Kanal Istanbul

Erdogans nächstes Mega-Projekt

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Der türkische Präsident plant eine neue Wasserstrasse zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer. Umweltschützer sind empört.

Die Türkei steckt in einer Wirtschaftskrise, die Defizite im Staatshaushalt wachsen. Trotzdem will Präsident Recep Tayyip Erdogan jetzt ein umstrittenes Milliardenprojekt in Angriff nehmen: eine künstliche Wasserstraße vom Schwarzen Meer zum Marmarameer, den „Kanal Istanbul“.

Er soll westlich von Istanbul auf einer Länge von 50 Kilometern das Land durchschneiden. Die Baukosten werden auf 15 Milliarden Euro veranschlagt. Eigentlich sollten die Arbeiten längst begonnen haben. Gerüchten, das Vorhaben sei stillschweigend ad acta gelegt, trat Erdogan vergangene Woche entgegen: „Wir werden das Projekt so schnell wie möglich ausschreiben“, kündigte der Staatschef in Ankara an.

Erdogan will mit dem Kanal den Bosporus entlasten, die einzige natürliche Schifffahrtsstraße zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. Rund 50 000 Schiffe befahren die Wasserstraße jährlich, darunter 5500 Tanker. Wegen enger Kurven, schlechter Sicht und tückischer Strömungen kommt es in der Meerenge häufig zu Havarien.

Die neue Wasserstraße soll mit einer Breite von 150 Metern und einer Tiefe von 25 Metern Supertanker und die größten Containerschiffe aufnehmen können. An den Ufern des Kanals sollen Trabantenstädte für mehrere Millionen Menschen entstehen.

Aber das Projekt ist wirtschaftlich und ökologisch umstritten. Der 1936 geschlossene Vertrag von Montreux garantiert allen Handelsschiffen die freie Passage durch den Bosporus. Warum sollten die Reeder dann teure Kanalgebühren bezahlen? Umweltschützer kritisieren, dass der Bau des Kanals und der Trabantenstädte eines der letzten Waldgebiete in der Umgebung Istanbuls zerstören werde. Ökologen sehen auch Gefahren für den Grundwasserhaushalt der Region und die Trinkwasserversorgung Istanbuls.

Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu nennt das Projekt „Verrat an der Stadt“. Erdogan wies den Oppositionspolitiker schroff zurück: „Er sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.“ Imamoglu konterte: „Ich bin gewählt worden, um die 16 Millionen Einwohner Istanbuls zu schützen – sie werden über das Projekt entscheiden.“

Dass sich Erdogan das Vorhaben ausreden lässt, ist aber unwahrscheinlich. Offen bleibt, wie die Regierung das Projekt angesichts der wirtschaftlichen Flaute finanzieren will. Sicher ist nur eins: Der geplante Eröffnungstermin 2023, wenn sich die Gründung der türkischen Republik zum 100. Mal jährt, ist nicht zu halten. Die Bauzeit wird auf mindestens fünf Jahre veranschlagt.

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