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"Party!!!" Oder sind die "fetten Jahre" tatsächlich bald vorbei?

Wachstum

Ist die Party vorbei?

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  • Andreas Niesmann
    Andreas Niesmann
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Nach neun Jahren Wirtschaftsboom mehren sich die Stimmen, die vor einem Ende der goldenen Jahre warnen. Unternehmen behaupten das Gegenteil.

Es ist eine ungewohnte Rolle für Angela Merkel beim Weltwirtschaftsforum in Davos. In den vergangenen Jahren war sie als mächtigste Frau der Welt in dem Ski-Ort in den schweizerischen Alpen gefahren. Als Regierungschefin des ökonomischen Riesen Deutschland. Eines Wirtschaftsmusterlandes. In diesem Jahr liegen die Dinge anders. Merkels Amtszeit neigt sich dem Ende zu und mit der guten wirtschaftlichen Lage Deutschlands könnte es noch schneller vorbei sein. Zumindest mehren sich die warnenden Stimmen.

Zwei Tage vor Merkel hatte die neue Chefvolkswirtin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Gita Gopinath, ihren großen Auftritt in Davos. Sie servierte eine Botschaft, die der Bundeskanzlerin nicht geschmeckt haben dürfte. Die Aussichten für die Weltwirtschaft seien schlecht wie lange nicht, und besonders schlecht seien sie für Deutschland. 

Der Rückgang der Industrieerzeugung, die Probleme im Automobilsektor, die Abkühlung in wichtigen Exportmärkten bremsten das deutsche Wachstum befand Gopinath – und senkte die Prognose für das laufenden Jahr um 0,6 Prozentpunkte auf nur noch 1,3 Prozent. Keine andere entwickelte Volkswirtschaft wurde so stark nach unten korrigiert.

Auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat bereits den mahnenden Zeigefinger erhoben: „Die fetten Jahre sind vorbei“, hatte der Sozialdemokrat erklärt – und ein Ende der üppigen Steuermehreinnahmen prognostiziert. Es sind Töne, die die erfolgsverwöhnten Deutschen seit vielen Jahren nicht mehr gehört haben. Die deutsche Wirtschaft blickt zurück auf einen historischen Boom, den längsten Aufschwung seit der Wiedervereinigung. Egal was in der Welt gerade los war, ob Eurokrise, Trump-Wahl, Brexit oder Handelsstreit – die deutsche Wirtschaft blieb robust auf Wachstumskurs. 

Interview: „Die Luft wird dünner“

Vom „German Wunder“ war die Rede. Die Arbeitslosenzahlen halbierten sich nahezu, die Steuereinnahmen sprudelten, die staatlichen Haushalte erwirtschafteten Milliarden-Überschüsse. Und nun soll das alles vorbei sein? Müssen die Deutschen den Gürtel wieder enger schnallen? Droht am Ende gar eine Rezession? Immerhin ist die Wirtschaft im dritten Quartal vergangenen Jahres leicht geschrumpft, im vierten lief es nur unwesentlich besser. Sind Deutschlands goldenen Jahre vorbei?

Die Bundesbank zeigt sich optimistisch. Die deutsche Wirtschaft habe vor allem dank eines starken Konsums gegen Jahresende die Trendwende geschafft, schreiben deren Ökonomen in ihrem aktuellen Monatsbericht. Und die deutschen Exporteure wollen von Krise nichts wissen. „Die Situation ist nicht krisenhaft“, betonte Außenhandelspräsident Holger Bingmann, in einem Interview mit der „Welt“. Ein Exportwachstum um drei Prozent in diesem Jahr sei durchaus noch drin (siehe Infobox rechts). Die Frage ist, was denn nun gilt: Macht die Wirtschaft eine Atempause oder steht sie vor einem Abschwung? 

Die Antwort fällt auch deshalb so schwer, weil mit ihr Politik gemacht wird. Finanzminister Scholz etwa dürfte bei seiner Warnung die Ausgabenwünsche seiner Kabinettskollegen und die gerade begonnenen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst im Blick gehabt haben. Der IWF drängt die Staaten traditionell zu mehr Reformen. Und die Wirtschaft will sich nicht in die Krise quatschen lassen. Immerhin: Es gibt einige Indikatoren, an denen man sich orientieren kann. Einer davon ist der „Baltic Dry Index“. Der beschreibt die Frachtraten für bestimmte „trockene“ Rohstofffe, die am Anfang der Produktionsketten stehen. Bevor eine Ware hergestellt werden kann, müssen Eisenerz, Kohle, Kupfer, Zement oder Kunststoffgranulat geliefert werden. Der Trockenfracht-Index kombiniert die Frachtpreise auf den 26 wichtigsten Schifffahrtsrouten. Die Logik: Je höher der Preis für Trockenfracht, desto höher die Nachfrage, desto mehr Endprodukte sollen produziert werden. Aktuell zeigt der Index nach unten, was auf eine Abkühlung der Wirtschaft hindeutet.

Auch der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts sank zuletzt stärker als erwartet. Übersetzt: Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen ist schlechter geworden. Gleiches gilt für den Konsumklimaindex des Nürnberger Marktforschers GfK, der die Stimmung der Verbraucher misst.

Und dann sind da noch die vielen Wachstumsprognosen. Wurden lange Raten um die zwei Prozent für möglich gehalten, hat inzwischen ein regelrechter Wettlauf um die niedrigsten Erwartungen eingesetzt. Am unteren Ende der Skala liegt inzwischen das Münchner Ifo-Institut mit einem erwarteten Anstieg von nur noch 1,1 Prozent.

Also alles schlecht? Mitnichten! Zwar haben die wichtigsten Indizes nachgeben, sie befinden sich aber, wie der Baltic Dry, immer noch auf hohem Niveau. Und selbst die schlechteste Prognose geht von einem Wachstum und nicht von einem Schrumpfen der Wirtschaft aus. Die Unsicherheiten sind hoch, von einer Krise aber ist Deutschland weit entfernt. „Eine Rezession ist nicht zu erwarten“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Zumal einer der Hauptgründe für die Abschwächung nichts mit Weltwirtschaft, Trump oder Brexit zu tun hat, sondern damit, das den Unternehmen die Fachkräfte fehlen, um ihre Produktionskapazitäten zu erweitern. Deshalb halten sie sich trotz wachsender Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt nicht zurück. Im Gegenteil. Viele Firmenchefs verstärken sogar ihre Anstrengungen, um neue Leute zu finden. Zum Beispiel Karsten Renz. 19 neue Mitarbeiter hat der Chef der Berliner Software-Schmiede Optimal Systems allein im Januar eingestellt. Wenn es nach ihm ginge, wären es noch deutlich mehr. „Ich würde auf der Stelle 50 Mitarbeiter neu einstellen, wenn ich die entsprechenden Bewerber hätte“, sagt Renz, der insgesamt 450 Mitarbeiter an zwölf Standorten beschäftigt. „Meine größte Konjunktursorge ist der Fachkräftemangel.“ 

Renz vertreibt eine Software, die Firmen, Verbänden und staatlicher Verwaltung dabei hilft, Vorgänge und Prozesse papierlos zu managen. Die Nachfrage danach ist so groß hoch, dass er Kunden immer wieder vertrösten muss. „Im Moment liegt die Wartezeit nach Auftragserteilung bei neun Monaten in einigen Teilmärkten“, sagt Renz. Er hat einiges versucht, um neue Mitarbeiter zu finden. Zwei Angestellte durchforsten permanent die Karriereportale im Internet nach Kandidaten. Seine Personaler sind auf Bewerbungsmessen und Karrieretagen präsent. Und natürlich schaltet er Anzeigen. In Hannover hat er sogar Busse bekleben lassen.

Trotzdem braucht Renz bis zu einem halben Jahr, ehe er eine offene Stelle besetzen kann. Manchmal noch länger. In seiner Not hat er eine Niederlassung in der serbischen Hauptstadt Belgrad eröffnet. „Dort ist es inzwischen deutlich einfacher, hochqualifizierte Leute im Software-Bereich zu finden“, sagt er. Angesichts dieser Lage sind manche Experten gar nicht so unglücklich darüber, dass die Konjunktur etwas nachlässt. Sie weisen darauf hin, dass es ungesund ist, wenn die Unternehmen dauerhaft am Limit gefahren werden.

Der Grund: Wenn Firmen nur noch damit beschäftigt sind, mit allem verfügbaren Personal Aufträge abzuarbeiten, fehlen Kapazitäten für Neuentwicklungen. Auch die Fortbildung kommt zu kurz. Das rächt sich irgendwann. Jeder Boom, so eine Ökonomenweisheit, trägt den Keim der Krise in sich. Es kann also geradezu eine heilsame Wirkung haben, wenn die deutsche Wirtschaft nach Jahren der Dauerkonjunktur zu einem gewissen Normalmaß zurückkehrt.

Allerdings: Sollte es zu einem unkontrollierten Brexit oder zur Eskalation im US-chinesischen Handelskrieg kommen, dürften alle Prognosen Makulatur werden. „Dann sprechen wir über ganz andere Zahlen“, heißt es im Finanzministerium. Ob es so kommt, weiß aber bisher niemand.

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