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Wie eine Mondlandschaft: Gipsabbau in Lichtenstein bei Osterode im Harz in Niedersachsen.
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Zurück bleibt eine Mondlandschaft: Gipsabbau in Lichtenstein bei Osterode im Harz in Niedersachsen.

Kohleausstieg

Wichtiger Baustoff könnte durch Kohleausstieg knapp werden

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Die Energiewende wird zum Problem für die Baustoffindustrie. Denn der Stoff, aus dem der Leichtbau ist, fällt als Nebenprodukt bei der Kohleverstromung an. Der BUND fordert mehr Recycling und alternative Produkte.

  • Der Kohleausstieg soll bis 2038 abgeschlossen sein.
  • Die Energiewende verursacht Probleme für die Baustoffindustrie.
  • Durch den Kohleausstieg könnte der wichtige Baustoff Gips knapp werden.

Der von vielen als zu spät kritisierte Kohleausstieg nimmt Fahrt auf. Elf Steinkohle-Blöcke werden ab Januar keinen Strom mehr produzieren, darunter das erst 2015 in Betrieb genommene Kraftwerk Moorburg in Hamburg. Ein Nebeneffekt des Ausstiegs, der bisher kaum diskutiert wurde: Der wichtige Baustoff Gips könnte knapp werden. Gips fällt nämlich als Nebenprodukt bei der Stromproduktion mit Kohle an. Nach Alternativen wird händeringend gesucht. Die Industrie fordert verstärkten Abbau von Naturgips. Umweltschützer:innen warnen davor. Sie befürchten einen Kahlschlag beim Naturschutz.

Diese Anlagen werden ab Januar keinen Strom mehr produzieren:

  • Heizkraftwerk Moorburg Block A in Hamburg
  • Heizkraftwerk Moorburg Block B in Hamburg
  • Kraftwerk Hafen Block 6 in Bremen
  • Kraftwerk Ibbenbüren
  • Kraftwerk Heyden in Hannover
  • Kraftwerk Westfalen
  • Kraftwerk Walsum 9 in Duisburg
  • Kraftwerk der Zuckerfabrik Warburg
  • HKW Werk Jülich
  • Kohleblock HKW in Frankfurt
  • Kraftwerk der Zuckerfabrik Brottewitz

Der Rohstoff ist gefragt, freilich kaum noch zum Schienen von gebrochenen Armen oder Beinen. Hier gibt es inzwischen Alternativen, Kunststoffschienen zum Beispiel. Doch rund zehn Millionen Tonnen Gips werden jährlich in Deutschland im Bausektor eingesetzt – in Putz und Estrich, in Form von Gipskartonplatten und -bauteilen. Der Verbrauch dürfte angesichts des Baubooms in den nächsten Jahren sogar noch steigen. Bisher stammt der Gips jeweils etwa zur Hälfte aus den Kohlekraftwerken und aus dem Abbau von Naturgips, der hierzulande vor allem in Niedersachsen, Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern stattfindet.

Energiewende und Kohleausstieg machen Baubranche zu schaffen

Gips fällt in den Kraftwerken seit den 1980er Jahren an. Damals wurden die Kohleblöcke in der alten Bundesrepublik mit Rauchgasentschwefelungsanlagen, kurz REA, ausgerüstet, um den sauren Regen zurückzudrängen, der das Waldsterben verursacht hatte. Die Reinigung erfolgt dabei durch einen chemischen Prozess. Dem Schwefeldioxid, das bei der Kohleverbrennung entsteht, wird im Abgasstrom fein gemahlener Kalkstein zugegeben. Resultat ist der sogenannte REA-Gips, der von der Baustoffindustrie als Rohstoff gerne abgenommen wird. In den neuen Bundesländern wurden die Schwefelfilter in den Kraftwerken dann nach der Wende 1990 eingeführt. Der Markt für Gipsprodukte wuchs durch den REA-Gips deutlich – vor allem durch die Einführung von Gipskartonplatten für den Leichtbau.

Gravierende Folgen für Naturschutzgebiete durch Energiewende und Kohleausstieg

Sinkt wegen des Kohleausstiegs, der von vielen als zu spät kritisiert wird, das Angebot von REA-Gips, könnten die Hersteller das durch mehr Naturgipsabbau ausgleichen. Tatsächlich gibt es offenbar Pläne, in den nächsten Jahren verstärkt den Naturrohstoff abzubauen – vor allem im südlichen Harz. In einem Strategiepapier fordert der Bundesverband der Gipsindustrie wegen des wegfallenden REA-Materials „eine Verdoppelung der für den Abbau nutzbaren Flächen für Naturgips in Deutschland“, unter anderem auch in Naturschutzgebieten.

Perfekter Kreislauf

Gipsprodukte gehören laut dem Bundesverband der Gipsindustrie „zu den wenigen Baumaterialien, die einen geschlossenen Recyclingkreislauf ermöglichen“. Rückgebaute Bauteile können wieder in die Herstellung eines vollwertigen Neuprodukts einfließen, es muss also kein „Downcycling“ betrieben werden. Der Verband räumt allerdings ein: „Gipsabfälle werden bislang nur zu einem geringen Teil der Neuproduktion zugeführt.“ Als Gründe benennt er den hohen Aufwand für eine sortenreine Gewinnung des Materials und die hohen Kosten für Sammel- und Transportsysteme.

Das allerdings ruft Naturschützer.innen wie den Umweltverband BUND auf den Plan. Durch den Abbau seien ökologisch einzigartige Naturlandschaften gefährdet, argumentiert der BUND. Die Gipshersteller zerstörten mit schwerem Gerät und Sprengungen Karstlandschaften, in denen seltene Pflanzen und Tiere leben. Burkhard Vogel, Geschäftsführer des BUND Thüringen, kritisiert die Erweiterungspläne der Industrie: „Das kommt einer Aufforderung zum maßlosen Raubbau im Südharz gleich.“ In der Region im Grenzgebiet von Thüringen und Niedersachsen liegen etwa die Hälfte der deutschen Naturgipsreserven. Das Gipskarstgebiet zählt laut dem Umweltverband aber eben auch zu den „30 deutschen Hotspots der biologischen Vielfalt“.

Kohleausstieg und Energiewende - Naturschutz fordert verstärktes Recycling

Als eine Alternative zum Naturgipsabbau bietet sich vor allem ein verstärktes Recycling des Rohstoffs an. Der Anfall von Gips im Bauschutt ist stattlich, er wird auf drei bis vier Millionen Tonnen geschätzt. Allerdings ist er dort meist mit anderen Baustoffen vermischt. Der Gipsherstellerverband räumt ein, dass nur rund zwei Prozent der Neuprodukte aus sogenanntem Recy-Gips stammen. Man arbeite jedoch an einer Ausweitung des Recyclings, sagte dessen Umweltexperte Jörg Demmich jetzt auf einer Tagung des Umweltnetzwerks „Grüne Liga“ zu dem Thema.

Druck in diese Richtung könnte eine verbindliche Recyclingquote bringen, wie sie von den Umweltschützern gefordert wird. Laut Experten ist immerhin etwa die Hälfte der Gipsabfälle grundsätzlich recycelbar, darunter insbesondere die beim Hausabriss oder -umbau demontierten Gipskartonplatten. Der Anteil von Recyclinggips sei aus zwei Gründen so gering, sagte auf der Tagung Simon Eichhorn, Abteilungsleiter beim Thüringer Innovationszentrum für Wertstoffe: REA-Gips sei günstig verfügbar und das einfache Abkippen des Bauschutts auf Mülldeponien zu billig. Gipskartonpatten werden dort als Sondermüll entsorgt.

Weniger Gips durch Kohleausstieg und Energiewende

Eine weitere Alternative wäre der Ersatz von Gipskartonplatten und -bauelementen durch Platten aus Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen wie Lehm, Hanf oder Stroh. Der BUND hat diese in einem Gutachten analysieren lassen. „Die alternativen Platten lassen sich genauso verarbeiten wie die Gipsprodukte“, sagt BUND-Mann Vogel der FR. Zudem sei die Klimabilanz günstiger. Problem hierbei: Profitieren würden nicht die, die den Gips herstellen, sondern andere Produzent:innen. Eine Umstellung sei trotzdem sinnvoll, meint Vogel. Der Marktanteil der Gipsprodukte sei erst durch die Einführung des billigen REA-Materials so groß geworden. Er könne auch wieder sinken.

Der BUND hält es sogar für möglich, trotz des Kohleausstiegs, der 2038 abgeschlossen sein soll, bis 2045 ganz aus dem Naturgipsabbau auszusteigen. Neben Recycling und Alternativprodukten gebe es eine weitere Möglichkeit, nämlich den Rohstoff aus anderen Quellen zu beziehen, argumentiert der Verband. Gips fällt laut seiner Studie nämlich unter anderem auch bei der Düngemittelproduktion, allerdings zumeist im Ausland, sowie bei Prozessen in der Chemieindustrie an. Außerdem gibt es noch einen Puffer, der bisher nicht genutzt wurde: schätzungsweise 14 bis 16 Millionen Tonnen an REA-Gips, die auf riesigen Halden in der Nähe von Kohlekraftwerken abgelagert wurden. Allein auf der Kippe des Braunkohletagebaus Jänschwalde in der Niederlausitz sollen etwa sechs Millionen Tonnen von dem Material liegen. (Joachim Wille)

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