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Das türkische Bohrschiff Fatih in mediterranen Gewässern.

Erdgas-Förderung

Streit über Bohrungen vor Zypern

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EU warnt Türkei vor Ausbeutung der Bodenschätze im Mittelmeer. 

Die Türkei macht Ernst mit ihren Ansprüchen auf Bodenschätze vor dem geteilten Zypern. Sie will jetzt vor der Westküste der Insel innerhalb der zyprischen Wirtschaftszone nach Erdgas bohren. Damit spitzt sich ein seit Jahren schwelender Konflikt zu. Die EU fordert Ankara zur „Zurückhaltung“ auf und warnt vor „illegalen Handlungen“.

Am Sonntag ging das türkische Bohrschiff „Fatih“ knapp 60 Seemeilen (110 Kilometer) westlich der zyprischen Hafenstadt Paphos in Position. Der Name des Schiffs, das der staatlichen Ölgesellschaft TPAO gehört, ist beziehungsreich: „Eroberer“. Vergangene Woche hatte die Türkei eine sogenannte Navtex herausgegeben, eine Sicherheitsinformation für Seefahrer, mit der sie ein großes Seegebiet zwischen der griechischen Insel Rhodos im Westen und der zyprischen Küste vom 3. Mai bis zum 3. September reserviert. Der Bereich, in dem die „Fatih“ jetzt nach Erdgas bohren soll, umfasst auch Teile der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der Republik Zypern.

Zypern und die EU, der Zypern seit 2004 angehört, verurteilen die Pläne. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte am Samstag, die EU sei „zutiefst besorgt“ und appelliere „dringend“ an die Türkei sich zurückzuhalten. Die EU werde auf „jeden illegalen Akt, der die Rechte Zyperns verletzt, in voller Solidarität mit Zypern angemessen reagieren.“ Das türkische Außenministerium wies die Warnung zurück. Die türkische Suche nach Öl und Erdgas im östlichen Mittelmeer stütze sich auf das Völkerrecht, hieß es in der Erklärung Ankaras.

In der Region werden große Gasvorkommen vermutet. Ägypten und Israel haben bereits in ihren Wirtschaftszonen mit der Gasförderung begonnen. Zypern meldete im Februar einen bedeutenden Gasfund vor seiner Südwestküste. Die Regierung in Nikosia hat in Verhandlungen mit Ägypten, Israel und dem Libanon seine Wirtschaftszone abgesteckt und dort bereits mehrere Konzessionen für die Öl- und Gasförderung vergeben, darunter an die US-Energiekonzerne Exxon Mobil und Noble Energy, die französische Total, die niederländische Shell, die italienische Eni und die koreanische Kogas.

Aber die politische Gemengelage ist kompliziert. Zypern ist geteilt, seit die Türkei 1974 den Norden der Insel besetzte. Mit der Invasion wollte Ankara die drohende Annexion der Insel durch die damalige Athener Obristenjunta abblocken und die befürchtete Vertreibung der türkischen Volksgruppe verhindern. Die Türkei erkennt nur die von ihr ausgerufene „Türkische Republik Nordzypern“ an, nicht hingegen die der EU angehörende Republik Zypern im Inselsüden. Ankara beansprucht nicht nur Teile der zyprischen Wirtschaftszone für sich, sondern fordert auch, Zypern dürfe keine Konzessionen ohne Beteiligung der türkischen Volksgruppe vergeben, die „Mitbesitzer“ der Bodenschätze seien.

Der Europäische Rat hatte bereits im vergangenen Jahr das „fortgesetzte rechtswidrige Verhalten“ der Türkei im Mittelmeer verurteilt. Wie die jetzt von Mogherini angekündigte „angemessene Reaktion“ auf die bevorstehenden Bohrungen aussehen könnte, ist allerdings unklar. Viel unternehmen kann Brüssel letztlich nicht, einzelne Mitgliedsstaaten aber schon: Frankreich und Italien haben in den vergangenen Monaten mehrfach mit Kriegsschiffen in dem umstrittenen Seegebiet Flagge gezeigt, um die Präsenz ihrer Energiekonzerne in der zyprischen Wirtschaftszone zu sichern.

Auch die USA haben ihre Militärpräsenz in der Region verstärkt, denn der Gasstreit hat eine geopolitische Dimension: Zypern will einen Großteil des geförderten Erdgases nach Europa exportieren. Gemeinsam mit Israel und Griechenland arbeitet die Regierung in Nikosia an Plänen für die Erdgaspipeline East Med, die Gas aus den Fördergebieten über Griechenland und die Adria nach Italien bringen soll. Die USA unterstützen das Vorhaben, weil es Europa unabhängiger von russischen Gaslieferungen machen würde. Umgekehrt kann es dem Kremlchef Wladimir Putin deshalb nur Recht sein, wenn die Türkei jetzt mit ihren Ansprüchen die Pipeline-Pläne bremst.

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