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Energiewende braucht viel Metall

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Von: Joachim Wille

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In den Salinas Grandes in Argentinien wird Lithium abgebaut.
In den Salinas Grandes in Argentinien wird Lithium abgebaut. © AFP

Der Bedarf etwa an Lithium und Kobalt wird zwar stark steigen. Dramatisch sei das aber nicht, besagt eine aktuelle Studie.

Millionen Solaranlagen, zigtausend Windräder an Land und auf See, neue Stromtrassen und Batteriespeicher, die die Stabilität des Elektrizitätssystems sicherstellen: Die Energiewende erfordert große Mengen an Rohstoffen, darunter Metalle wie Stahl und Kupfer. Eine am Dienstag veröffentlichte Studie gibt jedoch etwas Entwarnung: Die Produktion der Öko-Energien verursache keinen wesentlich größeren Bedarf an Metallen als die von fossiler Energie. Trotzdem müsse auch bei Wind und Solar mehr auf sparsame Rohstoffnutzung und Recycling Wert gelegt werden.

Ob Internationale Energieagentur, Weltbank, EU-Kommission oder Bundesregierung – sie alle rechnen wegen der Energiewende mit einem stark wachsenden Bedarf an Metallen. Die Bundesregierung zum Beispiel erwartet, dass „die Transformation hin zu treibhausgasneutralen Technologien … zu einem erheblichen Metallbedarf an entsprechenden mineralischen Rohstoffen“ führe. Die EU-Kommission wiederum will noch in diesem Jahr einen „Critical Raw Materials Act“ auf den Weg bringen, der die Versorgung der europäischen Industrie mit Lithium, Kobalt, Kupfer und anderen metallischen Rohstoffen sicherstellen soll. Sie rechnet zum Beispiel damit, dass im Jahr 2050 die 60-fache Menge des Batterierohstoffs Lithium benötigt wird.

Die NGO „PowerShift“ hat in einer Studie den Metallbedarf verschiedener Energietechnologien miteinander verglichen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der „Rohstoffhunger“ der Öko-Energien nicht als Argument gegen die Energiewende verwandt werden kann. Tatsächlich schnitten einige erneuerbare Energietechnologien, etwa auf Dächern montierte Solarstrom-Anlagen, bezüglich ihres „Metall-Fußabdrucks“ sogar deutlich besser ab als zum Beispiel Kohlekraftwerke. Die Untersuchung heißt: „Metalle für die Energiewende“.

Die Frage ist, wo die Metalle eingesetzt werden

Dass die Öko-Energien keine Haupttreiber für den Abbau von Metallerzen sind, wenn man sie mit anderen Industriesektoren vergleicht, hatte 2021 auch eine Studie des Öko-Instituts ergeben. Danach erhöht der Ausbau von Windkraft, Photovoltaik oder Elektromobilität zwar den Verbrauch speziell von sechs Rohstoffen, darunter Lithium, Kobalt, Seltene Erden und Tantal.

Doch das relativiere sich, wenn die erwarteten Verbräuche ins Verhältnis zum bisherigen Metallverbrauch gesetzt würden. Beispiel: Selbst die Steigerung des Lithiumverbrauchs auf das 45-Fache bis 2050 sei nicht mehr so dramatisch, wenn die dann prognostizierten 3,8 Millionen Tonnen mit der aktuellen globalen Eisenerzproduktion von etwa 2450 Millionen Tonnen jährlich verglichen wird, die also fast das 650-Fache beträgt.

PowerShift-Experte Michael Reckordt kommentierte die neue Untersuchung so: „Nicht der Umstieg auf erneuerbare Energien ist die eigentliche Herausforderung, sondern die Frage, wo die Metalle in Zukunft eingesetzt werden.“ Im Vergleich zum Metallverbrauch der Automobilindustrie würden für den Ausbau der Erneuerbaren weitaus weniger Metalle benötigt. So benötigten allein die Antriebsbatterien der E-Autos des Herstellers Volkswagen, die im Jahr 2030 produziert werden sollen, etwa achtmal so viel Aluminium und Nickel wie der gesamte geplante Zubau an Windkraftanlagen in Deutschland von 2022 bis 2030.

Die NGO fordert, unabhängig von der Energiewende die negativen Folgen des weltweiten Bergbaus zur Metallgewinnung anzugehen. Hierzu zählten Wasser- und Landnutzungskonflikte, Umweltverschmutzung sowie die Zerstörung von Regenwald. Der Bergbau sei zudem für zehn bis 15 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich, die prognostizierte Entwicklung beim Metallverbrauch mithin nicht mit den Pariser Klimazielen vereinbar. „Für eine effektive Bekämpfung der Klimakrise brauchen wir dringend eine Rohstoffwende“, sagte Reckordt. Dies bedeute, dass metallische Rohstoffe unter höchstmöglichen ökologischen und sozialen Standards abgebaut und ihr Verbrauch gesenkt werden müsse.

Viele Anlagen müssen ausgetauscht werden

In einer zweiten Studie widmet sich PowerShift dem Problem, dass hierzulande wie in vielen anderen Ländern in den nächsten Jahren viele Solar- und Windkraftanlagen der ersten Generation ausgetauscht und dadurch große Mengen an Recylingschrotten anfallen werden. Die erste Welle dieser Anlagen wurde nach 2000 installiert, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen wurde. Da deren Lebensdauer 20 bis 30 Jahre beträgt, werden sie nun zunehmend ausgetauscht.

Hier komme es laut PowerShift darauf an, eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Stichworte: Langlebigkeit, Reparierbarkeit und ein auf Wiederverwendbarkeit der Rohstoffe ausgelegtes Produktdesign. „Es braucht jetzt klare und einheitliche gesetzliche Vorgaben für den Rückbau und die Erneuerung alter Anlagen in Deutschland und der EU“, so Hendrik Schnittker von PowerShift.

Ein Beispiel liefert der bisherige Umgang mit alten Solaranlagen. Bisher verpflichtet eine EU-Richtlinie von 2012 die Hersteller von Solarmodulen zwar, die Rücknahme und das Recycling ihrer Produkte sicherzustellen. Doch aktuell müssen nur 85 Prozent der verkauften PV-Module gesammelt und 80 Prozent des Gesamtgewichts recycelt werden. Fachleute fordern, diese Anforderungen zu erhöhen, da bisher nur ein Teil der Rohstoffe, wie der Aluminiumrahmen und ein Teil des Glases des Module, zurückgewonnen würden. Die Richtlinie müsse überarbeitet werden, damit auch Rohstoffe wie Silizium oder Silber aus den Solarzellen nicht verloren gehen.

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