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Die Schwellenländer schwächeln

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Von: Stephan Kaufmann

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Weltweit begehrter Rohstoff: Eine Bäuerin legt in der Elfenbeinküste Kakaobohnen zum Trocknen aus. epd
Weltweit begehrter Rohstoff: Eine Bäuerin legt in der Elfenbeinküste Kakaobohnen zum Trocknen aus. epd © Günay Ulutuncok/epd

Die Schwellenländer legen kaum noch stärker zu als die Industrienationen. Der ökonomische Aufholprozess ist offenbar vorüber. Dabei spielt auch eine Rolle, dass der globale Süden in Zukunftsbranchen kaum eine tragende Rolle spielt.

Viele Jahre galt es als Selbstverständlichkeit, dass die Wirtschaft im globalen Süden deutlich stärker wächst als in den großen Industrienationen. Dieser Wachstumsvorsprung der Entwicklungsländer nährte einen Prozess der Konvergenz, also der Angleichung der Wirtschaftskraft zwischen Nord und Süd. Doch dieser Prozess ist ins Stocken geraten. Auf Basis der aktuellen Wachstumsdifferenzen, so die französische Bank Natixis, würde es 400 Jahre dauern, bis die Entwicklungsländer aufgeschlossen hätten.

Ökonomen und Ökonominnen rätseln über die Gründe – und warnen vor den Folgen. Die ärmeren Staaten „stehen vor einer mehrjährigen Periode schwachen Wachstums, mit schwerwiegenden Folgen für Bildung, Gesundheit und Armut“, so Weltbank-Präsident David Malpass.

Die meisten Ökonomien der Welt gelten als „Entwicklungs-“ oder „aufstrebende“ Länder. In dieser Bezeichnung spiegelt sich die Erwartung, sie würden auf kurz oder lang das Niveau der USA, Westeuropas oder Japans erreichen. Tatsächlich zeigte das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends eine beeindruckende Angleichung. Im Jahr 2000 wuchs die Wirtschaft des globalen Südens um rund zwei Prozentpunkte schneller als die des Nordens. Bis 2009 nahm dieser Vorsprung auf 6,5 Prozentpunkte zu. Die Schwellenländer eroberten Weltmarktanteile, vor allem auf Kosten Westeuropas.

Ende der 90er-Jahre begann eine große Aufholjagd

Es schien, als könnte das Pro-Kopf-Einkommen der Schwellenländer in nur einer Generation das Niveau der USA erreichen. Doch scheint es so, als sei die Ära des starken Wachstums der Schwellenländer vorüber. 2021 betrug ihr Vorsprung noch 1,7 Prozent, 2022 dürfte es nur rund ein Prozent gewesen sein.

Ökonom:innen suchen nach Gründen dafür, dass der Aufholprozess des Südens stockt. Es könnte allerdings auch sein, dass es sich bei diesem Aufholprozess ohnehin bloß um eine Sonderbewegung gehandelt hat. Denn ein Blick in die fernere Vergangenheit zeigt: Die ökonomische Konvergenz zwischen Nord und Süd war eher die Ausnahme als die Regel. So wuchs zwischen 1945 bis 1995 weniger als ein Drittel der Entwicklungsländer schneller als die Industriestaaten, wie Niels Graham von der US-Denkfabrik Atlantic Council erklärt. Auf Phasen starker Konjunktur folgten häufig Krisen, zum Beispiel in den 1980er Jahren, als die Wirtschaftsleistung von 42 Prozent der Länder mit niedrigem Einkommen im Durchschnitt schrumpfte.

Ende der 90er-Jahre jedoch schien eine neue Zeit anzubrechen, die Entwicklungsländer begannen ihre große Aufholjagd. Genährt wurde sie durch verschiedene günstige Faktoren: Die niedrigen Zinsen machten Kapital billig, globale Gelder flossen in Massen auch in weniger kreditwürdige Länder. Der globale Süden mit seinen Rohstoffen und seiner billigen Arbeitskraft wurde eingebunden in die weltweiten Lieferketten, zwischen 1990 und 2007 wuchs der Welthandel doppelt so schnell wie das globale Bruttoinlandsprodukt. Wesentlicher Treiber dafür war der Fall des Eisernen Vorhangs und vor allem der explosionsartige Aufstieg Chinas, der dazu beitrug, dass sich die globalen Rohstoffpreise zwischen 2000 und 2008 verdreifachten. Das spülte riesige Summen in die Kassen der rohstoffexportierenden Staaten.

Die Zinsen steigen, Kredit wird teurer

Inzwischen aber hat sich der Wind gedreht. Die Zinsen in den Industrieländern steigen, Kredit wird teurer, die Schwellenländer haben mit Kapitalabfluss und schwächeren Währungen zu kämpfen. Chinas exorbitantes Wachstum lässt nach und muss mit immer neuen Kreditprogrammen gestützt werden.

Der globale Süden litt besonders unter der Corona-Krise. Geopolitische und -ökonomische Konflikte hemmen das Wachstum des Welthandels ebenso wie das Funktionieren der globalen Lieferketten. Und schließlich spielen die Entwicklungsländer absehbar kaum eine tragende Rolle in jenen Sektoren, die als Zukunftsbranchen gehandelt werden: künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Elektrifizierung, Greentech, Automatisierung, Biotechnologie.

In den nächsten zwei Jahren, so die Weltbank in ihrem jüngsten Weltwirtschaftsausblick, dürfte das Pro-Kopf-Einkommen der Entwicklungs- und Schwellenländer nur durchschnittlich 2,8 Prozent zulegen, das wäre ein Prozentpunkt weniger als der Durchschnitt 2010 bis 2019. Der Wert für Subsahara-Afrika wird bei 1,2 Prozent erwartet – „eine Rate, die die Armut steigen lassen würde“.

Helfen politische Reformen der Wirtschaft?

Ist die Aufholjagd des Südens damit vorüber? „In einem Umfeld schwachen Wachstums und zunehmender protektionistischer Maßnahmen dürfte die Konvergenz eine große Herausforderung sein“, so eine Studie der Zentralbank Südafrikas vom vergangenen Juni. Schon die Vergangenheit habe gezeigt, dass diese Konvergenz weder die Norm, noch von allen Entwicklungsländern erreicht worden sei. Das Bild sei gemischt: Von 44 untersuchten Ländern habe in den Jahrzehnten seit 1960 nur rund die Hälfte eine Angleichung geschafft.

Besonders erfolgreich sei dabei die Region Südostasien gewesen, ebenso Osteuropa. „Lateinamerika hingegen schnitt mit Ausnahme Chiles enttäuschend ab.“ In Afrika gehörten Äthiopien und Ruanda zu Beginn des neuen Jahrtausends zu den „schnellen Angleichern“, Südafrika und Nigeria hingegen fielen zurück. „Das spektakuläre Wachstum Chinas wie auch der asiatischen Schwellenländer bleibt historisch die Ausnahme“, so die Studie.

Zudem hätten es die Entwicklungsländer nur bedingt in der Hand, durch politische Reformen ihren Aufholprozess zu beschleunigen. „Unter den reformorientierten Ländern finden sich sowohl erfolgreiche wie relativ erfolglose Beispiele“, so die Zentralbank. Südafrika schneide bei den entsprechenden Governance-Indikatoren der Weltbank besser ab als Indonesien oder die Philippinen, „gleichzeitig aber fällt Südafrika zurück, die anderen holen auf“. Sicher sei nur eines: „Extrem schlechte Politik führt zu schwachem Wachstum“.

Grafik Wachstumsdifferenz
Grafik Wachstumsdifferenz © FR

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