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Die Gelddruckmaschine läuft.

Geldanlage

Ende der Rendite

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Mit den Konjunkturhilfen wird enorm viel Geld in den Markt gespült. Anleger müssen sich auf harte Zeiten einstellen - gute Investitionsmöglichkeiten werden knapp.

Geld bringt noch mehr Geld, das gilt als normal. Wer spart oder anlegt, erwartet eine Rendite. Doch seit einigen Jahren tendieren die Zinsen für sichere Anlagen gegen null und niedriger. Die Zentralbanken, die die Zinsen niedrig hielten, wurden für manche zu regelrechten Feinden.

Mit der Coronakrise hat sich die Situation nochmals verschärft. Denn angesichts der nach oben schnellenden privaten und öffentlichen Schulden sind alle Volkswirtschaften auf niedrige Zinsen angewiesen. Es sieht so aus, als würde Erspartes auf absehbare Zeit keinen Ertrag mehr bringen. Ist das vorläufige Ende der Finanzrendite gekommen?

Europäische Milliardenhilfen

Rettungsfonds:Die Milliardenhilfen des Euro-Rettungsfonds ESM wegen der Corona-Krise stehen bereit. Die Finanzminister der Euro-Länder gaben am Freitag grünes Licht für vorsorgliche Kreditlinien an die Mitgliedstaaten von bis zu 240 Milliarden Euro. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sprach von einem „guten Tag für Europa“.

Kurzarbeit:Die EU-Staaten haben sich auf Details des angekündigten Kurzarbeiterprogramms „Sure“ geeinigt, das in der Corona-Krise Jobs retten soll. Vorgesehen ist, dass die EU-Kommission mit Garantien aus den Mitgliedsstaaten bis zu 100 Milliarden Euro Schulden am Kapitalmarkt aufnimmt und das Geld dann als preiswerte Kredite für Kurzarbeiterhilfen an EU-Staaten weitergibt.

Aufbauplan:Die EU-Kommission will ihre Pläne für ein billionenschweres Konjunkturprogramm Ende Mai vorstellen. Ziel ist es, Europas Wirtschaft nach der Corona-Pandemie schnell aus der Rezession zu holen. (dpa/afp)

Bereits in den Jahren vor dem Ausbruch der Coronakrise waren die Zinsen insbesondere auf Staatsanleihen auf extrem niedrige Niveaus gefallen. Eine Ursache dafür war ein globales Überangebot an Anlagekapital, das nach Rendite suchte. Eine andere Ursache war die Politik der Zentralbanken: Sie senkten ihre Leitzinsen auf Rekordtiefs. Zusätzlich schufen sie neue Euro und Dollar und kauften damit Wertpapiere in Billionenhöhe auf. So kam weiteres Geld in den Markt, das nach Rendite sucht. Ergebnis: 2019 lag die Geldmenge M2 der zwölf größten Volkswirtschaften mit 80 Billionen Dollar doppelt so hoch wie vor der Finanzkrise.

Ziel dieser Geldpolitik war es, angesichts der hohen Verschuldung von Firmen und Staaten die Kreditkosten niedrig zu halten. Die Nebenwirkung ist, dass die Erträge auf Erspartes sinken. Lag die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen Deutschlands, der USA und Großbritanniens vor 20 Jahren noch bei fünf bis sechs Prozent, so ist es derzeit weniger als ein Prozent, hierzulande sogar weniger als null.

Und wie es aussieht, dürften die Erträge für Anleger nicht so bald steigen. Denn im Kampf gegen die Coronakrise nehmen die Staaten massiv neue Schulden auf. Das Haushaltsdefizit der USA dürfte dieses Jahr 15 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen, für die Eurozone wird ein Defizit von über sieben Prozent erwartet.

Der gewachsenen Nachfrage nach Kapital müssten eigentlich steigende Zinsen folgen. Dies verhindern jedoch die Zentralbanken, indem sie ihre Gangart verschärfen. Die Europäische Zentralbank hat ihr Anleihekaufprogramm auf 1,1 Billionen Euro für dieses Jahr aufgestockt, eine weitere Erhöhung wird erwartet. Die Bank of Japan teilte mit, keine Obergrenze für Käufe von Staatsanleihen mehr einhalten zu wollen. Ebenso die US-Zentralbank.

Dies drückt nicht nur die Rendite für sichere Staatsanleihen, sondern tendenziell auch die Renditen aller anderen Wertpapiere. Denn von den Schuldscheinen des deutschen oder des US-Staates leiten die Finanzmarktakteure die Renditeansprüche für alle anderen Wertpapiere ab. Nach dem Muster: Wenn deutsche Papiere zwei Prozent bringen, müssen riskantere Anlagen, zum Beispiel italienische Staatsanleihen, vier Prozent bringen. Bringen deutsche Papiere dagegen null Prozent, so sind italienische bereits mit zwei Prozent attraktiv. Sinkende Zinsen für Deutschland ziehen damit sinkende Zinsen für Italien mit sich.

Wie attraktiv eine Finanzanlage ist, zeigt sich aus Sicht der Finanzmärkte also nicht bloß an ihrer Rendite, sondern auch im Vergleich zu anderen, sichereren Anlagen. Tendiert der Ertrag von Bundesanleihen gegen null, sinken nicht nur die Renditeansprüche an italienische Staatsanleihen, sondern auch die an Unternehmensanleihen oder Aktien. So dürften dieses Jahr die Dividendenausschüttungen in Europa aufgrund der Coronakrise zwar um 40 Prozent fallen, schätzt die DZ Bank. Das macht Aktien eigentlich unattraktiver. Doch wegen der niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen sind sie bei Anlegern derzeit trotzdem beliebt.

Die Rendite der gesamten Investmentwelt – von Schwellenländerbonds über Unternehmensanleihen bis zu Aktien – ist abhängig von dem, was sichere Anlagen bringen. Und wenn deren Ertrag sinkt, sinken in der Tendenz auch die Erträge aller anderen. „Langfristig“, so folgert die französische Bank Natixis, „könnten die Renditen aller Anlagen Richtung null fallen, wenn die Geldpolitik die langfristigen Zinsen bei null Prozent hält.“

Ob es soweit kommt, ist derzeit nicht zu sagen. Denn auf der einen Seite drücken Kapitalüberangebot und Notenbankpolitik das gesamte Renditeniveau. Auf der anderen Seite steigen die Risiken für Anleger – und damit tendenziell die Risikoaufschläge, die sie verlangen, damit sie ihr Geld zur Verfügung stellen. Alternativ behalten sie ihr Geld lieber in Form von Cash, wie etwa Starinvestor Warren Buffett, der auf 128 Milliarden Dollar sitzt, die er nicht investiert hat. Cash allerdings wirft nicht nur keine Rendite ab, das Geld verliert durch die Inflation auch an Wert.

Das angesichts der Corona-Pandemie gestiegene Risiko spiegelt sich unter anderem an der großen Spannweite der Konjunkturprognosen: Während die Commerzbank für Deutschland einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von nur vier Prozent im laufenden Jahr erwartet, prognostiziert der Internationale Währungsfonds ein Minus von sieben Prozent. Laut Deutscher Bank könnte der Einbruch auch zehn Prozent erreichen. Extrem unterschiedlich sind auch die Erwartungen für den Aufschwung im kommenden Jahr.

Mit den Konjunkturprognosen schwanken die Vorhersagen für die Gewinne der Unternehmen. Viele große Konzerne lehnen es derzeit ab, überhaupt einen Ausblick auf ihre Geschäftsentwicklung zu geben. Unklar ist auch, wie viele Unternehmen in der Krise untergehen werden. „Kleine und mittlere Unternehmen sind besonders pleitegefährdet“, warnt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Mit der Unklarheit bezüglich der Konjunkturentwicklung und den rapide steigenden Schulden steigen die Risiken für Anleger. Gleichzeitig dürfte ihr Risikoappetit angesichts der Krise ohnehin nicht besonders groß sein. Für die Finanzmärkte erwartet Natixis daher „eine sinkende Nachfrage nach riskanten Anlagen und einen dauerhaften Anstieg der Risikoprämien“. Sichtbar ist dies bereits in den drastisch gestiegenen Zinsen für Anleihen von Unternehmen, deren Kreditwürdigkeit als mäßig bis schlecht eingestuft wird.

Ein insgesamt gedrücktes Renditeniveau und höhere Prämien für riskante Anlagen – diese beiden entgegengesetzten Bewegungen dürften das Geschehen an den Finanzmärkten künftig bestimmen. Beide Bewegungen gehen auf schwaches Wirtschaftswachstum und steigende Schulden zurück. Eines scheint daher sicher: Wohin auch immer sich die Finanzrenditen bewegen, die Schwankungen werden stark sein.

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