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Hauptversammlung der Deutschen Bank im Mai 1980. Damals ging es bei den Hauptversammlungen um die Macht auf die deutsche Wirtschaft, nicht um Gewinnmaximierung.

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Das Ende der „Deutschland-AG“

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Wie aus Stützen der Gesellschaft finanzielle Wackelkandidaten wurden.

Der Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank ist vom Tisch. Was nicht heißt, dass die Institute nicht in absehbarer Zukunft doch noch eine Ehe eingehen könnten oder sogar aus der Not heraus müssen – dann aber eben mit einem anderen Partner. In den vergangenen Wochen hatte es Berichte gegeben, dass die italienische Unicredit und auch die niederländische ING Interesse an einer Übernahme der Commerzbank haben; allerdings könnten solche Gerüchte auch gezielt gestreut worden sein, um die Commerzbank für die Deutsche Bank attraktiver zu machen.

Klar ist: Der deutsche Bankenmarkt ist fusionserfahren. 13.359 Kreditinstitute tummelten sich 1957 auf dem westdeutschen Bankenmarkt. Der überwiegende Teil, nämlich fast 11.800, waren Genossenschaftsbanken. Hinzu kamen laut Bundesbankstatistik aber unter anderem 871 Sparkassen, 14 Landesbanken und acht Großbanken. Seitdem ist der deutsche Bankensektor kontinuierlich geschrumpft – bis auf einen kleinen Sprung nach oben in Folge der deutschen Wiedervereinigung. 1970 gab es noch gut 8549 Institute, 1980 waren es 5355. Heute hat Deutschland rund 1800 Kredithäuser – und gilt dennoch als überversorgt mit Finanzdienstleistungen.

Größe war einst alles

Fusionen und Übernahmen sind im deutschen Bankensektor also nichts Neues. Vor allem die kleineren Institute – Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen – betreiben sie seit Jahrzehnten in großem Stil, vor allem um Kostensynergien zu heben. Der Druck im Kessel ist in den vergangenen Jahren aber stark gestiegen: Jahrzehntelang konnten die deutschen Banken ganz gut von den auskömmlichen Zinsmargen leben; bereits seit den 90er Jahren schrumpfen diese jedoch, die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank im vergangenen Jahrzehnt bringt die Institute immer stärker in Bedrängnis. Hinzu kommt die Digitalisierung, die es für die Banken schwieriger macht, Kunden mit ihren Produkten zu erreichen. Die besuchen Filialen immer seltener und nutzen zunehmend neue, moderne Technologieunternehmen für ihre Bankgeschäfte.

In den Großbanken spielten bei Gedankenspielen zu Fusionen und Übernahmen – von in- wie ausländischen Instituten – aber seit den 90er Jahren oft ganz andere Motive als das reine Heben von Synergien eine Rolle: Es ging um das Streben nach Größe und Ansehen. 1999 wurde in den USA der Glass-Steagall-Act aufgehoben, der die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken vorgeschrieben hatte. Die US-Banken wuchsen danach. Und die Amerikaner waren da das große Vorbild für Deutschland. „Nach dem Ende des Kalten Krieges galten US-Normen in Deutschland als die einzig richtigen. Größe galt nun als vorteilhaft“, sagt Reinhard H. Schmidt, Professor am House of Finance in Frankfurt.

„Das hatte auch viel mit der Bezahlung der Vorstände zu tun. Deutsche Manager träumten von Gehältern wie in den USA“, meint Schmidt. Den Startschuss dafür gab allerdings kein Banker, sondern ein Automanager: Jürgen Schrempp, der nach der Fusion von Daimler Benz und Chrysler 1998 plötzlich ein Millionengehalt nach US-Vorbild erhielt.

Primäre Orientierung am Shareholder-Value

Auch aus den USA schwappte in den 90er Jahren die primäre Orientierung am sogenannten Shareholder-Value nach Deutschland. Gesellschaftlich war es in Deutschland bald akzeptiert und auch gefordert, dass Unternehmen Gewinnmaximierung betreiben sollten, Fusionen und Übernahmen galten als ein Mittel dazu. Obgleich es wissenschaftlich hoch umstritten war und weiterhin ist, ob Zusammenschlüsse großer Kreditinstitute wirklich wirtschaftliche Vorteile bringen. „Mit der alleinigen Ausrichtung auf den ,Shareholder-Value‘ hat man es einfach furchtbar übertrieben“, bilanziert Schmidt. Zuvor, sagt er, hatte es in den deutschen Großbanken – allen voran in der Deutschen Bank – ein großes Interesse daran gegeben, die deutsche Wirtschaft als Ganzes stabil zu halten.

Die Großbanken waren damals auch noch die großen Kreditgeber der hiesigen Unternehmen; sie saßen in deren Aufsichtsräten, hielten große Firmenbeteiligungen – die Banker sahen sich als Garanten eines stabilen Wirtschaftssystems. „Auf den Hauptversammlungen der Deutschen Bank ging es in den 70er und 80er Jahren um ihre Macht über die deutsche Wirtschaft, nicht um Gewinnmaximierung“, erinnert sich Schmidt. Die enge Verbindung der deutschen Unternehmen – die heute oft verschriene „Deutschland-AG“ – war für Innovationen nicht immer förderlich und ging mit allerhand unschönem Geklüngel einher. „Aber sie war in vieler Hinsicht auch sehr gut, sie hat die deutsche Wirtschaft stabilisiert“, findet Schmidt.

Die „Deutschland-AG“ löste sich in den 90er Jahren nach und nach auf, deutsche Großbanken orientierten sich – angeführt von der Deutschen Bank und angestachelt von der neuen Konkurrenz von US-Investmentbanken auf dem deutschen Markt – immer mehr in Richtung Investmentbanking. Bis zur Finanzkrise ab 2007.

Bei Commerzbank und Deutscher Bank ging es bei ihren Fusionsverhandlungen allerdings nicht mehr um das Gewinnen von Größe oder Prestige, sondern um das nackte Überleben. Beide Institute suchen nach einer Strategie, um trotz hoher Fixkosten, niedriger Zinsen und der fortschreitenden Digitalisierung, die neue Konkurrenten mit sich bringt, überhaupt weiter bestehen zu können.

Fusioniert

Vollzogene Übernahmen großer Banken in Deutschland seit 1998 – eine Auswahl:

1998: Bayerische Vereinsbank und Bayerische Hypotheken- und Wechselbank werden zur Hypovereinsbank (HVB) vereinigt;

1999: SüdWestLB, Landesgirokasse, Landeskreditbank fusionieren zur Landesbank Baden-Württemberg (LBBW);

2001: Die Allianz übernimmt die Dresdner Bank;

2003: Hamburgische Landesbank und Landesbank Schleswig-Holstein werden zur HSH Nordbank;

2005: Unicredit übernimmt die Hypovereinsbank;

Ab 2009: Die Deutsche Bank übernimmt schrittweise die Postbank;

2009: Die Commerzbank übernimmt die Dresdner Bank;

2016: DZ Bank und WGZ Bank fusionieren zur DZ Bank.

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