Marktwirtschaft

Einseitige Lehre

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Bei Marktmodellen fehlt der Realitätscheck. Eine Studenteninitiative prangert die Defizite bei der Volkswirtschaftslehre an. Denn dies hatte auch Anteil an der Finanzkrise.

Am 5. Mai 2014 veröffentlichte die internationale Studenteninitiative Isipe ihren vielbeachteten Aufruf für eine Plurale Ökonomik. 2015 und 2016 fanden an diesem Tag weltweite Aktionstage statt, um auf die Defizite in der Volkswirtschaftslehre (VWL) hinzuweisen.

Die Bewegung für eine Plurale Ökonomik nahm nach der Finanzkrise 2007 Fahrt auf, denn die VWL hatte ihren Anteil an der Krise. Wenn Märkte in Modellen als effizient angesehen werden, ist ein Marktcrash schwer vorstellbar. Bis zum Schluss war nicht nur US-Notenbankchef Alan Greenspan überzeugt, dass die Deregulierung der Finanzmärkte und -innovationen das Bankensystem stabilisieren würden. Es kam anders und die gepriesenen Finanzprodukte waren ein Hauptauslöser für die Krise.

Schlimmer ist jedoch, dass es seitdem keine wesentlichen Fortschritte gegeben hat. Die gleichen Modelle werden nach wie vor ohne Realitätscheck gelehrt. Zur Verteidigung des ökonomischen Mainstreams werden an dieser Stelle oft Beispiele von kontroversen Debatten in der Forschung vorgebracht. Und ja, teilweise ist die Debatte in der ökonomischen Forschung lebendiger als ihr Ruf.

Die Frage ist jedoch, warum davon wenig bis nichts in der Lehre ankommt. Warum verlassen noch immer viele Absolventen die Universität mit einer realitätsfernen Vorstellung von Wirtschaft? Letztes Jahr wurde vom Netzwerk Plurale Ökonomik in Kooperation mit der Universität Kassel die Studie EconPlus durchgeführt, bei der über 2700 Lehrende in Wirtschaftsfakultäten überall in Deutschland zum Thema Vielfalt in der Lehre befragt wurden.

Tatsächlich teilten über 50 Prozent der Befragten die Kritik an der Einseitigkeit der VWL zu einem gewissen Grad. Aufgrund von vorgegebenem Pflichtstoff, hoher Arbeitsbelastung und Ressourcenmangel bleiben alternative Perspektiven auf der Strecke. Dies ist auch eine Folge der Bologna-Reformen, durch die die Universitäten zunehmend zu Orten der technokratischen Wissensvermittlung wurden und kritische Wissenschaft auf der Strecke blieb.

Passenderweise findet in Bologna dieses Jahr auch der „Critical Economics Summit“ von ISIPE statt und in Deutschland veranstalten zahlreiche Lokalgruppen der Pluralen Ökonomik Aktionen in der Tradition der „Global Action Days“.

Der Autor studiert Economics and Institutions im Master an der Philipps-Universität Marburg.

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