Oft steckt pure Absicht hinter der vermeintlichen Unpünktlichkeit.

Immerhin geht am Dreikönigstag niemand mehr im allgemeinen Weihnachtspoststapel unter oder steht wochenlang zwischen all den anderen festlichen Karten auf der Fensterbank: Wer jetzt kommt, sichert sich eine Extra-Portion Aufmerksamkeit und wird mit Glück erst Ostern wieder weggeräumt.

Die Verspätung als Statussymbol wird im Geschäftsleben oft verkannt. Nicht Pünktlichkeitsfanatiker betreten den Saal zuletzt, sondern Könige! Wer die Kunst des Zuspätkommens beherrscht, punktet mit der richtigen Entschuldigung – und steigt sofort im Ansehen. Richtig dargestellt wird jeder Verspätungsgrund zur Trumpfkarte: Es gab Wichtigeres!

„Ich musste noch den Deal abschließen“, beeindruckt besonders, wenn die Champagnerflasche noch lässig unterm Arm klemmt: Wer Erfolg hat, braucht sich um ein paar Minuten Verspätung nicht zu scheren. „Bei mir war noch alles auf New Yorker Zeit!“, zeigt, dass es aus globaler Perspektive übertrieben wäre, sich wegen einer winzigen Verzögerung aufzuregen: Weltläufigkeit sticht Kleinlichkeit.

Als Teil eines bedeutsameren Größeren ordnet das eigene Zuspätkommen ein, wer darauf verweist, gerade aus Oxford zurück und noch das akademische Viertel gewöhnt zu sein oder noch eben dringend eine Interviewanfrage beantwortet zu haben.

Wer lieber Dynamik demonstrieren möchte, wählt eine sportlichere Ausrede: „Seitdem ich die Treppe in den 11. Stock laufe, werde ich ständig von den Sportsfreunden aus der Chefetage aufgehalten.“ Auch selbstloses Engagement kann niemanden zum Vorwurf gemacht werden: „Wissen Sie, ich bekomme den Mister-Wichtig-Preis der Rettet-die-Welt-Stiftung.“

Fortgeschrittene setzen auf Understatement: „Sorry, Lappalien: Der Gauck brauchte von mir schnell die Handynummer von der Merkel. Aber keine Details, ich will jetzt wirklich nicht länger stören …!“

Der frühe Vogel kriegt vielleicht die schokoladigsten Konferenzkekse ab und darf Protokoll schreiben. Doch wer gekonnt zu spät kommt, dem erweist man Ehre. Achten Sie also darauf, wer Ihnen jetzt noch Weihnachtsgrüße schickt!

Die Autorin ist Publizistin und Kommunikationsberaterin.

Auch interessant

Kommentare