Zuckersüßes Homeoffice-Törtchen eines Dortmunder Bäckers. 
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Zuckersüßes Homeoffice-Törtchen eines Dortmunder Bäckers. 

Corona-Pandemie

„Die Elite sieht ihre Autonomie bedroht“

  • Hannes Koch
    vonHannes Koch
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Wie Internet, Smartphone und Homeoffice das Arbeitsleben verändern, erklärt Soziologie-Professorin Bettina Kohlrausch. Auch Leute mit guter Ausbildung und hohem Gehalt sind enttäuscht.

Der Lockdown und die Beschränkungen infolge der Corona-Pandemie haben die Arbeitswelt verändert. Der Schreibtisch steht oder stand für viele Menschen wochenlang im Homeoffice. Das hat nicht nur Vorteile, wie das Gespräch mit Bettina Kohlrausch vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung zeigt.

Frau Kohlrausch, viele Menschen mussten jetzt lernen, anders mit Laptop und Handy umzugehen. Videokonferenzen vom heimischen Bürotisch, Fernunterricht mit der Mathelehrerin – bringt das die Gesellschaft weiter?

Dinge, die früher nie gingen, gehen plötzlich. Heute Vormittag saß ich in meiner Wohnung und habe die Staatsexamensprüfung einer angehenden Lehrerin abgenommen. Ich war per Video zugeschaltet. Gerade für Höherqualifizierte hat die Digitalisierung während der Corona-Krise einen enormen Schub gebracht.

Bedeutet das mehr Lebensqualität?

Vieles wird bleiben. Im Wissenschaftsbereich beispielsweise kann es leichter werden, Kinderbetreuung oder einen Auslandsaufenthalt mit der beruflichen Tätigkeit zu kombinieren. Aber das hat nicht nur Vorteile.

Bettina Kohlrausch. 

Verschärfen Leben und Arbeiten im Internet die bestehenden sozialen Spannungen?

Ja. Die Arbeit im Homeoffice kann die Autonomie der Beschäftigten erweitern oder im Gegenteil zu mehr Kontrolle führen. Mir als Professorin – ich wohne in Hannover und arbeite an der Universität Paderborn und bei der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf – ermöglicht sie, die berufliche Karriere und die Erziehung meiner beiden Kinder zu verbinden. In anderen Tätigkeiten lässt sich dagegen jeder Arbeitsschritt der Heimarbeiter überwachen. Wer extern die Abrechnungen einer Steuerberaterkanzlei bearbeitet oder auch als Rechtsanwältin tätig ist, muss auch im Homeoffice mit der Onlinekontrolle durch die Vorgesetzten rechnen. Das kann neuen Druck auslösen.

Sprechen Sie von zunehmender Ausbeutung?

Ich würde sagen, dass die Digitalisierung der zunehmenden Kontrolle, Intensivierung und Entgrenzung der Arbeit Vorschub leistet.

Zur Person

Bettina Kohlrausch , Jahrgang 1976, ist neue Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. An der Universität Paderborn arbeitet sie als Professorin für Soziologie.

Sind denn Beschäftigte mit niedriger Bezahlung und einfacher Ausbildung stärker betroffen als andere?

In unseren Studien sind wir teilweise zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Auch Leute mit guter Ausbildung und höherer Qualifikation klagen über die Einschränkung ihrer Autonomie durch digitale Arbeitsprozesse. Doch gerade für diese Gruppen stellt die Selbstbestimmung im Beruf ein zentrales Kriterium dar. Wenn das infrage steht, kann diese Erfahrung wichtig werden für die Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit und der eigenen Rolle in der Gesellschaft.

Können Sie ein Beispiel für den Autonomieverlust geben?

Durch permanente Anrufe auf dem Diensthandy, durch Mails und die mehr oder weniger implizite Erwartung, dass auf diese schnell reagiert wird, ist beispielsweise die autonome Gestaltung der Arbeitszeit stark eingeschränkt.

Also führt die Digitalisierung auch zu Nachteilen für die, die sich als Elite begreifen?

Das ist ein vorläufiger Befund. Aber möglicherweise zweifeln gut situierte Bevölkerungsgruppen zunehmend daran, dass höhere Bildung selbstbestimmtes Arbeiten ermöglicht. Die Folgen könnten weitreichend sein: Wenn eingeübte Mechanismen der Zuweisung von Lebenschancen sich verändern, mag das die bekannte soziale Ordnung unglaubwürdig erscheinen lassen. Zum Beispiel: Ein Schreinermeister, der schöne Küchen baut, bekommt von Kunden aus irgendwelchen Gründen schlechte Bewertungen im Internet. Damit geraten die Kriterien ins Rutschen, was gute Arbeit ist. Man weiß dann nicht mehr genau, wie man anerkannter Teil dieser Gesellschaft wird. Vielleicht schwindet dann auch das Interesse, sich mit ihr zu verständigen.

Äußern die Bürger in Ihren Umfragen explizit Sorgen über die Folgen der Digitalisierung?

Das tun sie. Außerdem macht sich eine zunehmende Verunsicherung bemerkbar. Obwohl die Wirtschaft vor Corona gut lief und die Arbeitslosigkeit gering war, stellten wir bis weit in die Mittelschicht hinein Abstiegsängste fest. Selbst bei Personen mit einem Nettoeinkommen von über 4000 Euro befürchtete ungefähr ein Drittel, den eigenen Lebensstandard nicht dauerhaft halten zu können. Auch machte sich etwa die Hälfte aller Befragten Sorgen über die Altersabsicherung. Angesichts der materiellen Ausstattung und sozialen Position dieser Gruppen kann sich diese Beunruhigung eigentlich nicht aus den konkreten Erfahrungen ableiten. Vermutlich hat die Unsicherheit auch mit der Digitalisierung zu tun. Aber das müssen wir erst noch richtig verstehen.

Lassen sich solche Prozesse politisch regulieren und mildern?

Überall wird das nicht funktionieren, aber wir sollten es versuchen. Um die zeitliche Entgrenzung, das Ineinanderfließen von Arbeits- und Privatleben im Homeoffice, aufzuhalten, könnte man Erreichbarkeits- und Ruhezeiten klarer definieren. Gegen die Arbeitsintensivierung könnte helfen, weniger zu arbeiten. Jacinda Ardern, die Regierungschefin von Neuseeland, hat kürzlich die Einführung der Viertagewoche ins Gespräch gebracht.

Interview: Hannes Koch

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