Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Währungskrise

Erdogan im „Unabhängigkeitskampf“ – Lira-Krise in der Türkei sorgt für großen Unmut

  • Anna Charlotte Groos
    VonAnna Charlotte Groos
    schließen

Mit seiner Lira-Politik treibt Erdogan die Landeswährung in der Türkei auf historische Tiefstände. Das könnte dem türkischen Präsidenten zum Verhängnis werden.

Istanbul – Die Lira-Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan sorgt derzeit für viel Kritik in der Türkei. Mit seinem hartnäckigen Festhalten an einem niedrigen Leitzins schickt Erdogan die Landeswährung von einem Rekordtief zum nächsten. Der türkische Präsident verteidigt jedoch sein Handeln und sagt, es gehe um einen „Unabhängigkeitskampf“, und darum, „Angriffe auf die Wirtschaft von Innen und Außen“ abzuwenden. Dies berichtete die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch (01.12.2021).

Der Hintergrund der Krise ist die mehrmalige Senkung des Leitzinses durch die türkische Notenbank, womit sie dem Willen des Präsidenten entsprochen haben. Daraufhin stürzte die Lira ab und fällt seit Anfang des Jahres. Am 1. Januar 2021 bekam man für einen Euro etwa neun Lira. Am Mittwoch waren es zwischenzeitlich sogar 15. Auslöser für den jüngsten Einbruch der Lira waren Aussagen von Erdogan während einer Kabinettssitzung am vergangenen Dienstag (23.11.2021). Dort sagte Erdogan, werde seine Geldpolitik nicht ändern und dem „Druck widerstehen“, den Leitzins zu erhöhen, so die Tagesschau.

Währungskrise in der Türkei: Erdogan schickt die Lira in ein Rekordtief

Ökonomen warnen vermehrt vor der Währungskrise und den Auswirkungen auf die Banken. Doch auch für die Menschen in der Türkei hat Erdogans Kurs schwere Konsequenzen. Die Preise steigen teilweise so rasant, dass selbst Alltagsgüter zu teuer werden. Ein Fleischer auf einem Istanbuler Markt etwa sagte dem Sender Arti TV, Menschen kauften nun vermehrt Knochen, weil Fleisch zu teuer sei. Daraus wird etwa Knochensuppe zubereitet. Ein anderer Verkäufer sagte, Menschen fragten neuerdings, ob sie auch nur ein Viertel Blumenkohl kaufen könnten.

Aus Sicht einiger Politiker der islamisch-konservativen AKP aber sind die hohen Preise offenbar kein Problem: Zülfü Demirbag riet Bürger:innen, statt zwei Kilo Fleisch monatlich nur ein halbes zu essen. Energieminister Fatih Dönmez empfahl, die Heizungen runterzudrehen, um Geld zu sparen.

Lira-Krise in der Türkei: Eine Frau tauscht in einer Wechselstube türkische Lira gegen US-Dollar und Euro.

Lira-Krise in der Türkei: Immer mehr Bürger unzufrieden mit Erdogan-Politik

Mit seinem „neuen Wirtschaftsmodell“ will Erdogan inklusive niedrigem Leitzins Investitionen, Beschäftigung, Produktion und Export ankurbeln. Erst am Dienstagabend (30.11.2021) sagte er erneut, hohe Zinsen seien der Grund für die hohe Inflation von zuletzt rund 20 Prozent laut offiziellen Zahlen. Dies ist jedoch ein Widerspruch zur gängigen Lehre. Am Mittwoch appellierte Erdogan an die Bürger:innen: „Wenn ihr Devisen kauft, Preise bestimmt oder einkauft, bewahrt bitte Ruhe und Vernunft.“

Als Konsequenz auf Erdogans Politik befindet sich jedoch nicht nur die Lira, sondern auch die Zustimmungswerte der Wähler:innen in der Türkei in einem historischen Tief. Immer mehr Menschen im Land äußern ihren Unmut. Würde nächsten Sonntag gewählt werden, könnte Umfragen zufolge die Regierung Erdogans nicht weiterregieren.

Türkei in der Inflations-Krise: Ökonomen äußern Kritik an Lira-Politik von Erdogan

Aufgrund der Unzufriedenheit im Land wittert nun die Opposition ihre Chance. Die Führer der kemalistischen CHP und der nationalistischen Iyi-Partei etwa forderten Erdogan auf, zu schweigen, um die weitere Abwertung der Lira zu stoppen. Sie drängen auf Neuwahlen. Einsicht zeigt der nicht. „Ich werde niemals davon abweichen“, sagte der Präsident. „Auch wenn Andersdenkende kommen, Tayyip Erdogan bleibt auf diesem Standpunkt.“

„Die politische Führung verhält sich entgegen jeder ökonomischer Theorie, die ich kenne“, sagt Ceyhun Elgin, Ökonom an der Istanbuler Bogazici-Universität. „Sie glauben, mit einer Abwertung der türkischen Lira international wettbewerbsfähiger zu werden und das Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Das ist eine sehr riskante Politik, die es so meines Wissens nach noch nicht gegeben hat“, so Elgin. Das politische Kalkül dahinter könnten dem Ökonomen Elgin zufolge vorgezogene Wahlen im nächsten Jahr statt 2023 sein. Die Regierung wolle kurzfristig Wirtschaftswachstum bewirken, um damit die Wähler wieder auf ihre Seite zu ziehen. „Und das vekaufen sie als einen ökonomischen Unabhängigkeitskrieg gegen alle Imperialisten dieser Welt“.

Mit seinem hartnäckigen Festhalten an einem niedrigen Leitzins schickt Erdogan die Landeswährung von einem Rekordtief zum nächsten.

Erdogans Lira-Rebellion: Weitere Zinssenkungen in der Türkei im Dezember geplant

Basak Taraktas, Professorin an der Bogazici-Universität, forscht zu sozialen Bewegungen. „Wenn Sie mich fragen, wird die jetzig Situation keine große Rebellion bewirken.“ Mit seinen Reden über einen Unabhängigkeitskrieg vereine der Präsident seine Gefolgschaft hinter sich, die ihn fast wie religiös verehre, „obwohl sie unzufrieden sind und sehr stark unter der wirtschaftlichen Lage leiden.“

Die Gegner:innen Erdogans seien auf der anderen Seite so stark gespalten, das auch sie die Lira-Krise nicht überwinden können, sagte Taraktas. Umfragen stützen diese These: Laut dem Institut Metropoll glauben mehr als 64 Prozent, dass die aktuelle Regierung die wirtschaftlichen Probleme nicht lösen kann. 55 Prozent sind aber der Meinung, auch die Opposition sei dazu nicht in der Lage. Dies könne sich immer noch ändern, sagt Taraktas, etwa wenn die Lira weiter massiv an Wert verliere. „Das wäre eine Situation, die auch die Regierung nicht mehr rechtfertigen könnte“. Für Dezember hat Erdogan bereits weitere Zinssenkungen angekündigt. (acg mit dpa)

Rubriklistenbild: © Burhan Ozbilici/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare