Unter dem Pseudonym „dasnuf“ bloggt Patricia Cammarata seit 2004. Sie gehört zu den bekanntesten Bloggerinnen Deutschlands.

Geschlechtergerechtigkeit

„Am Ende machen Frauen drei Jobs“ - Interview über unsichtbare Arbeit

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Autorin Patricia Cammarata über unsichtbare Aufgaben, To-do-Listen für Männer und IT-Firmen als vorbildliche Arbeitgeber.

  • Zu wenige Frauen in Führungspositionen
  • Patricia Cammarata bloggt über Familie und Arbeit
  • Frauen machen viel unsichtbare Arbeit „Mental Load

Bis zur tatsächlichen Gleichberechtigung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt scheint es noch ein weiter Weg. Auch heute arbeiten in Deutschland weniger Frauen in Führungspositionen, dafür umso mehr in schlechter bezahlten Berufssparten und Teilzeit. Häufig wird dabei die unbezahlte Care-Arbeit in Familie und Haushalt als Grund genannt. Seit einiger Zeit taucht in der Debatte über die ungleiche Belastung auch immer wieder der Begriff „Mental Load“ auf. Die Autorin und Podcasterin Patricia Cammarata hat die Diskussion darüber mitgeprägt und arbeitet derzeit an einem Buch zum Thema.

Frau Cammarata, fangen wir mit einer Begriffsklärung an. Was bedeutet Mental Load?

Mental Load hat zwei Aspekte. Zum einen, dass es neben den sichtbaren Aufgaben im Alltag sehr viele unsichtbare Aufgaben gibt, die aber nie explizit genannt werden. Sie müssen alle nebenher identifiziert, gedacht und erledigt werden. Der zweite Aspekt ist, dass eine Person in der Familie die Verantwortung dafür alleine trägt, dass das System Familie funktioniert. Und diese Verantwortungsbelastung kommt zu den To-dos, zur Care-Arbeit, die man schon leistet, noch zusätzlich drauf.

Was wären Beispiele für diese „unsichtbaren Aufgaben“?

Das sind ganz banale Sachen. Wenn man zum Beispiel Kinder zusammen hat und die sind zum Kindergeburtstag eingeladen: Was man sieht, wäre die Tätigkeit, ein Geschenk für das Kind zu kaufen, das Geburtstag hat. Und der Mental Load wäre dann, sich zu fragen: Wie kommt denn mein Kind zu diesem Geburtstag, brauche ich eine Vollmacht, wenn das Kind von der Familie abgeholt wird? Wo wohnt die Familie? Habe ich die Kontaktdaten? Wie wird das Kind wieder abgeholt? Waren wir letztes Jahr eingeladen? Welche Wünsche hat das Kind? Was haben wir letztes Mal geschenkt? Uns so weiter. Das sind ganz viele Kleinigkeiten, die man eben nicht so richtig in diesen Topf der To-dos wirft, aber alle im Kopf behält.

Stimmt die Annahme, dass der Mental Load vor allem Frauen betrifft?

Genau, das trifft im Großen und Ganzen vor allem Frauen in Beziehungen, auch ohne Kinder. Aber mit Kindern eben noch viel stärker.

Warum kommt dieses Thema beziehungsweise der Begriff gerade jetzt auf? Diese Belastung ist ja kein neues Phänomen.

Ich glaube, das hat zwei Gründe. Sicherlich spielt die steigende Erwerbsquote von Frauen da eine Rolle. Die von Männern ist gleichbleibend hoch in den letzten Jahren, bei Frauen steigt sie langsam an. Und wenn Frauen zusätzlich erwerbsarbeiten gehen, dann passt dieses traditionelle Modell nicht mehr. Mittlerweile ist in nur noch rund 30 Prozent der Beziehungen der Mann der Alleinverdiener und die Frau zu Hause. In allen anderen Modellen ist auch die Frau erwerbstätig. Im Endeffekt macht sie dann ja drei Jobs. Sie kümmert sich um die Familie, das ist die Mental-Load-Stelle, arbeitet die täglichen To-dos ab, das ist die Sachbearbeiterstelle, und dann kommt eben noch die Erwerbsarbeit. Das ist eine enorme Belastung, die zunehmend bewusst wird. Außerdem sollen Frauen sich ja nicht beschweren, weil das Rollenbild vorgibt, dass es sogar in unserer Natur liege, sich kümmern zu wollen. Und wenn irgendwann so ein Begriff aufkommt, dann sind viele Frauen erleichtert und sagen: „Mensch, ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich mich so belastet fühle. Aber jetzt, wo ich diesen Begriff kenne, traue ich mich auch, das mal zu sagen. Dass es eigentlich unzumutbar ist, wie viel ich zu tun habe“.

Frauen erkennen sich also in dem Begriff wieder?

Viele sagen wirklich, dass es wie eine Diagnose wirkt. Die hatten das Gefühl, unter etwas stark gelitten zu haben. Auch in Beziehungen, in denen Leute das Gefühl haben, sich die Arbeit relativ gleichwertig zu teilen, sind Frauen kurz vorm Burnout. Der Begriff gibt einem dann den Aha-Moment. In der Diskussion kommt auch immer mal wieder auf, dass Frauen sich locker machen müssten, dann wäre das alles nicht so schlimm. Aber es ist eine große Verantwortung, da viele Entscheidungen mit dem Wohl unserer Kinder zusammenhängen. Wenn ich als Frau zum Beispiel wieder arbeiten gehe und suche deswegen einen Kindergartenplatz, ist das ja nicht nur eine Sachtätigkeit. Ich suche einen Betreuungsplatz, wo das Kind gerne hingeht und gut aufgehoben ist. Das ist nicht so, als würde man entscheiden, eine blaue oder grüne Vase ins Regal zu stellen.

Man hört schon heraus, dass sich dieser Effekt auf verschiedenen Ebenen auswirkt. Welche Folgen hat das im persönlichen Alltag?

Wenn man sich das Symptombild von Burnout anschaut, kommt man schon sehr nah an eine Checkliste. Es gibt verschiedene Stufen, die letztendlich genau beschreiben, was passiert, wenn man dauerhaft überlastet ist. Zum Beispiel hat eine Frau neulich auf Twitter geschrieben, sie sei so müde und erschöpft. Und das sei eine Müdigkeit, die durch Schlaf gar nicht mehr wegginge. Es ist eben nicht nur eine vorübergehende Belastung, sondern gehört stark zum Leben. Und die steigt natürlich, je nachdem, wie viele Stunden man auch erwerbstätig ist.

Zur Person

Patricia Cammarataist Autorin, Bloggerin und Podcasterin. Ihr zuletzt veröffentlichtes Buch „Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!“ schrieb sie über Kinder und deren Umgang mit digitalen Medien.
Die 44-Jährigebeschäftigt sich auch mit den Themen Gleichberechtigung und Digitalisierung. Ihr Buch zum Thema „Mental Load“ soll dieses Jahr erscheinen. Cammarata arbeitet vier Tage in der Woche festangestellt in einem IT-Unternehmen. 

Und auf der Ebene des Arbeitslebens beziehungsweise der finanziellen Absicherung?

Zahlen zu den direkten Auswirkungen auf das Arbeitsleben habe ich kaum. Die Autorin Tiffany Dudu zitiert in ihrem Buch „Den Ball weiter spielen“ eine Quelle, die besagt, dass dieses ständige Entscheidungen-Treffen und Verantwortung-Übernehmen im privaten Alltag auch müde macht, im Job die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Aber was vielleicht eine viel größere Rolle spielt, ist, dass sich viele Frauen wegen dieser Belastung entscheiden, in Teilzeit zu arbeiten. Das hat natürlich finanziell langfristige Auswirkungen. Selbst wenn Frauen sich aus – wie man das immer so sagt – „freien Stücken“ für diese Arbeitsaufteilung entscheiden, kommt dann vielleicht doch eine Scheidung. Das betrifft ja immer noch 33 Prozent aller Ehen in Deutschland. Die Rentenpunkte werden zwar aufgeteilt, nur lässt man sich ja nicht mit 65 scheiden, sondern genau in der Phase, nachdem man in den ersten sechs Lebensjahren der Kinder länger gar nicht oder in Teilzeit gearbeitet hat. Da ist es dann nicht von heute auf morgen möglich, wieder Vollzeit in einen gut bezahlten Job einzusteigen. Derzeit sieht es ja tatsächlich so aus, dass Frauen durchschnittlich 46 Prozent weniger Rente haben als Männer. Die Armutsquote unter Rentnerinnen ist relativ hoch.

Sie sehen also den hohen Frauenanteil bei der Teilzeitarbeit aufgrund von zusätzlicher Care-Arbeit als strukturellen Unterbau des Problems?

Auf jeden Fall. Dann haben Sie auch die anderen Aspekte, nämlich so etwas wie den Gender Pay Gap. Egal wie man sich da streitet, ob man von sechs oder zwanzig Prozent spricht. Dass Frauen im Schnitt in eher schlecht bezahlten Branchen wie dem Care-Bereich unterkommen, spielt da mit hinein. Das ist ein ganzes Konglomerat an Rahmenbedingungen. Auch die Anzahl der Alleinerziehenden in Deutschland ist ausschlaggebend. Von 1,6 Millionen Alleinerziehenden sind 1,4 Millionen Frauen. Und da kommt dann auch noch hinzu, dass jeder zweite Vater keinen Unterhalt zahlt und von denen, die zahlen, jeder Vierte nicht den vorgesehenen Betrag. Diese ganzen Rahmenbedingungen schieben das Risiko tatsächlich sehr auf die Frauenseite.

Wie sollte man diese Problematik angehen? Auf der persönlichen Ebene mit dem Partner?

Wenn man versuchen will, sich im Privaten zu einigen, dann ist sicherlich der allererste Schritt, dass man die unsichtbaren Aufgaben sichtbar macht. Wenn man Paare fragt, ob sie sich die Arbeit gleich aufteilen, kommt ganz oft die Antwort: ja. Wenn man ins Detail geht, genau dieses Unsichtbare sichtbar macht und fragt, wer das Klo putzt, die Blumen, gießt, am Wochenende mit den Kindern aufsteht oder die Steuererklärung macht, dann kommt plötzlich dieses Ungleichgewicht raus. Frauen machen viele Dinge, die täglich mehrere Male anfallen, wohingegen Männer eher Aufgaben übernehmen, die alle zwei Jahre anfallen, zum Beispiel das Auto zum TÜV bringen oder die Batterien im Rauchmelder wechseln. Ganz oft bedeutet die Position der Familienmangerin, die viele Frauen haben, dass man kleine Aufgabenpakete herausschält und an den Mann delegiert. Damit hat man eventuell mehr Arbeit, als wenn man das schnell selber macht. Und das ist natürlich eine zusätzlich Falle.

Und mit dieser Liste lassen sich die Unterschiede ausgleichen?

Auch eine Wochenplanung wäre hilfreich. Also dass man sich wirklich einmal in der Woche hinsetzt und schaut, was in der nächsten Woche ansteht, die eigenen Termine, die des Partners, die des Kindes. Und darüber hinaus auch alltägliche Aufgaben verteilt. So eine Wochenbesprechung kann helfen, Verantwortlichkeiten dauerhaft abzugeben. Als drittes würde ich auch immer empfehlen, einmal im Monat zu schauen, was geklappt oder nicht geklappt hat.

Wie könnte man als Arbeitgeber gegensteuern, um die Belastung von Frauen zu reduzieren?

Auf Unternehmensseite gibt es einen ganz großen Vorstoß im IT-Bereich, bedingt durch den Fachkräftemangel, da kann man sich etwa SAP oder HP anschauen. Die haben verstanden, dass der Pool an Menschen, auf die sie zurückgreifen können, relativ übersichtlich ist. Dann schauen sie nicht nur auf die Männer, sondern auch auf die Frauen und welche Bedingungen sie brauchen, um nach der Elternzeit zügig zurückzukommen. Oder damit sie sich vorstellen können, Führungspositionen zu haben. Es gibt verschiedene Modelle, zum Beispiel „Führung in Teilzeit“ und interne Börsen, wo man seine Führungsposition ausschreiben und einen Tandempartner finden kann. Die Elternzeit wird für alle Elternteile sogar bei vollem Gehalt bezahlt, zumindest für eine gewisse Weile. Da ist die IT-Branche weit voraus.

Und auf der politischen Ebene? Braucht es mehr Elternzeit für Väter?

Man müsste natürlich solche Themen angehen. Dass man zum Beispiel bezahlten Vaterschutz anbietet, so wie es den Mutterschutz auch gibt. Denn gerade wenn man Kinder bekommt, erarbeiten sich Frauen in dieser ersten Zeit den Kompetenzvorsprung in Sachen Familie. Man könnte auch die Anzahl der Monate für Elternzeit daran knüpfen, dass sie gleichmäßig aufgeteilt wird. Ich glaube, den Männern mehr Freiraum zu schaffen, in den Unternehmen und per Gesetz, um ihren Tätigkeiten in der Familie und der Care-Arbeit nachzugehen, ist ein sehr großer Hebel. Wenn man Männer befragt, ist immer der allergrößte Faktor, dass sie befürchten, ihre Karriere würde leiden, wenn sie die Stunden reduzieren. Da zeigt sich das Männlichkeitsbild als der finanzielle Versorger. Wenn ihr Kind geboren wird, arbeiten Männer durchschnittlich sogar mehr, was sicherlich diesem Druck geschuldet ist. Diese Denkweise müsste man umkehren. Und umgekehrt müsste man für Frauen bessere Bedingungen schaffen und Vereinbarkeit ermöglichen.

Wenn Sie ein kurzes Resümee ziehen könnten – was ist der Stand derzeit in Deutschland?

Ich würde sagen, wir sind am Anfang dieses Diskurses. Es gibt Vorreiter in bestimmten Branchen, die das Phänomen erkannt haben und da etwas tun wollen. Aber das ist natürlich eine sehr privilegierte Sicht. In vielen anderen Branchen, zum Beispiel der Schichtarbeit, in denen Optionen wie Homeoffice gar nicht möglich sind, steht man vor ganz anderen Problemen und muss da über eigene Lösungen nachdenken. Zum Beispiel, dass man die volle Stelle von rund 40 Stunden in der Woche auf 32 senkt. Es ist noch viel Diskussionsbedarf und Verständnisarbeit. Frauen verstehen immer sofort, was mit „Mental Load“ gemeint ist, wenn man zwei Sätze sagt. Männer verstehen das noch nicht so gut. Ich glaube, der Weg ist noch lang, aber wir haben uns zumindest mal auf den Weg gemacht.

Interview: Valérie Eiseler

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