Niedriglohn-Jobs

Einstieg oder Sackgasse?

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Arbeitgeber finden, Niedriglöhne sind eine Chance für höhere Bezahlung und legen eine neue Studie des arbeitgebernahen INSM vor. Doch die Gewerkschaften protestieren.

Der wachsende Niedriglohnsektor in Deutschland ist ein Problem – so lautet bisher die vorherrschende Meinung. Jetzt haben die Arbeitgeber eine Studie in Auftrag gegeben, die zeigen soll, dass der Niedriglohnsektor in Wirklichkeit eine gute Sache ist. Auftraggeber des Gutachtens ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird. Verfasst wurde es vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Ein zentrales Ergebnis lautet: 24 Prozent der Geringverdiener schaffen binnen Jahresfrist den Aufstieg in eine besser bezahlte Beschäftigung. „Niedriglöhne sind also vor allem eines: Einstiegslöhne!“, schlussfolgert INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.

„Spaltung am Arbeitsmarkt“

Bei den Gewerkschaften löste die Studie einen Proteststurm aus. Die Gewerkschaft Verdi nannte das Gutachten irreführend und schönfärberisch. „Wenn nur einer von vier Niedriglöhnern den Aufstieg in regulär bezahlte Arbeit schafft, bleibt für drei Viertel der Betroffenen der Niedriglohnbereich eine Sackgasse. Damit verschärft sich die Spaltung am Arbeitsmarkt“, erklärt etwa Verdi-Chef Frank Bsirske. Auf Widerspruch stieß auch die zweite Schlussfolgerung des IW. „Nur 16 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor sind armutsgefährdet“, erklären die Forscher. Bei Normalverdienern sei das Armutsrisiko mit zwei Prozent zwar deutlich niedriger. Geringverdiener seien aber viel besser dran als Arbeitslose, die zu 60 Prozent armutsgefährdet seien. Pellengahr zieht daraus den Schluss: „Jeder Job ist besser als kein Job.“

Eine solche Sichtweise habe mit sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun, kontert IG-Metall-Vize Detlef Wetzel. „Ludwig Erhard würde sich im Grabe umdrehen.“ Deutschland dürfe sich nicht damit begnügen, dass Arbeit vor Armut schützt. „Das ist eine Strategie für Entwicklungsländer.“ Vielmehr müsse es darum gehen, die Menschen am wachsenden Wohlstand zu beteiligen. Diese Studie solle offensichtlich dazu dienen, Hungerlöhne zu rechtfertigen, schimpft auch Franz-Josef Möllenberg, Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG).

Die IW-Forscher vermuten schließlich, dass niedrige Löhne dazu beitragen, dass Arbeitslose eher einen Job finden. „Der Niedriglohnsektor hat neue, zuvor nicht existente Beschäftigungsgelegenheiten geschaffen“, erklärt Holger Schäfer, IW-Arbeitsmarktexperte und Autor der Studie. Er begründet das so: Seit 1994 sei die Zahl der Geringverdiener gestiegen. Dieses Wachstum sei nicht auf Kosten der „Normalverdiener“ gegangen. Vielmehr sei in dieser Zeit die Zahl der Frührentner stark zurückgegangen. Auch die Gruppe der „Nicht-Erwerbstätigen“ sei geschrumpft. Das sind meist Frauen, die keinen Job haben und nicht offiziell arbeitslos gemeldet sind.

Allerdings räumt Schäfer selbst ein: Es gebe keinen eindeutigen Beleg, dass der Niedriglohnsektor die Beschäftigungschancen für bestimmte Personen verbessert habe. Denn niemand weiß, was passiert wäre, wenn die Löhne stärker gestiegen wären.

Das DIW glaubt jedenfalls nicht an die positiven Beschäftigungseffekte: Es gebe keinen hinreichend tragfähigen Beleg, dass durch den wachsenden Niedriglohnsektor Jobs geschaffen wurden, sagt DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke der FR. Dass Frauen und ältere Menschen zunehmend erwerbstätig sind, sei ein genereller Trend, der sich nicht auf gering entlohnte Jobs beschränke. Ansonsten fällt sein Urteil nicht so harsch aus wie das der Gewerkschaften: Dank der Studie wisse man mehr darüber, was aus Geringverdienern wird.

Was das Wachstum des Niedriglohnsektors angeht, so kommt die Studie zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie frühere Untersuchungen: 1994 waren demnach in Deutschland 16 Prozent der Beschäftigten Geringverdiener, bis 2009 wuchs der Anteil auf 22 Prozent. Als Geringverdiener gelten Beschäftigte, die weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens verdienen. 2009 lag die Schwelle bei einem Bruttostundenlohn von 8,94 Euro.

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