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Harte Elektro-Konkurrenz: Für etwa 30 000 Euro will das chinesische Start-up Aiways den E-Geländewagen U5 nach Europa bringen.

Zukunft

Das Jahr der Entscheidung

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Haben die deutschen Autobauer den Umstieg auf das Elektroauto vermasselt?

Mit dem Genfer Autosalon läutet die Branche in dieser Woche ein entscheidendes Jahr ein: Die Umstellung auf den Elektroantrieb beginnt, und die Konjunktur ist wacklig wie lange nicht mehr.

„Genf leitet eher ein Jahr der Gewinnwarnungen statt der großen Erfolge ein“, sagt deshalb Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Während das Geschäft schwieriger wird, müssen die Investitionen steigen, denn allen Herstellern droht das gleiche heikle Datum: Ab 2021 gelten in der Europäischen Union deutlich striktere Abgasvorschriften. Um sie einzuhalten, müssen Hunderttausende Kunden vom Umstieg auf Elektro- oder wenigstens Hybridantrieb überzeugt werden.

So kommt kaum ein Hersteller ohne einschlägige Neuheit nach Genf. Und um klar zu machen, dass eine neue Zeit anbricht, haben viele eigens Elektromarken mit eigenem Design entwickelt. BMW hat das schon lange mit i3 und i8 vorgemacht. Bei Volkswagen trägt alles Elektrische den Namenszusatz ID, bei Mercedes ist es EQ, und Volvo hat die Marke Polestar gegründet. Honda kommt mit einem elektrischen Kleinwagen, Peugeot arbeitet an der Elektrovariante des neuen 208 – während die Kunden zögern, setzen die Hersteller alles auf E.

Sie haben keine Wahl. Lange dachte die Branche, sie könne die künftigen CO2-Vorschriften mit sparsamen Dieseln und neuen Hybridantrieben erreichen, also der Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor. Doch der Diesel ist in Verruf geraten – auch wenn der ADAC bei neuen Modellen gerade makellose Stickoxidwerte gemessen hat. Außerdem wurden die Abgastests verschärft, so dass heute höhere Werte als früher herauskommen. Das trifft auch die Hybridautos, die zudem mit ihrem doppelten Antrieb teuer sind.

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Die Alternative ist allerdings noch teurer: Für jedes Gramm Kohlendioxid, das ihre Autos zu viel ausstoßen, müssen die Hersteller von 2021 an 95 Euro Strafe zahlen – multipliziert mit der Zahl der verkauften Autos. Im Durchschnitt der Modellpalette sind 95 Gramm pro Kilometer erlaubt. Heute liegen selbst die meisten Kleinwagen über diesem Wert, im Durchschnitt kauften die Deutschen im vergangenen Jahr sogar Neuwagen mit mehr als 120 Gramm CO2-Ausstoß. Marken wie Mercedes und BMW könnte das von 2021 an Hunderte Millionen Euro im Jahr kosten, bei VW wäre es deutlich mehr als eine Milliarde – vom Imageschaden ganz abgesehen. Und im smoggeplagten China, dem wichtigsten Markt der Branche, dringt der Staat massiv auf die Umstellung des Antriebs. Die Elektromobile müssen also ein Erfolg werden.

„Wir investieren in die Elektromobilität in den nächsten drei Jahren über 40 Milliarden Euro“, sagt Bernhard Mattes, Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA). Es könnte noch etwas mehr werden, denn überall hinken die Projekte hinter den Zeitplänen her. Nächstes Jahr sollen die Autos im großen Stil verkauft werden.

Der Mann, der die hektische Aufholjagd mit ausgelöst hat, kämpft unterdessen mit eigenen Problemen. Tesla-Gründer Elon Musk, seit Jahren Angstgegner der etablierten Autobauer, hat die Unfallermittler der US-Behörde NTSB im Haus, nachdem sich in Florida ein neuer tödlicher Unfall mit einem Tesla, der unter einen Lastwagen-Anhänger raste, ereignet hat. Trotzdem will Musk seinen nächsten Coup landen: Am 14. März stellt Tesla eine neue Modellvariante vor – einen SUV mit dem Namen Model Y.

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