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Entwicklungshilfe für Parmalat und Cargill

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Von: Kathrin Hartmann

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Afrikanische Bauern bei der Baumwollernte.
Afrikanische Bauern bei der Baumwollernte. © afp

Grüne Innovationszentren sollen Bauern in Afrika Know-how und Einkommen verschaffen. Doch davon profitieren vor allem Konzerne.

Wenn der Entwicklungsminister spricht, dann nicht ohne Pathos: „Afrika ist unsere Chance, aber auch unser Schicksal“, sagte Gerd Müller (CSU) anlässlich der Agrarindustriemesse Grüne Woche in Berlin. Und: „Die neokolonialistische Ausnutzung der Arbeitskraft und der Ressourcen dieses reichen Kontinents muss ein Ende haben.“ So inszeniert sich Müller medienwirksam als moralischer Macher.

Tatsächlich hatte Müller bereits zu Beginn seiner Amtszeit im Dezember 2013 drei neue Sonderinitiativen ins Leben gerufen. Die größte davon ist die Initiative „Eine Welt ohne Hunger“ (Ewoh): Darin stellt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 1,5 Milliarden für Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung bereit.

Ewoh wird in 25 Ländern weltweit umgesetzt, darunter 18 in Afrika. Bislang wurden mehr als 500 Millionen Euro innerhalb der Initiative ausgegeben – mehr als die Hälfte, 266,5 Millionen Euro, für die sogenannten Grünen Innovationszentren. In diesen sollen mit deutschen und internationalen Unternehmen sowie staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen lokale und internationale Wertschöpfungsketten gefördert werden – unter anderem durch Schulungen, Chemikalien, Saatgut, Agrartechnik und Kredite. Das soll für Wachstum, Arbeitsplätze und höhere Einkommen sorgen.

Kritik am technokratischen Ansatz

Doch die Grünen Innovationszentren stehen wegen ihres technokratischen und ökonomischen Ansatzes in der Kritik. Im vergangenen November zog das Forum Umwelt und Entwicklung in ihrer Untersuchung „Doppelbödige Rhetorik – begrenzte Wirkung“ Bilanz über Müllers Leuchtturmprojekt: Die Grünen Innovationszentren würden mehr den beteiligten Konzernen nutzen, während die von extremer Armut und Hunger betroffenen und marginalisierten Gruppen nicht erreicht würden.

Nun haben die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das African Center for Biodiversity eine weitere kritische Studie vorgelegt. Sie untersucht das Grüne Innovationszentrum in Sambia, das vom BMZ mit zehn Millionen Euro finanziert wird. Darin wird der Anbau von Soja und Erdnüssen in der Ostprovinz sowie die Produktion von Milch im Süden des Landes gefördert.

Umgesetzt werden die Projekte von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Zu ihren Partnern gehört die NGO Community Markets for Conservation (Comaco), die sich auch für den Erhalt von Wäldern einsetzt. Sie kauft einigen Bauern Erdnüsse und Soja mit einem Preisaufschlag ab und verarbeitet sie zu Nahrungsmitteln für lokale Geschäfte. In der Südprovinz sollen Milchbauern in Kooperativen mit Unterstützung der niederländischen Entwicklungsorganisation SNV selbst einen Trinkjoghurt herstellen.

35.000 Bauern, so das Ziel, sollen durch das Grüne Innovationszentrum 20 Prozent mehr Profit generieren. Das halten die Macher der Studie für illusorisch: Während nur eine kleine Gruppe von Bauern vom Comaco-Premiumpreis profitiere, würden die meisten das Soja für den Weltmarkt produzieren und zu niedrigen Preisen an Konzerne wie Cargill zu verkaufen.

Der Agrarmulti gehört zu den vier Firmen, die 90 Prozent des weltweiten Handels mit Soja kontrollieren. Längst hat der globale Sojaboom auch Sambia erreicht: Zwischen 2003 und 2016 hat sich die Produktion mehr als verfünffacht. Die sogenannte Flexcrop, aus der Nahrungs- und Futtermittel sowie Biosprit hergestellt werden kann, ist attraktiv für ausländische Investitionen.

Die Milch aus den geförderten Kooperativen fließe vor allem an den italienischen Konzern Parmalat, der wiederum nahezu Monopolstellung in Sambia besitzt und die Preise bestimmt, schreiben die Studienautoren. So würden Kooperativen auch nicht als Organisationen aufgebaut, die ihre Preise selbst bestimmen, sondern zum Nutzen der Konzerne. Zwar erhalten weder Cargill noch Parmalat Geld von BMZ. Dennoch profitieren sie von dem Entwicklungsprojekt: Es sichert ihnen den Zugang zu günstigen Rohstoffen.

Niedrige Preise sind aber das grundsätzliche Problem globaler Wertstoffketten und eine Ursache von Armut und Hunger. Von ihnen können nur Bauern profitieren, die ohnehin bessergestellt sind und über mehr als fünf Hektar verfügen. Die Mehrheit der Bauern, insbesondere die Schwächsten, würde so nicht erreicht. Statt den Hunger zu bekämpfen, würde hier ein Machtungleichgewicht verstärkt.

Die Macher der Studie kritisieren, dass das BMZ diese Erkenntnis aus früheren Projekten in Sambia hätte ziehen müssen. Konkret aus der Competitive Cotton Initiative (Comapci), eine großangelegte öffentlich-private Partnerschaft zur Förderung des Baumwollanbaus in Afrika, auch in Sambia. Sie wurde 2009 vom BMZ, der „Bill & Melinda Gates Foundation“ und der „Aid by Trade“-Stiftung des Versandhauses Otto initiiert und umfasste mehr als 45 Millionen Euro.

Nachhaltigkeit soll belohnt werden

Eine Nachfrageallianz aus dem Textilhandel sollte für das Siegel „Cotton made in Africa“ eine Lizenz zahlen, diese sollte den Bauern, die nachhaltige Baumwolle produzieren, als Preisaufschlag zugutekommen. Doch sie kam nicht zustande. Als der Weltmarktpreis einbrach, gaben viele Bauern den Anbau auf. Seit 2012 hat sich die Baumwollproduktion in Sambia halbiert. Cargill hat die deutsche Entwicklungshilfe schon damals genutzt: 90 Prozent der sambischen Baumwollbauern liefern an Cargills Entkernungsfabrik.

2016 beendete das BMZ die Förderung. Auch deshalb, weil die erhoffte Kombination von Comapci und Grünem Innovationszentrum sich nicht umsetzen ließ. „Alle Wertschöpfungsketten, die die deutsche Entwicklungshilfe für die Integration von Kleinbauern ausgesucht hat – Baumwolle, Soja, Milchprodukte – sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich stark auf Händler und Verarbeiter konzentrieren“, so das Resümee der Luxemburg-Studie. Vielmehr müsse sie sich jene auf lokale Märkte konzentrieren, in für alle zugängliche Gemeingüter investieren und den öffentlichen Sektor fördern, fordern die Autoren.

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