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Energiewende selbst gemacht

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Von: Kristin Kasten

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Alles ändern: Noch nutzt das Wunsiedler Pelletwerk Erdgas, will jedoch bald auf grünen Wasserstoff umgestellen.
Alles ändern: Noch nutzt das Wunsiedler Pelletwerk Erdgas, will jedoch bald auf grünen Wasserstoff umgestellen. © Maria Irl

Warum auf die Politik warten? Kommunen in Deutschland stemmen sich mit eigenen Ideen gegen Klimawandel und Rohstoff-Abhängigkeit

Beispiel Wunsiedel

Aus der Ferne sehen die mattgelben Haufen, die aus dem Asphalt emporragen, wie Sanddünen aus. Doch wer näher herangeht, erkennt die feinen Holzspäne, die sich auf dem Hof des Wunsiedler Energieparks haushoch auftürmen. Der Geruch von frisch geschlagenem Holz und nasser Erde wabert über den Hof. „Das sind unsere Wipfel-Hölzer“, sagt Marco Krasser, 49, Geschäftsführer der Wunsiedler Stadtwerke, „die gehen in die Verbrennung.“ Im nur wenige Meter entfernten Biomasse-Heizkraftwerk werden die Baumspitzen und Zweige zu Strom. Doch statt die dabei entstehende Abwärme über Kühltürme ungenutzt in die Umwelt zu pusten, fließt die überschüssige Energie hier in die Produktion von Holzpellets. In drei dezentralen Kraftwerken werden die kleinen gepressten Holzstäbchen erneut zu Energie. Sie produzieren so viel Strom und Wärme, wie die Menschen vor Ort brauchen. „So entsteht aus Biomasse ein System aus Nahwärmenetzen für die angebundenen Ortsteile.“

Erneuerbare Energie aus regionalen Quellen dort erzeugen, wo die Menschen sie brauchen – so sieht der Plan für die Energiezukunft der oberfränkischen Stadt Wunsiedel aus. Das Ziel: einen Energie-Kreislauf erschaffen. Ausgangspunkt ist der Rohstoff Holz. Die Kleinstadt mit ihren 9200 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt mitten im Fichtelgebirge. „Hinter uns hat sich ein Sägewerk angesiedelt, das aus Baumstämmen Bretter macht“, sagt Marco Krasser. Die Reste aus der Holzproduktion des Sägewerks gelangen über ein Förderband in ein zweites Pelletwerk. „So können wir pro Jahr etwa 7000 Lkw-Ladungen einsparen.“ Das Holz stammt aus dem bayerischen Staatsforst, von lokalen Bauern und ein kleiner Teil auch aus tschechischen Wäldern – alles im Umkreis von 80 Kilometern. Noch nutzt das Werk Erdgas, bald soll auf grünen Wasserstoff umgestellt werden. Die Anlage ist bereits im Bau.

Alles nutzen: Reste aus dem Wunsiedler Sägewerk landen in dieser Fabrik, in der Holzpellets daraus entstehen.
Alles nutzen: Reste aus dem Wunsiedler Sägewerk landen in dieser Fabrik, in der Holzpellets daraus entstehen. © Maria Irl

Wunsiedel gilt als Blaupause für die Energiewende. Mit dezentraler Ressourcennutzung, Wind- und Sonnenenergie, neuen Speichertechnologien, Elektromobilität und grünem Wasserstoff treibt der Landkreis im Fichtelgebirge die Energiewende im Eiltempo voran. Doch wie gelingt der lokale Wandel?

Unternehmen und Politik müssen sich zusammenraufen, davon ist Marco Krasser überzeugt. Er sitzt im Konferenzraum der Stadtwerke, als er auf Lektionen aus den vergangenen 20 Jahren zurückblickt. So lange ist es her, dass er ein Konzept entwickelte, das die Kohlendioxidemissionen durch den Einsatz kohlenstoffarmer Energiequellen reduzieren sollte. Die lokale Politik zog mit. Nur beim Bau der Wasserstoffanlage erwies sich die Landespolitik zunächst als Bremse. „Sonst würden wir hier schon seit zehn Jahren Wasserstoff produzieren.“

Der Geschäftsführer der Stadtwerke gilt als Kopf des „Wunsiedler Wegs“, der weltweit für Aufsehen sorgt. „Aber ihm gefällt die Lobhudelei nicht“, sagt Wunsiedels Bürgermeister Nicolas Lahovnik, 32, „weil er zu bescheiden ist.“ Mit „Herzblut“ habe Marco Krasser den Ausbau klimafreundlicher Energien angeschoben. „Sein unbedingter Wille und die Weitsicht, die Klimawende schon damals voranzutreiben, war für Wunsiedel ein Glücksfall.“ Bis 2030 wollen Stadt und Stadtwerke ein unabhängiges Energiesystem aufbauen, das vollständig auf erneuerbaren Energien basiert. Das könnte sein Lebenswerk werden.

Beispiel Tübingen

Bis 2030 will die schwäbische Universitätsstadt klimaneutral werden. Und sie ist auf einem guten Weg. Als wichtiger Meilenstein gilt ein Klimapaket, das der Tübinger Stadtrat vor drei Jahren geschnürt und ohne Gegenstimme verabschiedet hat. Eine Sensation – selbst für Oberbürgermeister Boris Palmer.

Auslöser war eine Aktion von Fridays for Future Tübingen. „Im Mai 2019 standen die Kommunalwahlen an, und wir haben uns überlegt, wie wir Einfluss nehmen können“, erinnert sich die Jurastudentin Franca Leutloff, 21, die sich seit drei Jahren bei Fridays for Future engagiert. Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten verschickten im Vorfeld der Wahl Listen mit Fragen zu klimapolitischen Positionen an einen Großteil der Fraktionen. Die Frage, ob Tübingen bis 2030 klimaneutral werden soll, beantwortete die Mehrheit mit „Ja“. Damit geriet ein Stein ins Rollen. Plötzlich war mehr drin, ein gemeinsames Anpacken möglich. Boris Palmer reichte einen Beschlussantrag ein, wollte wissen, ob die Parteien es ernst meinten. Zwei Monate später war das Klimaschutzprogramm beschlossene Sache.

Das Programm will drei große Energiethemen ins Zentrum rücken: Wärme, Strom und Mobilität. Ölheizungen sollen durch klimaneutrale Heizungen ersetzt, Photovoltaikanlagen gebaut, ein günstigerer Nahverkehr geschaffen und das Wärmenetz ausgebaut werden. Eine „Riesenherausforderung“ sieht die Studentin darin, die Stadt zukünftig mit 100 Prozent erneuerbaren Energien zu versorgen. „Momentan fehlt es an Flächen und Personal, um die Pläne umzusetzen.“ Doch unmöglich scheint es nicht: Während Tübingen 2011 erst einen Anteil von drei Prozent erneuerbarer Energien am Strombedarf hatte, wollen die Stadtwerke das Tübinger Stromnetz bis 2024 bereits zu 75 Prozent aus erneuerbarer Stromerzeugung speisen. Bis 2030 sollen es dann 100 Prozent sein – und mehr, schließlich soll die Elektromobilität weiter ausgebaut werden.

Doch auch im grünregierten Tübingen zeigt sich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht immer begeistert von den Klimaschutzplänen der Stadt. Eine bittere Niederlage brachte der Bürgerentscheid für die Innenstadtstrecke der Regional-Stadtbahn: Eine mehrjährige Baustelle im Herzen der Stadt war vielen ein Dorn im Auge. Dazu eine Bahnstrecke, von der nur profitiert, wer auf das Auto künftig verzichtet – gut 57 Prozent der Menschen in Tübingen stimmten dagegen.

Beispiel Verkehrswende

Wie die Verkehrswende gelingen kann, zeigen Städte in Frankreich und Spanien. In Barcelona entstehen autofreie Quartiere und Straßen, in Paris führen Pop-up-Radwege durch große Teile der Stadt. Verkehrschaos? Fehlanzeige. Für Oliver Wagner, Co-Leiter des Forschungsbereichs Energiepolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, ist die Verkehrswende nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine soziale Frage. „Durch den Wegfall des motorisierten Individualverkehrs in den Innenstädten hat sich die Lebensqualität enorm verbessert.“ Oft seien es vor allem Menschen mit geringen Einkommen, die davon profitierten. „Sie sind es, die an den viel befahrenen Straßen wohnen und unter den Umweltauswirkungen, wie Lärm und Dreck, am meisten zu leiden haben.“

Hohe Investitionen seien oftmals gar nicht nötig. Auch hochverschuldete Kommunen könnten den Klimaschutz vorantreiben. „Im Bereich des Ordnungsrechts können Städte viel machen, beispielsweise eine City-Maut oder offensive Parkraumbewirtschaftung einführen“, sagt Oliver Wagner. Die Menschen hätten in Städten, deren Kassen leer sind, vermutlich sogar mehr Verständnis dafür als in reichen Städten, so der Wissenschaftler. Er bemängelt den fehlenden Mut der Verantwortlichen. Es sei an ihnen, die Möglichkeiten des Ordnungsrechts stärker zu nutzen. „In Bebauungspläne können beispielsweise städtebauliche Verträge untergebracht werden, die Energiestandards oder auch Energieträger für die Wärmeversorgung festgelegen.“

Die kommunale Verwaltung als Vorreiter in der Energiewende? Unbedingt, erwidert der Experte. Er verweist auf die „riesige Batterie an eigenen kommunalen Gesellschaften“: Von Sparkassen über Energieversorgungsunternehmen bis hin zur kommunalen Wohnungswirtschaft mit hohem eigenen Gebäudebestand. Dort solle die Energiewende beginnen.

Beispiel Landkreis Steinfurt

In Kommunen, in denen sich lokale Akteure aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammenschließen, entwickeln sich oft neue Ideen, so Experte Oliver Wagner. Für sein kollektives Engagement bundesweit bekannt ist der Landkreis Steinfurt. Er hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu sein – noch vor Bund und Land. Im Oktober vergangenen Jahres hat er das Ziel auf 2040 vorgezogen. Und das, obwohl die gesetzten Ziele bislang verfehlt wurden. „Im Vergleich zu 1990 haben wir erst zehn Prozent weniger Emissionen. Das ist natürlich zu wenig“, sagt die Geschäftsführerin des lokalen Vereins „energieland2050“ Silke Wesselmann. Ein Problem sei die Ausgangslage: „Im Kreis Steinfurt gibt es weder große Kraftwerke noch Schwerindustrie.“ Rüstet man ein Kraftwerk um oder schaltet sogar eines ab, lassen sich auf einen Schlag riesige Mengen Emissionen einsparen. „Unser Weg ist also sehr viel mühsamer.“

Trotzdem sieht Silke Wesselmann in den ambitionierten Zielen keinen Widerspruch. Der politische Wille sei entscheidend. Und der sei da. „Alle Parteien – mit Ausnahme der AfD – unterstützen das Vorhaben.“ Der Landkreis habe nicht nur ein Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit eingerichtet, sondern auch sechs neue Stellen im Bereich Klimaschutz bewilligt. Zusätzlichen Antrieb gibt der vor fünf Jahren gegründete Verein, in dem Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und des Kreises gemeinsam arbeiten. Der Clou: Der Verein ist beim Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit angesiedelt, das Silke Wesselmann leitet. Dass sie auf zwei Stühlen sitzt, stört sie nicht. Im Gegenteil. „So können wir das Thema Klimaschutz auf zwei Ebenen anschieben.“

Als wir begonnen haben, die Windenergie auszubauen, haben wir Leitlinien entwickelt, damit die Bürgerinnen und Bürger eine finanzielle Rendite davon haben – nicht nur die Flächenbesitzer und die direkte Nachbarschaft.“

Silke Wesselmann, Geschäftsführerin des Vereins „energieland2050“ im Landkreis Steinfurt

Der Bereich Mobilität und Gebäudesanierung sei entscheidend für den Erfolg der Klimaschutzbemühungen. Der Kreis geht mit gutem Beispiel voran, saniert seine Gebäude, installiert Photovoltaikanlagen, hat die Hälfte seiner Fahrzeuge auf elektrische Antriebe umgestellt. „Und wir wollen künftig jede Dienstreise auf den Prüfstand stellen, setzen auf den ÖPNV und bilden Fahrgemeinschaften.“ In anderen Bereichen kann der Kreis Steinfurt schon Erfolge vorzeigen: der Windkraft. „In unserem Verein sitzt der Naturschutz mit der Landwirtschaft, den Windparkbetreibern, den Stadtwerken und der Genehmigungsbehörde an einem Tisch.“ So könnten Projekte schneller umgesetzt werden. Die Steinfurter Bilanz: Auf einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie die Insel Rügen, gibt es 286 Windräder und 21 Bürgerwindparks.

Ihr Erfolgsrezept: Sie lassen die Bevölkerung teilhaben und vom Klimaschutz profitieren. „Schon als wir begonnen haben, die Windenergie auszubauen, haben wir Leitlinien entwickelt, damit die Bürgerinnen und Bürger eine finanzielle Rendite davon haben – nicht nur die Flächenbesitzer und die direkte Nachbarschaft.“ Und so sind es im Kreis Steinfurt oft die Landwirtinnen und Landwirte selbst, die den Ausbau der Windenergie in die Hand nehmen, regionale Unternehmen einbinden und sie mit Banken, Sparkassen und der Hilfe von Nachbarn finanzieren.

Auch in Wunsiedel profitierten nicht nur die Stadt, sondern auch ihre Bewohnerinnen und Bewohner von der lokalen Wende hin zur Nachhaltigkeit. Einst war die Stadt für ihre Porzellanindustrie bekannt. Doch die Industrie starb aus, Arbeitsplätze gingen verloren, Menschen zogen weg. „Anfang der 2000er Jahre steckte die Region in einer tiefen Depression“, sagt Bürgermeister Nicolas Lahovnik. Er sitzt neben Marco Krasser in einem Besprechungsraum des Energieparks. Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team, haben die Geschichte vom Aufstieg Wunsiedels schon oft erzählt. Im Zentrum der Erfolgsstory steht Marco Krasser. Doch der wiegelt ab. „Die Sterne standen günstig, und die Stadt hatte nicht viel zu verlieren.“ Immer wieder verweist er auf die vielen Hände und Köpfe, die den Wunsiedler Weg möglich gemacht haben. Erst im Zusammenspiel mit dem damaligen Bürgermeister, dem Stadtrat und der Kommune sei aus der Idee ein Zukunftsprojekt geworden.

Einen Ort gibt es noch, den Nicolas Lahovnik gerne zeigen möchte. Im gegenüberliegenden Pelletwerk steigt er mehrere Treppen hinauf. Im graumelierten Anzug und roter Krawatte wirkt er seltsam fehl am Platz. Doch er bewegt sich zielsicher durch das Werk, kennt jeden Knopf und jeden Lichtschalter. Freundlich grüßt er die Arbeiter in der Schaltzentrale. Dann steigt er eine letzte Treppe hinauf, reißt eine Tür schwungvoll auf und bleibt auf einer kleinen Plattform hoch oben stehen. „Das ist mein Lieblingsplatz“, sagt er. Vor ihm liegt das mehr als 4000 Quadratmeter große Holzpellet-Lager. Der Geruch von Wald ist hier drinnen noch durchdringender als auf dem Hof. Mehr als 180 000 Tonnen Pellets lagern hier jedes Jahr. Genug, um 36 000 Haushalte mit Strom zu versorgen. „Das ist ein Anblick, oder?“, sagt Nicolas Lahovnik und breitet die Arme aus. „Da geht mir das Herz auf.“

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