Analyse

Endlich eine Perspektive für die Bahn

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Wird die geplante Bahn-Finanzierung umgesetzt, hat Deutschland in zehn Jahren eine echte Alternative zu Auto und Flugzeug.

In der Konzernzentrale der Deutschen Bahn herrscht Hochstimmung. Der einstige Kanzleramtsminister und heutige Vorstand Ronald Pofalla hat die Bundesregierung zu einem Kraftakt überredet: 86 Milliarden Euro steckt der Bund in den kommenden zehn Jahren in die Renovierung des maroden Bahnnetzes, zum größten Teil aus Steuermitteln, zu einem kleineren aus den Erträgen der Bahn. Damit werden Brücken saniert, Gleise ausgewechselt, Weichen instandgesetzt. Ganz sicher ist der Geldsegen zwar noch nicht. Erst muss der Bundestag im November grünes Licht für das Bekenntnis zu einem funktionsfähigen Schienensystem geben. Die Zustimmung dürfte jedoch nicht in Frage stehen.

Die Finanzierung der Bahn besteht aus einer komplizierten Mischung von Geldquellen. In diesem Falle handelt es sich um die „Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung“ (LUVF), die der Bund bisher alle fünf Jahre mit der Bahn abgeschlossen hat. Diesmal reicht sie über zehn Jahre. Darin werden Maßstäbe für das Schienennetz festgelegt, etwa die Qualität der Brücken oder die Verfügbarkeit von Strecken. Einzelne Projekte werden dabei nicht benannt. Es geht um die Qualität des Gesamtnetzes.

Es ist eine Richtungsentscheidung des Bundes. Die Bahn soll eine zentrale Rolle bei der Verkehrswende hin zur umweltverträglichen Mobilität einnehmen. Im nächsten Jahrzehnt wird das Angebot an Zugverkehr massiv ausgebaut. Am Ende sollen die größeren Städte im Stundentakt an das Schienennetz angebunden sein. Zwischen den Metropolen wird alle 30 Minuten ein Zug verkehren. Das ist eine echte Alternative sowohl zur Fahrt mit dem Auto als auch zum Inlandsflug. Bequem, schnell und sicher – so lässt sich gut für ein anderes Mobilitätsverhalten werben, das schafft Akzeptanz für den Verzicht auf das Auto.

Heutige Bahnfahrer können sich das kaum vorstellen, das Angebot der Bahn ist schwach. Es mangelt an fast allem: Pünktlichkeit, ausreichend Zügen, funktionierenden Klimaanlagen oder an Speisewagen. Diese vielen Baustellen lassen ahnen, dass sich die Situation nur langsam bessern wird. Aber der Grundstein dafür ist nun gelegt. Die Bahn investiert schon kräftig in neue Züge, digitale Services und neue Leute. Der Bund kommt seiner Verantwortung für den Erhalt der Infrastruktur nach.

Es wird sicher auch diesmal wieder nicht an Kritik mangeln, die Bahn sei ein Fass ohne Boden. Dieser Eindruck wird sich noch verstärken, weil die LUVF ja nur einen Teil des Finanzbedarfes abdeckt. So werden noch bis zu 30 Milliarden Euro für die Digitalisierung des Netzes fällig, die für eine höhere Kapazität notwendig ist. Einen zweistelligen Milliardenbetrag werden Neu- und Ausbauprojekte verschlingen. So müssen etwa die Knotenbahnhöfe erweitert werden. Unterm Strich kostet die Bahn den Steuerzahler viel Geld.

Der Aufwand ist die Folge jahrzehntelanger Versäumnisse. Unterlassene Reparaturen werden mit der Zeit nur noch teurer, sind irgendwann unvermeidbar. Diesen Nachholbedarf beziffert die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft allein schon auf 60 Milliarden Euro. Die positive Botschaft: Der Boden des Fasses wird sichtbar. Läuft es wie geplant, wird Deutschland in zehn Jahren über ein modernes, hochwertiges, leistungsfähiges und umweltfreundliches Verkehrsmittel verfügen. Das ist den Aufwand wert.

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