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Ein defekter Smart wird unter den Augen von Daimler-Chef Dieter Zetsche von der Bühne geschoben.

IAA

Mit Elektromobilität aus der Krise

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Auf der IAA wollen Autobauer zeigen, dass sie auf alternative Antriebe und autonomes Fahren vorbereitet sind.

Weicheier“, murmelt ein Manager in den hinteren Reihen während der BMW-Pressekonferenz vor sich hin. Er kommt offensichtlich von einem konkurrierenden Autobauer. Vorne auf der Bühne lässt sich Konzernchef Harald Krüger von einem echten und talkshowerprobten Journalisten, Hajo Schumacher, befragen. Die Kernaussage von Krügers Einlassungen: Wir bei BMW sind sauber. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Nach knapp 15 Minuten ist alles vorbei und die typische Neuheitenshow beginnt. Das vorgeschaltete Interview ist bezeichnend für die Lage der Autobranche. Sie hat viel Renommee und Glaubwürdigkeit verspielt. So viel, dass der BMW-Chef es für nötig hält, sich öffentlich zu rechtfertigen. Und zwar am ersten Pressetag der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), also auf der größtmöglichen Bühne, was allerdings bei Wettbewerbern nicht ungeteilte Zustimmung findet. 

Vor zwei Jahren, unmittelbar nach der Frankfurter KFZ-Messe, wurde der Abgasskandal aufgedeckt und noch immer ist vieles ungeklärt. Hinzu kommen Ermittlungen der Wettbewerbsbehörden gegen deutsche Autobauer. Sie sollen ein Kartell geschmiedet haben, das über Jahre vieles abgesprochen hat, womöglich auch die systematischen Betrügereien bei der Abgasreinigung. 

Bei der BMW-Show in Messehalle 11 wird zwar wie gehabt mit viel Tamtam und Feuerwerk auf der Riesenvideowand gearbeitet. Zugleich lässt der Münchner Autobauer nur Fahrzeuge auf die Bühne rollen, die keinerlei Abgase ausstoßen. Den Anfang macht der i3. Das Elektroauto gehört schon fast zu den Veteranen der Stromer. Vor vier Jahren wurde er auf der IAA erstmals gezeigt. Nun wird er in einer Version mit einer stärkeren Batterie präsentiert – um dem Newcomer Tesla etwas entgegenhalten zu können.

Der US-Elektroautobauer erlebt gerade mit seinem Model S auch hierzulande einen Boom. Und im nächsten Jahr sollen sich die Verkäufe mit der neuen Mittelklasse-Limousine Model 3 vervielfachen. BMW lässt indes am Dienstag als Höhepunkt von 15 Minuten E-Autoshow den iVision Dynamics vorfahren. Ein sportliches Elektrocoupé, dessen Batterie bis zu 600 Kilometer durchhalten und eine Höchstgeschwindigkeit von 200 Stundenkilometer erreichen soll. BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich beteuert: „Das Auto kommt in die Serie.“ Wann, verrät er nicht. 

Sogenannte Konzeptfahrzeuge wie der iVision Dynamics werden am Dienstag reihenweise in den Frankfurter Messehallen präsentiert. Meist kommen sie weißlich und rundlich daher. „Konzept“ bedeutet immer, dass es Autos sind, die nicht zum Fahren auf der Straße, sondern für Werbezwecke auf Messen gebaut werden. Die enorme Häufung auf der 2017er IAA zeigt: Insbesondere die deutschen Autobauer wollen aller Welt zeigen, dass sie auf die Elektromobilität nebst autonomem Fahren vorbereitet sind. Bis aber aus den E-Konzeptautos Alltagsvehikel werden, dürften – wenn überhaupt – noch mindestens drei Jahre vergehen. Dann aber wollen die drei deutschen Autobauer BMW, Volkswagen und Daimler in allen Modellreihen mindestens ein E-Auto anbieten – so die übereinstimmenden Ansagen auf der IAA am Dienstag. 

Daimler will noch einen Schritt weitergehen. Die Kleinstwagenmarke Smart soll 2020 komplett auf Elektroantrieb umgestellt werden. „Der Erfinder des Automobils erfindet sich neu“, betont Daimler-Chef Dieter Zetsche. Was dann aber auf die Bühne in der zum Daimler-Pavillon umgebauten Festhalle rollt, gehört noch eher zur alten Welt: Die aufgemöbelte S-Klasse, mit einem Coupé und einem Cabrio, aber immerhin auch mit einer Hybridvariante, dem S 560e, dem neuen Flaggschiff, das 50 Kilometer rein elektrisch fahren soll. Und Zetsche sagt: „Vertrauen ist verloren gegangen, auch in unsere Innovationskraft. Aber wir wollen Teil der Lösung sein.“

Was das konkret bedeutet, wird im Format eines Kurzmusicals à la „LaLaLand“ vorgeführt. Der Inhalt: Junge, gutaussehende Großstadtbewohner nutzen einen selbstfahrenden, elektrischen, voll digitalisierten Taxi-Smart. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um eine rollende Glaskugel mit Sitzbank. Wie der Stand der Technik hierbei aber tatsächlich ist, wird erahnbar, als die Kugel von der Bühne soll, sich aber keinen Zentimeter mehr bewegen lässt. Der Abgang ist erst nach Montagearbeiten vor Publikum möglich. Und Zetsche bemerkt zu der Panne, sie zeige, warum diese Autos noch nicht in Serie gebaut würden.

Gleichwohl, Volkswagen will sein Robotertaxi „Sedric“ mit vier Sitzplätzen schon im nächsten Jahr in mehreren Städten testen. Allerdings soll dann immer noch ein Fahrer an Bord sein, der notfalls eingreifen kann. Aber für die Jahre 2020/21 sei der Start des kommerziellen Betriebs geplant, heißt es bei VW. Die Wolfsburger, die im Zentrum der Dieselaffäre stehen, haben schon am Vorabend des ersten IAA-Pressetags ihre „Roadmap E“ bekanntgegeben. Mehr als 20 Milliarden Euro würden für die Industrialisierung der Elektromobilität bereitgestellt. 80 neue Modelle mit Stromantrieb sollen bis 2025 offeriert werden. „Wir haben verstanden und wir werden liefern“, sagte Konzernchef Matthias Müller. 

Das bedeutet auch, dass der Konzern jährlich Lithium-Ionen-Batterien mit einer Kapazität von 150 Gigawattstunden benötigen würde. Das entspricht einer Vervielfachung der derzeitigen weltweiten Jahresproduktion. Derzeit suchen die Volkswagen-Manager in Europa, China und Nordamerika nach Partnern, die die Batteriezellen fertigen sollen. Dahinter steckt ein Auftragsvolumen von mehr als 50 Milliarden Euro, was Volkswagen als „das größte Beschaffungsvorhaben in der Geschichte der Automobilindustrie“ bezeichnet. Wie die Autos aussehen könnten, die mit diesen Akkus bestückt werden, will der Konzern mit dem ID Crozz vorführen. Der es mit seinen 500 Kilometer Reichweite und den rund 300 PS mit jedem Tesla aufnehmen könnte, wenn er schon gebaut würde. Zudem soll er auch autonom fahren können. Doch der VW-Konzern nutzte den ersten Pressetag auch für aktuelle Produktwerbung. Der Polo GTI wurde vorgestellt. 200 PS, tiefer gelegt. Ein Auto, das auch im Design an die Rasereien mit dem Golf GTI der 1970er Jahre erinnert – als Automanager noch keine Rechtfertigungsinterviews geben mussten. 

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