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Braunkohlekraftwerk in Boxberg in der Oberlausitz

Interview

„Keine goldenen Trostpflaster“

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Energieexpertin Claudia Kemfert spricht über das Ende der Kohle und die Chancen des Strukturwandels.

Frau Professorin Kemfert, die Kohlekommission trifft sich an diesem Freitag zur entscheidenden Sitzung – ist ein Durchbruch überhaupt noch drin? Sie musste schon zwei Monate lang nachsitzen, und dann schaltete sich jüngst noch die Kanzlerin ein ...
Drin ist alles. Es wird aber nicht leichter. Leider haben wir viel Zeit verloren, was nur den Lobbyisten der Vergangenheit in die Hände spielt.

Die Wirtschaftsverbände BDI, DIHK und BDA haben mit einem Veto gegen den Kohle-Ausstiegsplan gedroht. Sie befürchten, dass die Stromkosten in Deutschland bis 2030 um bis zu 54 Milliarden Euro ansteigen könnten. Was ist da dran?
Das sind nur die immer selben Horrorszenarien, die auch nicht durch Wiederholung wahrer werden. Fakt ist: Während Kohlestrom durch steigende CO2-Preise immer teurer wird, werden die erneuerbaren Energien billiger.

Lässt sich der Kohle-Ausstieg wirtschaftsverträglich gestalten?
Die eigentliche Frage ist doch, ob sich das Festhalten an der Kohle noch wirtschaftlich rechtfertigen lässt. Relevante wirtschaftliche Chancen entstehen nur, wenn wir endlich in die Energiewende investieren. Das würde zur dringend notwendigen Modernisierung der deutschen Wirtschaft führen samt Innovationen, Wertschöpfung und Hunderttausender zukunftsfähiger Arbeitsplätze. Das Festhalten an der Kohle dagegen schwächt die deutsche Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft.

Wie sähe ein Ausstiegspfad aus, der Klima wie auch Jobs und Strukturwandel berücksichtigt?
Ein effektiver Ausstiegspfad entstünde durch eine klare Emissions-Obergrenze. Dann würden die Kraftwerksbetreiber ihre Kapazitäten klüger einteilen – also alte und ineffiziente Kohlekraftwerke schnell abschalten, damit sie jüngere und effizientere Kraftwerke länger laufen lassen können. So könnten wir das Ende der Kohle langsam einläuten und für die verbliebenen etwa 5000 Beschäftigten in der Kohleindustrie bis 2030 in Ruhe neue Perspektiven finden.

Ist in der Kommission so etwas durchsetzbar?
Wenn alle vernünftig sind, natürlich.

Viele Kohlekraftwerke müssten bereits bis 2022 vom Netz, um beim Klimaschutz in die Spur zu kommen. Das ist aber auch die Endphase des Atomausstiegs. Drohen da nicht Strommangel und Blackouts?
Die nächste Horrorphantasie aus der Lobbyisten-Mottenkiste. Nein, nichts droht. Man würde nur Überkapazitäten reduzieren.

Was muss denn geschehen, um das Stromnetz stabil zu halten?
Stabilität entsteht, indem wir das Energiesystem digital, dynamisch und dezentral gestalten. Erneuerbare Energien ergänzen sich wechselseitig; deswegen sollten wir sie schnell und flächendeckend ausbauen. Damit einher gehen intelligente Energienetze und Speichersysteme.

Die Ministerpräsidenten der Braunkohle-Länder fordern mehr Strukturhilfen, nämlich insgesamt 60 Milliarden Euro über 30 Jahre statt der bisher eingeplanten 1,5 Milliarden bis 2021. Ist das gerechtfertigt?
Jede Art von finanziellem Überbietungswettbewerb ist unangebracht. Es geht nicht darum, in den betroffenen Regionen goldene Trostpflaster zu verteilen, sondern vorausschauend in zukunftsfähige Projekte zu investieren.

Für neue Jobs in den Revieren hat die Kohlekommission Vorschläge gemacht, es sollen unter anderem Bundesbehörden, Bundeswehr-Standorte und Institute angesiedelt werden. Reicht das?
Das sind gute Ideen. Ein erfolgreicher Strukturwandel braucht Innovationen, Forschung und attraktive Rahmenbedingungen für neue Unternehmen. Der Energiemarkt bietet große ökonomische Chancen. Es gibt bereits zahlreiche Initiativen, die man weiterhin finanziell fördern sollte.

Besonders NRW hat sich für Entschädigungen an die Kohlekonzerne stark gemacht. Was wäre da angemessen?
Nochmal: Statt über rückwärtsgewandte „Abwrackprämien“ für Kohlekonzerne sollte man lieber über zukunftsweisende Investitionen in Energiewende-Unternehmen nachdenken. Das Festklammern an der Vergangenheit ist ökonomischer Unsinn. Mit gezielter Förderung sollte man stattdessen innovativen Unternehmen den Markteintritt erleichtern. Verknüpft mit einem entschlossenen Kohleausstieg werden sich deren Geschäftsmodelle schnell und dauerhaft rechnen. Energiespeicherung und Digitalisierung – da spielt künftig die Musik.

Zur Person: Claudia Kemfert leitet die Energieabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Professorin ist außerdem Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. jw

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