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Energiepreise: Wir erleben keine grüne, sondern eine fossile Inflation

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Von: Prof. Dr. Claudia Kemfert

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Prof. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.
Prof. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. © Michael Kappeler/N. Bruckmann/M. Litzka

Die Inflationsrate ist so hoch wie seit gut 30 Jahren nicht mehr. Das liegt vor allem an den steigenden Energiepreisen. Energiewende und Klimaschutz sind dabei die Lösung, nicht das Problem, schreibt Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Gastbeitrag.

Berlin - Hohe Preise für fossile Energie* sind gut und schlecht zugleich. Gut sind sie im Sinne des Klimaschutzes: Sie geben Anreiz zum Energiesparen und für einen Wechsel zu günstigeren erneuerbaren Energien. Schlecht sind sie, weil hohe Energiekosten Wirtschaft und Verbraucher belasten, vor allem die mit niedrigem Einkommen.

Energiepreise: fossile statt grüne Inflation

Der hohe Leidensdruck macht nicht nur finanzielle Unterstützung notwendig, sondern führt oft auch zu hektischen Ausweichmanövern, die manchmal die Lage noch verschlimmern. Das kann man derzeit sehr eindrücklich an der Diskussion um die angeblich „grüne Inflation“ nachvollziehen. Fälschlicherweise werden nicht die fossilen Energiepreise als Ursache der steigenden Energiekosten ausgewiesen, sondern Klimaschutz-Instrumente. Doch in Wahrheit erleben wir keine grüne, sondern eine fossile Inflation – oder wenn’s denn eine Farbe sein soll: eine braune Inflation.

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen* liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen ab sofort Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark. Immer samstags.

Der Klimaschutz spielt hier ursächlich keine Rolle. Der Anteil der CO2-Preise an den jetzigen Energiepreissteigerungen ist verschwindend gering. Er liegt bei unter einem Promille (<0,1 Prozent)! Dass ausgerechnet diese – gewissermaßen homöopathische – Dosierung solche Preiseffekte haben soll, ist ein schlechter Witz. Nein, Ursache und Wirkung werden falsch verknüpft. Andersherum werden wir gesund: Die Krankheit ist bitter, nicht die Medizin.

Investitionen in erneuerbare Energien wirken preissenkend

Denn Fakt ist: Die Preise für fossile Energien explodieren. Erneuerbare Energien wirken preissenkend. Investitionen ins Energiesparen* senken Energiekosten. Die Kosten für neue Technologien wie Elektromobilität sinken kontinuierlich; sie wirken also nicht inflationär, sondern allesamt deflationär.

Trotzdem gilt: Um die notwendige Anreizwirkung für mehr Klimaschutz entfalten zu können, muss sich CO2 verteuern. Das führt dann mit Absicht zu einer „grünen Inflation“, allerdings auf niedrigem Niveau. Zur Erinnerung: Der jetzige CO2-Preis liegt bei 25 Euro pro Tonne CO2 und wird in den kommenden Jahren sehr langsam auf 60 Euro pro Tonne ansteigen. Der bewusst verzögerte Anstieg vermeidet massive Kostensprünge. Die Menschen sollen Zeit haben, die notwendigen Veränderungen anzuschieben.

Die aktuellen Preisexplosionen jedoch nutzen allein den Öl- und Gas-exportierenden Ländern und schaden den Armen. Spontan fordern manche deswegen eine Absenkung von Strom- und Mehrwertsteuern oder EEG-Umlage. Doch die Erfahrung zeigt: Stromkonzerne geben preissenkende Faktoren ungern weiter, solange sie juristisch nicht dazu gezwungen sind. Angesichts der gestiegenen Beschaffungskosten werden die Konzerne lieber ihre Gewinne sichern, als die Verbraucherpreise zu senken.

Energiepreise: Pendlerpauschale ist sozial ungerecht

Die zweite gängige Idee, eine Erhöhung der Pendlerpauschale, ist sozial ungerecht, da von ihr Reichere, nämlich die, die vor allem mit den Auto pendeln, bevorteilt werden. Besser wäre ein ökologisches Mobilitätsgeld für umweltfreundliche Mobilität, möglichst unabhängig vom Einkommen. Und am meisten würden einkommensschwache Haushalte von einer Klimaprämie profitieren, indem die CO2-Einnahmen pro Kopf an die Bürger zurückerstattet werden.

Deswegen: Statt die braune Inflation falsch als „grün“ zu etikettieren, sollten wir lieber Maßnahmen gegen exorbitante fossile Preissteigerungen ergreifen. Zwei Dinge sorgen für bezahlbare Energiepreise und sozialen Frieden. Erstens: Erneuerbare Energien ausbauen* und Energiesparen fördern. Zweitens: Eine Klimaprämie, also CO2-Einnahmen pro Kopf rückerstatten.

Energiewende und Klimaschutz sind die Lösung, nicht das Problem.

Zur Autorin: Prof. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sowie Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg.

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