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Energiemangel: Sparen, sparen, sparen

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Von: Joachim Wille

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Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1, durch die momentan deutlich weniger Gas fließt als sonst.
Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1, durch die momentan deutlich weniger Gas fließt als sonst. © dpa

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck versucht mit einer Kampagne, die Bürgerinnen und Bürger dazu zu bewegen, weniger Energie zu verbrauchen. Wird das gelingen?

Einsparen, um unabhängiger von Russland zu werden. Und um das Klima zu schützen. Das sind die Ziele der Werbekampagne „80 Millionen gemeinsam für den Energiewechsel“, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zusammen mit Wirtschafts- und Umweltverbänden, Verbraucherschutzverbänden und Gewerkschaften kürzlich gestartet hat. Tatsächlich sind die Bundesbürgerinnen und -bürger stark motiviert, dabei mitzumachen. Schon jetzt versuchen Dreiviertel der Deutschen, Energie zu sparen – natürlich auch wegen der hohen Preise.

Habecks Kampagne (www.energiewechsel.de) wendet sich an die „lieben“ Einfamilienhausbesitzer:innen, Stadtwohnungsmieter:innen, Hauseigentümer:innen, Unternehmer:innen und Handwerker:innen, kurz: eigentlich an jede und jeden. Energiesparen sei notwendiger als je zuvor. „Und dazu können wir alle beitragen“, meint der Minister.

Ganz neu erfunden wird das Thema in der Kampagne nicht. Die Tipps lauten zum Beispiel: zu einem sparsamen Duschkopf wechseln, Kühlschranktemperatur nicht zu kalt einstellen, beim Kochen und Backen Restwärme nutzen. Oder: sparsame Heizungspumpe einbauen lassen, Laptop statt Desktop benutzen, Büros konsequent auf LED-Beleuchtung umstellen. Und dann wird noch auf die erst längerfristig umsetzbaren Einsparmöglichkeiten hingewiesen: mit erneuerbaren Energien heizen, am besten per Wärmepumpe, energieeffiziente Fenster und Türen einbauen, in Betrieben anfallende Abwärme nutzen.

45 Prozent der Befragten duschen seltener oder kürzer

Tatsächlich kommt es ja auch darauf an, dass die schon seit Jahrzehnten bekannten Tipps endlich auch einmal in der Breite umgesetzt werden, nicht nur von einer Minderheit der stark Umweltbewussten.

Und hier scheint sich, infolge von Ukrainekrieg und steigenden Strom- und Heizkosten, etwa zu bewegen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Darin gaben 77 Prozent der Befragten an, dass sie ihr Verhalten in den vergangenen Monaten geändert und versucht hätten, beim Heizen oder beim Warmwasserverbrauch Energie einzusparen. Nur 20 Prozent taten das nicht.

Die meisten in der Gruppe der bewussten Energiesparer:innen ergriffen gleich mehrere Maßnahmen, um den Verbrauch beim Heizen und bei der Warmwassernutzung zu senken. Sie drehten die Raumtemperatur generell herunter (56 Prozent), achteten beim Verlassen des Hauses verstärkt auf eine abgesenkte Heizung (52 Prozent) und heizten weniger Räume (48 Prozent). Etwa 45 Prozent der Befragten gaben an, kürzer oder seltener zu duschen, und 41 Prozent, bewusster zu lüften. Rund 13 Prozent haben bereits in programmierbare Thermostate für die Heizkörper investiert.

Kein Wunder: Als Hauptgrund für den sparsameren Umgang mit Energie nannten rund zwei Drittel (67 Prozent) derer, die bewusst Energie sparen, die gestiegenen Energiekosten. Rund jeder Fünfte (19 Prozent) spart vor allem aus Gründen des Umweltschutzes.

Erstaunlich gering war in der Umfrage der Anteil derjenigen, die den Ukrainekrieg als Hauptmotiv nannten: Es waren nur fünf Prozent.

BDEW-Chefin Kerstin Andreae sagte: „Aufgrund des Angriffskriegs auf die Ukraine und der steigenden Energiepreise hat unser Umgang mit Energie noch mal an Bedeutung gewonnen.“ Die Energiewirtschaft arbeite mit Hochdruck daran, neue Importquellen zu erschließen und den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben. Gleichzeitig müsse aber auch effizienter mit der vorhandenen Energie umgegangen werden. Hier könne vom einzelnen Bürger bis zum Industrieunternehmen jeder mitmachen. „In fast jedem Haushalt gibt es noch Möglichkeiten Energie einzusparen.“ Andreae lobte in diesem Zusammenhang die Habeck-Kampagne.

Längerfristig wäre noch deutlich mehr Einsparung möglich

Eine Übersicht von schnell umsetzbaren Energiesparmaßnahmen hatte bereits nach Beginn des Ukrainekriegs die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) vorgelegt, in der rund 200 Firmen, darunter Konzerne wie Covestro, Rockwool und Siemens zusammengeschlossen sind.

Ihre Liste mit 50 Maßnahmen zielt auf Verbraucherinnen und Verbraucher, Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer und Industriefirmen. Darin geht es von „Fenster mit Dichtungsband abdichten“ über „Heizung herunterdrehen“ bis zum „Druckluft-Leckagen abdichten“. Unter anderem die Deneff forderte damals eine große, medienwirksame Energiesparkampagne, um dies umzusetzen. Habeck reagierte jetzt darauf.

Fachleute schätzen, dass kurzfristig Einsparungen von rund zehn Prozent drin sind, bei der Heizenergie zum Beispiel vermindert alleine das Absenken der Raumtemperatur um ein Grad den Verbrauch um rund sechs Prozent. Dass mit einer intensiven Ansprache der Bürger:innen sogar noch mehr drin ist, hat Japan gezeigt. Dort brachte eine Kampagne der Regierung in Tokio zu Stromeinsparungen nach der Fukushima-Katastrophe 2011 sogar bis zu 20 Prozent Reduktion.

Längerfristig wäre noch deutlich mehr Einsparung möglich. Laut dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe könnte der Energieverbrauch quer über alle Sektoren langfristig um rund 40 Prozent sinken.

Hierzu sind jedoch erhebliche Investitionen nötig. Am meisten brächten dabei zwei Bereiche: die energetische Sanierung des Gebäudebestands, vor allem durch Dreifachfenster, Wärmedämmung und Umstellung auf Wärmepumpenheizung sowie eine konsequente Verkehrswende. Stichworte hier: Verlagerung vom Auto auf Bus, Bahn und Fahrrad, Verkehrsvermeidung, etwa durch Homeoffice, E-Mobilität.

Fragt sich nur, wie lange das Einsparbewusstsein anhält. Die Gefahr besteht, dass viele Menschen im Falle wieder sinkender Energiepreise in die alten Verhaltensweisen zurückfallen. Umweltforscher:innen forderten daher schon lange vor dem Ukrainekrieg, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass die Bürgerinnen und Bürger automatisch umwelt- und klimafreundlich handeln.

Dazu brauche es „eine engagierte und anpackende Politik, die neue, innovative Standards und Limits in Abstimmung mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Werk setzt“, meint zum Beispiel Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Die Strukturen müssten so geändert werden, „dass es sich besser anfühlt, das Richtige zu tun“. Da hat die Ampel in Berlin noch einiges zu tun.

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