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Ein Patriarch durch und durch: Ferdinand Piëch.

Volkswagen

Das Ende der Ära Piëch

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Ferdinand Piëch führte den Volkswagen-Konzern viele Jahre lang wie ein autoritärer Herrscher. Sein Abgang war längst überfällig. Doch er birgt auch Gefahren.

Ingenieure in Entwicklungsabteilungen des Volkswagen-Konzerns werden aufatmen. Künftig wird es die gefürchteten Besichtigungen neuer Modelle durch Ferdinand Piëch nicht mehr geben. Der VW-Aufsichtsratschef trat am Samstag mit sofortiger Wirkung von seinem Posten zurück. Auch seine Frau Ursula gab ihr Mandat in dem Kontrollgremium ab. Das betrachten Insider als sicheres Zeichen dafür, dass sich Piëch nebst Gattin aus dem Konzern komplett zurückziehen. VW steht nun vor der größten Zäsur seit mehr als 20 Jahren. Eine neue Ära mit vielen Unwägbarkeiten beginnt.

Zurück zur Abnahme neuer Modelle. Mit Piëch lief das nach Erzählungen von Eingeweihten in etwa folgendermaßen ab: Er schleicht schweigend um den Prototypen und schaut sich alles ganz genau an. Dann deutet er mit einer sparsamen Geste beispielsweise auf das Rücklicht. Und gibt eins seiner berühmten Ein-Satz-Statements ab: „Das geht so nicht.“ Ende der Abnahme. Die Entwicklungsingenieure müssen nachsitzen.

Dass dies unter Umständen viele Millionen zusätzlich kostete, war Piëch gleichgültig. Ihm ging es immer um technische Perfektion oder um zumindest die größtmögliche Annäherung daran. Mit dem Fokus auf Qualität in jeder Hinsicht eckte er immer wieder an, er war aber auch eine Kernkomponente, mit der er Volkswagen zunächst rettete und dann auf einen Langzeit-Expansionskurs schickte.

Die Zahl der Anekdoten über die Technikbesessenheit des heute 78-Jährigen ist groß. Aus seiner Zeit bei der VW-Tochter Audi ist überliefert, das er einmal eine Probefahrt nicht am Steuer, sondern im Kofferraum eines Wagens absolvierte. Es war den Ingenieuren nicht gelungen, die Ursache für ein merkwürdiges Klappern im hinteren Teil des Wagens zu finden. Also nahm der Entwicklungschef die Sache selbst in die Hand.

Doch seine größte Leidenschaft galt immer leistungsstarken Motoren. Die Anfang der sechziger Jahre verfasste Diplomarbeit des Maschinenbauingenieurs beschäftigt sich denn auch mit der Entwicklung eines Formal-1-Aggregats.

Nach dem Studium heuert Piëch bei seinem Onkel Ferry Porsche an, der damals Geschäftsführer des familieneigenen Sportwagenbauers war, der auf den gemeinsamen Großvater Ferdinand Porsche zurückgeht. Bald übernimmt Piëch den Posten des Entwicklungschefs. Doch Ende der sechziger Jahre gibt es Riesenzoff – natürlich weil er zu viel Geld für technisch avancierte Entwicklungen ausgab. Der Clan beschließt, dass sich alle Familienmitglieder aus der Geschäftsführung zurückziehen müssen.
Piëch geht zunächst mit einem Konstruktionsbüro eigene Wege, macht dann bei der VW-Tochter Audi Karriere, zunächst als Entwicklungsingenieur und von 1988 an als Vorstandsvorsitzender. Wirtschafts- und Automobilhistoriker schreiben ihm zu, die Ingolstädter Spießermarke Audi, die zudem unter Qualitätsmängeln litt, zur Premiummarke gemacht zu haben. Er war für den ersten Audi mit einem Fünf-Zylinder-Motor und für die Einführung des permanenten Allradantriebs verantwortlich. „Vorsprung durch Technik“ – der Werbeslogan bringt Piëchs Ambitionen auf die denkbar knappste Formel.

1993 wechselt er zu Volkswagen. Sein Vorgänger Carl Hahn hat ihm einen Sanierungsfall hinterlassen. Der Manager mit dem österreichischen Pass beweist, dass er nicht nur was von Kurbelwellen und Querlenkern versteht, sondern auch von Betriebswirtschaft. Der Ausbau der Baukastensysteme in der Fertigung wird vorangetrieben. Verschiedene Baugruppen eines Autos wie der Antriebsstrang sind miteinander kombinierbar, lassen sich also in vielen Autos verwenden, nicht nur bei VWs, sondern auch bei Schwestermarken wie Skoda oder Seat. Das drückt Kosten und beschleunigt die Entwicklung neuer Modelle.

Branchenkenner wie der NordLB-Analyst Frank Schwope sehen in dem kaum zu bremsenden Ehrgeiz eine historische Mission, die sich Piëch gegeben habe. Er wolle das Lebenswerk seines Großvaters vollenden und übertreffen. Ferdinand Porsche hatte im Auftrag der Nazis nicht nur den Kraft-durch-Freude-Wagen (Vorgänger des VW Käfers) erfunden, er hatte auch in der niedersächsischen Pampa das Werk für dessen Produktion bauen lassen. Das ist noch heute das VW-Stammwerk mit der Stadt Wolfsburg nebendran.

Der 78-Jährige war bislang der Kopf des Familienclans, der indirekt die Mehrheit an den stimmberechtigten VW-Aktien besitzt. Um seine Pläne durchzusetzen, entstand im Konzern eine streng hierarchische Struktur, an deren Spitze Piëch stand, der brachial im Stil eines autoritären Herrschers agierte. Er heuerte und feuerte und kannte dabei keine Freunde. Wer sich in seinen Augen als illoyal oder als Versager erwies, wurde „guillotiniert“, wie er es selbst kürzlich formulierte.

So sollte es wohl auch dem langjährigen Weggefährten Martin Winterkorn ergehen. Der Hintergrund: Piëch sieht offenbar sein Lebenswerk gefährdet. Die neueste Version des Baukastensystems bringt nicht die Kosteneinsparungen, die geplant waren. Aus diesem Grund und wegen enorm hoher Personalkosten produziert die Kernmarke VW zu teuer. Zugleich verliert sie Marktanteile und muss Autos in Europa mit massiven Rabatten verkaufen. Eine verfehlte Modellpolitik in den USA kommt hinzu. Und bei Audi gilt der „Vorsprung durch Technik“-Slogan auch nicht mehr. Rivalen wie BMW und Mercedes sind vorbeigezogen.

Winterkorn wollte ein 5,5-Milliarden-Euro schweres Sparprogramm umsetzen. Doch es ging nicht voran. Auch weil der mächtige Betriebsrat meuterte. „Piëch traute Winterkorn einfach nicht mehr zu, einen Umbau auch mit massiven Einschnitten beim Personal durchzuziehen“, sagt der Automobilwissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Doch der Coup mit Winterkorns Absetzung scheiterte, nicht nur weil die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und das Land Niedersachsen als Großaktionär, sondern auch Piëchs Cousin Wolfgang Porsche sich augenblicklich gegen ihn stellten – der Endpunkt einer langen Karriere.

Dudenhöffer sieht nun schwarz für VW: Nach Piëchs Abgang bestehe die Gefahr, dass der Umbau nicht konsequent angepackt werde. Niedersachsens Landesregierung und der Betriebsrat hätten nun das Sagen, und denen gehe es vor allem darum, Arbeitsplätze zu sichern. „Der Konzern könnte in absehbarer Zeit in eine tiefe Krise rutschen“, sagt Dudenhöffer.

Für Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, ist indes die Kernfrage, mit welchem Führungspersonal VW in die kommenden Jahre geht, weiter ungeklärt. Winterkorn feiert am 24. Mai seinen 68. Geburtstag. Sein Vertrag, der 2016 ausläuft, soll noch einmal verlängert werden. Der Konzern, so Bratzel, müsse sich in jedem Fall „mittelfristig strukturell neu aufstellen“ – und wohl auch neue Verfahren zur Begutachtung automobiler Novitäten entwickeln.

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