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Das Stromnetz gilt als Schwachstelle der Energiewende.

Energiewende

Einspeisevorrang auf der Kippe

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Bundeswirtschaftsminister Altmaier erwägt, bei Überlastungen des Stromnetzes zukünftig auch Ökostrom-Anlagen abzuschalten.

Wer ein Windrad auf einem beliebigen Acker in Deutschland aufstellt und mit der Stromproduktion beginnt, hat im Gegensatz zu Investoren in anderen Branchen zwei ganz entscheidende Vorteile: Er weiß genau, wie viel Geld jede produzierte Kilowattstunde Elektrizität bringen wird – denn schließlich sind die Vergütungen für Ökostrom vorab festgelegt. Außerdem können sich die Produzenten sicher sein, dass sie ihren Ökostrom auch tatsächlich im Markt loswerden. Denn es gilt der so genannte Einspeisevorrang: Die Übertragungsnetzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet, in jedem Fall den Ökostrom abzunehmen und vorrangig in ihre Netze einzuspeisen. Erst wenn das geschehen ist, darf beispielsweise Kohle- oder Atomstrom zum Zuge kommen.

Im Haus von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gibt es jetzt allerdings Überlegungen, den Einspeisevorrang per Gesetzesänderung zurechtzustutzen. Die Ideen dafür liefert eine neue Studie von drei spezialisierten Beratungsunternehmen. Die Experten machten sich im Auftrag des Ministeriums Gedanken darüber, wie die Stabilität des deutschen Strom-Übertragungsnetzes erhöht werden kann. 

Kosten „spürbar“ verringern

Das Netz gilt als Schwachstelle der deutschen Energiewende. Es stammt noch aus einer Zeit, als ausschließlich konventionelle Kraftwerke im Land Elektrizität produzierten. Inzwischen sind die Erneuerbaren dabei, die Kohle als wichtigsten Energieträger abzulösen. Wenn viel Wind weht oder die Sonne stark scheint, ist das Netz aber oft überlastet. Dann muss es stabilisiert werden, und zwar durch das Herunterfahren konventioneller Kraftwerke.

In der Studie heißt es nun, dass grundsätzlich auch Ökostrom-Anlagen und Kraftwerke, die zugleich Wärme produzieren (Kraft-Wärme-Kopplung, KWK) für das Engpass-Management im Netz herangezogen werden sollten. Die Studien-Autoren sind sich sicher, dass eine gezielte Einbeziehung von Ökostrom- und KWK-Anlagen an kritischen Punkten des Übertragungsnetzes die Kosten für das Netzmanagement „spürbar“ verringern würde. Die Gesamtkosten der Eingriffe zur Netz-Stabilisierung summierten sich im vergangenen Jahr auf mehr als 1,2 Milliarden Euro. Nachteil einer Einbeziehung von Ökostrom- und KWK-Anlagen: In diesem Fall würde auch der Ausstoß von Treibhausgasen steigen. Dieser betrage vermutlich aber weniger als ein Prozent der Emissionen des gesamten deutschen Kraftwerksparks und sei „nicht signifikant“, heißt es in der Studie.

Die Grünen warnten, den Vorschlägen der Gutachter zu folgen. Die Erneuerbaren dürften nicht zurückgedrängt werden, während gleichzeitig Kohlestrom die Netze verstopfe, sagte Parteichefin Annalena Baerbock. Der Einspeisevorrang für Ökostrom sei ein Grundpfeiler der Energiewende. Ohne ihn lasse sich nicht das Ziel erreichen, den Anteil der Erneuerbaren bis 2030 auf 65 Prozent auszubauen. 

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