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Abschied am Mittwochabend auf Schalke: Ein Mitglied der Grubenwehr steht vor einer Lore mit Kohle. Ina Fassbender/dpa (2)

Zechenschließung

Ende einer Epoche

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Das Ruhrgebiet nimmt Abschied von seinen Bergmännern, von der Steinkohle und von einem Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte.

Es ist nur ein paar Wochen her, da schnitt die „SL 750“ die letzte Steinkohle aus dem Flöz der Zeche Prosper-Haniel, und die Kumpel schickten das schwarze Gold durch den Schacht nach oben. Inzwischen ist auch die „SL 750“ wieder „über Tage“. Mit dem Förderkorb haben sie die Einzelteile des 80-Tonnen-Ungetüms nach oben gebracht. Das Ding soll ins Bergbaumuseum nach Bochum. Teure Technik, plötzlich nur noch ein Ausstellungsstück.

Schicht im Schacht – seit 1863 haben sie in Bottrop Steinkohle gefördert. Mit Prosper-Haniel schließt nun die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Zum Abschied besucht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an diesem Freitag die Kumpel. Am Donnerstag läuteten die Kirchenglocken im ganzen Ruhrgebiet. Am Mittwoch wurden die Malocher von unter Tage auf Schalke gefeiert.

Der Ausstieg hatte zwar einen langen Vorlauf, aber es ist eine Zäsur für die ganze Region. Der Bergbau gehört zum Ruhrgebiet wie Taubenzüchter, Trinkhallen, der BVB oder Schalke 04. Ohne ihn wäre das Wirtschaftswunder der Fünfziger- und Sechzigerjahre nicht möglich gewesen. Rund zehn Milliarden Tonnen Steinkohle sind in den vergangenen 200 Jahren an Rhein und Ruhr nach oben geholt worden – das ist die Bilanz. „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt“, singt Herbert Grönemeyer in seiner Pott-Hymne „Bochum“.

Prosper-Haniel, Auguste Viktoria, Hugo oder Zollverein – die Namen der Schachtanlagen stehen für den vergangenen Boom im Revier, für Kohlekompromisse, demonstrierende Kumpels, Milliardensubventionen und die Notwendigkeit eines beispiellosen Strukturwandels.

„Niemand fällt ins Bergfreie“, hatte die Politik im Ruhrgebiet versprochen. Im Klartext: keine betriebsbedingten Kündigungen. Und so ist es gekommen. Nur 300 der zuletzt noch 1395 Kumpel auf Prosper-Haniel müssen noch untergebracht werden. „Das kriegen wir hin“, glauben sie in Bottrop. Ein solches Verfahren schwebt auch der Kommission vor, die Anfang 2019 ihre Empfehlungen für den Abschied von der Braunkohle präsentieren soll.

„Glückauf“, sagt Wolfgang Dolfen. Der Bergmann sitzt in einem kleinen Büro in der Zechenzentrale, dekoriert mit Bildern von Grubenfahrten, mit Pokalen und Urkunden. Was ein verdienter Bergmann so alles ansammelt über die Jahre. Es ist die Woche vor dem großen Festakt.

„Wir sind auf dem Rückzug“, erklärt Dolfen. Damit meint er den Rückzug unter Tage. „Eine regelrechte Materialschlacht“ sei das, eine logistische Herausforderung der besonderen Art. Und es geht voran dabei: Die Abbaustrecke, wo sie im November das letzte Stück Revierkohle aus dem Berg herausgeholt haben, die dem Bundespräsidenten an diesem Freitag überreicht wird, ist bereits verschlossen. Der Brocken soll einen Ehrenplatz bekommen, in Steinmeiers Arbeitszimmer in Schloss Bellevue.

In die Arbeiten hinein platzte diese Woche die Schreckensnachricht aus Ibbenbüren. Beim Rückbau in den Stollen der gerade erst geschlossenen Zeche am Rande des Münsterlandes war ein 29-Jähriger Bergmann unter eine Wettertür geraten. Er erlag seinen schweren Verletzungen. Es war der erste tödlich verunglückte Kumpel seit 2012. Ausgerechnet jetzt vor Weihnachten. Ausgerechnet vor den großen Feiern zum Kohleabschied.

„Ein Schock“, sagt Dolfen, der hier in Bottrop für den Arbeitsschutz unter Tage zuständig ist. Seine Leute, die tonnenweise Maschinenteile nach oben holen werden, erhalten nun eine extra Sicherheitsunterweisung. Alles soll geordnet zu Ende gehen und vor allem: ohne Unfälle. Die Arbeiten werden wohl noch Monate dauern. Dann wird Schacht 10 zugemacht für die Ewigkeit. Den Restmitarbeitern des einst stolzen RAG-Konzerns bleibt dann nur noch die Aufgabe, das Wasser von unten abzupumpen und die Bergschäden an der Oberfläche, soweit möglich, zu begrenzen.

Bestimmt 300 Jahre könnten sie hier noch weiter abbauen, sagen sie in Bottrop. Die Vorräte sind riesig. Doch deutsche Kohle ist auf dem Weltmarkt schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Für die Kumpel ist das bitter.

Bergmann Dolfen weiß noch, wie sie mit der Gewerkschaft demonstriert haben, 1997 in Bonn, als die Subventionen weiter gekürzt und weitere Zechenjobs gestrichen werden sollten. Die ganze Stadt war voll mit Kumpeln. Noch einmal setzten sie sich durch, bekamen mehr Zeit. Doch politisch waren die Milliardensubventionen auf Dauer nicht mehr zu halten.

Plötzlich redeten alle über Klimaschutz, immer weniger sprachen von der Kohle. Und wenn, dann nur über die Umweltschäden und die immensen Kosten. Die staatlichen Bergbauzuschüsse der vergangenen Jahrzehnte summieren sich nach Schätzungen inzwischen auf die beachtliche Summe von rund 200 Milliarden Euro. 2007 besiegelte man schließlich das Auslaufen der Förderung bis Ende 2018.

Frank-Walter Steinmeier hätte das alles gerne noch einmal zurückgedreht. Jedenfalls machte er sich 2009 als SPD-Kanzlerkandidat noch für einen Ausstieg vom Ausstieg stark. Wenn er am Freitag seine Festrede vor dem Förderturm von Bottrop hält, wird er die Kumpel-Kultur im Ruhrgebiet beschwören, die Kohle als Motor für den Aufstieg einer ganzen Region. „Einmal Bergmann, immer Bergmann“, heißt es im Revier. Noch einmal werden sie das Steigerlied singen. Noch einmal wird es um die Frage gehen, wo neue Zuversicht und neue Jobs herkommen sollen. In den Ruhrgebietsstädten liegen die Hartz-IV-Quoten jedenfalls deutlich über dem Bundesschnitt.

Bergmann Dolfen geht mit zwiespältigen Gefühlen. Abgesichert ist er, das ja. Ende 2019 kann er in den Vorruhestand und später ohne Abschläge in Rente. Aber was ist mit den Jüngeren im Revier? Strukturwandel, wo man hinschaut. Viel wird versucht mit Start-ups und Innovationszentren. Aber ein großes Jobwunder ist dabei bisher nicht herausgekommen. Zu Hause in Gelsenkirchen-Buer, wo Dolfen mit seiner Frau lebt, liegt schon die Bergmannsuniform für den Abschiedsfestakt bereit, ein schwarzer Kittel mit goldenen Knöpfen. „Das ist wie bei einer Beerdigung“, sagt er. „Das ist nie schön. Aber man geht hin. Ist doch klar.“

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