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Andreas Demmer, Lukas Mayer und Mehrdad Madjdi (von l. nach r.) zeigen die Scheibe, für die Siemens sie ausgezeichnet hat.

Siemens

Erfinder ticken anders

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Siemens zeichnet jedes Jahr fremde und konzerneigene Tüftler für geniale Innovationen aus. In diesem Jahr gewannen drei Männer, die für besseren Handyempfang in Zügen gesorgt haben.

Wer Vorschulkinder fragt, was sie später werden wollen, hört oft Berufe wie Pilot, Fußballer oder Feuerwehrmann. „Als ich fünf Jahre alt war, hätte ich gesagt, ich werde Forscher“, schmunzelt Lukas Mayer. Die Belustigung kommt daher, weil der 38-jährige heute Forscher ist. Zusammen mit seinen Kollegen Andreas Demmer und Mehrdad Madjdi ist das Trio von ihrem Arbeitgeber Siemens gerade zu „Erfindern des Jahres 2018“ gekürt worden. Die drei haben dafür gesorgt, dass Bahnreisende problemlos mit ihrem Handy telefonieren können. „Ein europäisches Patent ist erteilt und wir haben weltweit angemeldet“, erklärt Madjdi stolz. Patentiert wurde eine für Mobilfunkwellen durchlässige Struktur für die Beschichtung von Zugfenstern.

Bislang waren Züge zur Wärmedämmung so konstruiert, dass ihre Scheiben keinerlei elektromagnetische Wellen durchlassen. Das ist ab sofort Vergangenheit. „Seit Anfang Dezember fährt der Rhein-Ruhr-Express als erster Zug mit unseren Scheiben“, sagt Madjdi. Künftig sind sie Serienausstattung, was den Handyempfang in der Bahn um den Faktor 500 verbessert.

Wollten Fahrgäste bislang in einem Zug mobil telefonieren, war das nur mit einem teuren, im Zug verbauten Verstärker möglich. Die Scheibenlösung ist wartungsfrei und deutlich billiger.

Auf die Idee, so etwas zu erfinden, kommt man entweder beim Bahnfahren oder wenn man Kollegen zuhört. So erklärt es Mayer. Zusammen mit Demmer arbeitet er in einem zehnköpfigen Forscherteam am Wiener Siemens-Standort. Dort firmiert auch ein Ableger der Siemens-Division Mobility, wo der gebürtige Iraner Madjdi arbeitet. „Man spricht miteinander und bekommt mit, wo der Schuh drückt“, erklärt Mayer. So hat das Trio zueinander gefunden. Zwei Jahre hat es dann gedauert von der ersten Idee bis zur fertigen Lösung.

Ihre jeweils erste Erfindung war es nicht. Zusammen sind die drei Forscher in verschiedenen personellen Konstellationen bislang für rund 20 Patente verantwortlich. „Die meisten meiner Erfindungen haben mit Antennen zu tun“, sagt Mayer. Darunter sind auch Antennen, die flach und miniaturisiert auf einer Kreditkarte oder einem Preisaufkleber Platz finden.

Insgesamt hat Siemens 2018 ein dutzend Tüftler als Erfinder des Jahres ausgezeichnet. Zusammengerechnet kommt das prämierte Dutzend der Multi-Erfinder aus Europa, Asien und Amerika auf 589 Patente. Die Auszeichnung, die nicht mit einer finanziellen Zuwendung verbunden ist, vergibt Siemens jährlich seit 1995 und berücksichtigt dabei seit 2016 auch herausragende Erfindungen, die von Forschern außerhalb des eigenen Konzerns gemacht worden sind.

Lust sich anderswo zu verwirklichen, verspürt das österreichische Erfindertrio nicht. Der Elektrotechniker Madjdi ist seit 1991 bei Siemens und fühlt sich eher als Generalist, der Erfindungen auf ihre Marktchancen hin beurteilt. Madjdi bezeichnet sich deshalb als einziger des Trios auch nicht als Forscher sondern als Innovator.

Der 18 Jahre jüngere Mayer arbeitet auch schon seit sechs Jahren für den Konzern, nachdem er zuvor bei einem Start-up tätig war. Als damals Familienplanung aktuell wurde, hat er die Start-up-Freiheit gegen ein Angestelltendasein eingetauscht. Wie auch Demmer, der schon als Werksstudent bei Siemens war und seit vier Jahren in der Wiener Forschungsabteilung angestellt ist, sieht er sich als Spezialist für Hochfrequenztechnik. So spezialisiert wie viele Außenstehende finden das die beiden aber nicht, weil sich ihr Genre durch viele Siemens-interne Anwendungsfälle zieht, von vernetzten Industrieanlagen über Kraftwerksteuerungen bis eben hin zu Zügen.

„Funktechnik braucht jeder“, sagt Mayer und spricht von „internen Kunden“, wenn er Kollegen diverser Siemensbereiche meint. Die würden zwar ihre Märkte und Produkte kennen, aber oft nicht ahnen, wie man sie mit Hochfrequenztechnik besser machen könne. Deshalb empfindet er Forschen bei einem Konzern wie Siemens zum Teil auch als Vernetzungsauftrag. „Wir machen verschiedene Teile von Siemens miteinander bekannt“, sagt er.

Das klappt nicht immer. Vor gut zwei Jahren habe er in einer Zeitung von einer Erfindung gelesen und nach den ersten Zeilen gedacht, dass Siemens das dort beschriebene Datenmanagementsystem auch haben müsse, erzählt Madjdi. Bei der weiteren Lektüre habe er dann erfahren, dass es im eigenen Haus erfunden worden ist. „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß, ist ein Problem aller großen Konzerne“, sagt er.

Derzeit tüftelt das Wiener Forscherteam an etwa zehn Projekten gleichzeitig. Das Trio ist dabei unter anderem für ein Funksystem für Drehgestelle in Zügen verantwortlich. Das soll sensorgestützt vorausschauende Wartung ermöglichen und dadurch Einsatzzeiten von Zügen erhöhen.

„Forschen ist Teamarbeit“, sagt Mayer. An der prämierten Scheibenlösung für Mobilfunk sei eigentlich das gesamte zehnköpfige Team beteiligt gewesen. Jeder arbeite stets anderen zu, auch wenn die Verantwortung für ein Projekt personalisiert ist. Wenn ein Team wie das in Wien funktioniere, sei das auch eine der wichtigsten Motivationen für die Arbeit. Darin ist sich das Siemens-Erfindertrio einig. Die Bezahlung sei dagegen nicht vorrangig, wobei man von Siemens-Gehältern gut leben könne. Bei einer Auszeichnung wie „Siemens-Erfinder des Jahres“ werde wohl für das Team auch eine Prämie herausspringen.

Das Wichtigste für einen Forscher mit Herzblut sei aber ohnehin, wenn etwas funktioniere, betont Demmer. „Wenn man eine Aufgabe gelöst hat, freut man sich wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum“, beschreibt er die Glücksgefühle, die sein Job mit sich bringt.

Den Drang, sich beruflich zu verändern, verspürt keiner der drei Erfinder. Es könne schon sein, dass er anderswo das Doppelte verdienen würde, sinniert Demmer. Aber wenn er dafür am Sonntagabend in ein Flugzeug steigen müsse und erst Donnerstagnacht wieder zu Hause ankomme, dann habe er dafür wahrscheinlich sogar mehr als doppelt so viel gearbeitet. Zufriedenheit definiert sich für Forscher offenkundig auf eigene Art.

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