Gasturbinenfertigung bei Siemens.
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Siemens-Aufteilung

Mit Energy an die Börse

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Der Gang aufs Parkett befreit Siemens von seinem unprofitablen Energiegeschäft. Belegschaftsaktionäre und andere Eigner vermissen eine grüne Strategie für Siemens Energy.

Es hätte eine muntere und kontroverse Veranstaltung werden können. Aber selten waren die Limitierungen einer virtuellen Hauptversammlung so deutlich wie beim außerordentlichen Aktionärstreffen zum Börsengang des Energiegeschäfts von Siemens. „Es ist ein historischer Moment“, stellte der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser klar. So weit war er sich mit seinen Aktionären noch einig, die distanziert per Internet verfolgten, wie nüchtern 207 vorab eingereichte Fragen verlesen wurden. Immerhin spaltet Siemens sich in bisher ungekanntem Ausmaß und trennt 91 000 Stellen sowie 29 Milliarden Euro Umsatz ab – ein Drittel des Konzerns. Kritische Stimmen blieben beim virtuellen Eignertreffen aber ausgeblendet und die gibt es reichlich.

Das fängt mit dem Timing an: Viele Aktionäre findet es alles andere als clever, einen Sanierungsfall wie Siemens Energy mitten in einer Pandemie auf das Parkett zu werfen. „Es besteht die Gefahr, dass viele Aktionäre ihre Anteile direkt verkaufen werden“, warnt nicht nur der Anlegerprofi von Deka Investments, Winfried Mathes. Dazu muss man wissen, dass der für 28. September in Frankfurt geplante Börsengang von Siemens Energy kein gewöhnlicher ist. Die 55 Prozent Aktienanteil, von denen Siemens sich trennt, werden nicht verkauft. Niemandem muss ein Einstieg schmackhaft gemacht werden. Die Papiere werden bestehenden Siemens-Aktionären ins Depot gebucht. Für je zwei Siemens-Papiere erhalten sie ein neues von Siemens Energy.

Kapital

Als Mitgift gibt Siemens seinen Energieaktivitäten gut 17 Milliarden Euro Eigenkapital, über zwei Milliarden Euro Nettoliquidität und eine Kreditlinie über weitere drei Milliarden Euro auf den Weg. Zugleich wird Siemens Energy mit einer stolzen Eigenkapitalquote von fast 38 Prozent schuldenfrei gestellt.

Die 45 Prozent der Anteile die der Mutterkonzern anfangs an Siemens Energy hält, sollen binnen eineinhalb Jahren deutlich reduziert werden. Offen ist noch der Firmensitz der Abspaltung. tma

Diese Art des Börsengangs sei lediglich eine Methode, um sich von renditeschwachen Geschäften zu trennen, mutmaßt nicht nur der Dachverband kritischer Aktionäre. Aktuell schreibt Siemens Energy sogar rote Zahlen. Viele Aktionäre aber auch Börsianer fürchten deshalb, dass der Kurs des Börsenneulings rasch abstürzen könnte. Kaeser räumt ein, dass es zu Kursvolatilität kommen könnte, glaubt aber an folgende Wertsteigerung wie 2018 nach dem Börsengang von Siemens Healthineers. Davon sind nicht alle überzeugt. „Ob das jetzt mit Siemens Energy so erfolgreich werden wird, muss schon eher bezweifelt werden“, sagt Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt und ist mit ihrer Skepsis nicht allein. Anders als die Medizintechnik sei das Energiegeschäft nicht profitabel und stehe mitten im technologischen Umbruch von fossilen und zu erneuerbaren Energien. Auch das unter dem Dach von Siemens Energy angesiedelte Windkraftgeschäft schreibt rote Zahlen. „Wäre es nicht besser gewesen, das Energy-Geschäft zu sanieren?“, fragen sich Bergdolt und andere Aktionäre.

Trotz dieser Vorbehalte stimmen die meisten Aktionäre der Abspaltung aber zu. Dagegen votierten nur der Verein der Siemens-Belegschaftsaktionäre und kleinere Gruppen. Auch Fondsmanager warnen aber mit Blick auf die Siemens-Mutter und dort verbleibende Digital- wie Bahntechnikgeschäfte. „Der Schuss einer allzu starken Fokussierung auf wenige Geschäftsbereiche kann in Krisenzeiten auch nach hinten losgehen“, gibt Mathes zu bedenken.

Größter Kritikpunkt der Siemens-Aktionäre ist aber, dass sie bei Siemens Energy keine Strategie und zündende Börsenstory erkennen können. Rund 70 Prozent und damit ein Großteil der Energy-Geschäfte drehe sich noch um Öl, Gas und Kohle, ohne dass es ein Ausstiegsszenario gebe, moniert der Dachverband Kritischer Aktionäre. Er steht Protestgruppen wie Fridays for Future nahe, sieht das aber nicht allein so. „Der Weg zum grünen Unternehmen ist für Siemens Energy noch weit“, rügt auch Vera Diehl als Portfoliomanagerin von Union Investment. Sie und andere Anleger fordern den Schwenk. Boni an Energy-Manager dürfe es künftig nur geben, wenn nicht nur die Rendite sondern auch die Nachhaltigkeit stimmt. Zuletzt hatte Siemens mit viel kritisierten Zulieferungen für eine australische Kohlemine nicht gerade den Eindruck vermittelt, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben.

„Ich habe den Vorstand der Siemens Energy AG gebeten, zügig einen Plan zum Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle vorzulegen“, erklärte Kaeser, der bis zum Ausscheiden als Siemens-Chef im Februar 2021 in Personalunion Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy sein wird. Der Börsenkandidat müsse den Weg in die Energiewende weisen. Die vom Bund und der EU beförderte Wasserstoffwirtschaft biete dabei Chancen für Beschäftigte, die im fossilen Geschäft künftig nicht mehr benötigt werden. Der Börsengang sei weder Schnellschuss noch Notlösung, verteidigt Kaeser die Pläne. Siemens Energy wähnt er im M-Dax mit Potenzial für die erste Börsenliga, den Dax 30. Letzteres setzt voraus, dass der Börsenneuling Coronakrise und Energiewandel bewältigt.

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