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Glas auf, Linsen rein.

Plastikmüll

Einkaufen ohne Plastik

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Bundesweit bieten immer mehr verpackungsfreie Läden ihre Ware lose an. Behälter bringen die Kunden selbst mit.

Im Laden von Abdelmajid Hamdaoui waren Plastiktüten noch nie ein Thema. Die Vermeidung jeglichen Verpackungsmülls dagegen schon: In seinem Geschäft „Unverpackt“ in der Mainzer Neustadt ist der Name Konzept – dort können die Kunden überwiegend lose Ware erstehen. Statt einer Überfülle bunter Packungen und eingeschweißten Gemüses bietet Hamdaoui ein überschaubares Sortiment, in dem die Waren für sich selbst sprechen. In großen Spendern werden etwa Müsli, Getreide, Nudeln, Reis und Hülsenfrüchte, Tee, Kaffee und Gewürze dargeboten. Auch verschiedene Reinigungsmittel und einige Pflegeprodukte zum Abfüllen stehen zum Verkauf. Rund 300 Produkte umfasst das Angebot in dem kleinen Laden.

Die Verpackung bringt der Kunde selbst mit. Er wiegt das leere Behältnis vor dem Einkauf, dessen Gewicht wird dann an der Kasse abgezogen. Umständlich? Hamdaoui winkt ab. „Meine Kunden planen ihren Einkauf“, sagt er, „Spontankäufe funktionieren allerdings kaum.“ Für alle Fälle hat der Geschäftsmann einige Schraubgläser und Flaschen vorrätig; künftig möchte er auch Pfandgläser anbieten.

Das Gemüseregal ist nur wenig bestückt, mit Zwiebeln, Kartoffeln, Äpfeln; für Milchprodukte, die in Gläsern verkauft werden, genügt ein kleiner Kühlschrank. „Bio und regional“, sagt Hamdaoui, sei sein Leitsatz. Gibt es in den nahegelegenen Biohöfen, die ihn beliefern, jahreszeitbedingt nichts, so bleiben die Regale leer. Klar ist: Seinen gesamten Einkauf kann man im Unverpackt nicht erledigen. Dennoch hat das Geschäft, das im Juni zwei Jahre besteht, seine Kundschaft. „Überwiegend junge Leute, aber bei weitem nicht ausschließlich“, sagt Hamdaoui. Mehr Stamm- als Laufkundschaft.

Was diese antreibt, bei ihm zu kaufen, sei „vor allem der Wunsch, möglichst plastikfrei zu leben.“ Dafür nehmen die Kunden auch das begrenzte Sortiment und die nicht ganz billigen Preise in Kauf. Doch auch die Möglichkeit, „grammweise“ einzukaufen, sei beliebt. Denn anders als in konventionellen Geschäften gibt nicht die Verpackung die Menge vor. Hamdaoui verlangt keine Mindestabnahmemenge: „Ich verkaufe auch Miniportionen für ein paar Cent.“

Seine Ware bezieht er überwiegend von einem Bio-Großhändler. Sie wird in Säcken und Pappkisten zwischen fünf und 25 Kilo angeliefert. Ein Problem sei es nicht gewesen, lose Ware zu bekommen. Diese werde ohnehin für die Weiterverarbeitung, Gastronomie oder für Firmen vorgehalten. Neben dem Großhändler kauft Hamdaoui bei Bauernhöfen und kleinen Herstellern ein.

Seinen Lebensunterhalt kann Hamdaoui, der zwei studentische Aushilfen beschäftigt, allerdings nicht allein aus dem Unverpackt-Laden bestreiten. „Dafür müsste ich etwa doppelt so viele Kunden haben wie zurzeit“, räumt er ein. Die Kundenzahl steige allerdings, wenn auch langsam.

Mit seinem Laden besetzt Hamdaoui eine Nische, aber diese wächst. In den vergangenen zwei Jahren sind knapp 20 derartiger Geschäfte bundesweit entstanden, weitere sind in Gründung. Einige Ladeninhaber bieten Seminare und Workshops an, in denen sie künftige Ladenbesitzer informieren. „Aus Karlsruhe, Wiesbaden und Frankfurt“ stammten etwa Interessenten, die an Workshops Hamdaouis teilnahmen.

Einen „Gegentrend“ nennt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) diese Entwicklung. Nach Ansicht von Katharina Istel, Referentin beim Nabu-Bundesverband, ist der Wunsch nach verpackungsfreien Alternativen auch ein Resultat davon, „dass immer mehr in Plastik verpackt wird“. Zahlen des Umweltverbands zufolge haben die Kunststoffabfälle aus dem Endverbraucherbereich zwischen 1994 und 2013 um 59 Prozent zugenommen. „Deutschland ist Verpackungsland“, sagt Istel. Nicht nur im Konsum, sondern auch in der Produktion. 19,8 Millionen Tonnen Kunststoffe sind ihren Angaben nach in Deutschland 2013 produziert worden. Auch in der Produktion von Hausmüll ist Deutschland laut Nabu EU-weit vorne: mit 617 Kilogramm pro Kopf und Jahr (Stand 2013).

Istel hofft, dass die Zunahme von verpackungsfreien Läden wenigstens „Impulse“ in den Massenmarkt hineingibt. Aber sie sagt auch klar: „Der Handel hat kein Interesse an weniger Verpackung“; nur Druck von Kundenseite könne hier etwas ändern. Und das Interesse der Kunden scheint da zu sein: Eine repräsentative Umfrage des Nabu vom Dezember 2014 hat ergeben, dass 76 Prozent der Käufer Obst und Gemüse lieber unverpackt kaufen würden.

Im Handel sieht man das anders. „Unsere Kunden schätzen auch den Convenience-Gedanken“, sagt etwa die Sprecherin von Tegut, Stella Kircher. Als weitere Argumente für Verpackungen nennt sie „die strikte Unterscheidung von Bio- und konventionellem Obst und Gemüse“. Diese sei gesetzlich vorgeschrieben und werde etwa durch die Verpackung der Bioware erreicht. Kircher nennt weiterhin die längere Haltbarkeit und den Schutz der Lebensmittel, Hygiene und Lebensmittel-Kennzeichnung als Vorteile von Verpackungen.

Auch der Biohandel habe aufgrund von „Ansprüchen der Kunden an einfaches Handling und Sauberkeit“ nach Alternativen zu unverpackter Ware gesucht, heißt es vom Bundesverband Naturkost Naturwaren e. V. (BNN). Im Verband werde aber das Thema Verpackung diskutiert. Es sei ein „wichtiges und aktuelles Arbeitsfeld“ sagt Sprecher Hilmar Hilger. Auch beginne sich etwa die „Bereitschaft der Kunden, Nachfüllstationen zu benutzen“, zu verändern.

Um die Lebensmittelsicherheit und Sauberkeit bei Schüttbehältern, insbesondere bei flüssigen Produkten, sicherzustellen, werde allerdings viel Personal benötigt, gibt Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) zu bedenken. Darin sieht er eine der Hürden für eine Verbreitung des unverpackten Einkaufens. Doch glaubt er, dass die Unverpackt-Läden „im kleinen Rahmen“ funktionieren können. Auch sei er sich „sicher, dass die großen Händler den Trend genau beobachten“. Er sehe die Möglichkeit, dass die Idee wenigstens teilweise adaptiert wird.

Dass das möglich ist, zeigten entsprechende Läden in den „USA, Neuseeland und in den Niederlanden“, weiß Händler Abdelmajid Hamdaoui. In den USA etwa funktioniere das „Bulk Shopping“ seit 40 Jahren ganz hervorragend.

Zwischen Herd und Spülmaschine stapeln sie sich, hinter dem Kühlschrank lugen sie vorwurfsvoll hervor: Einkaufstüten aus Plastik. Nicht immer ist der Stoffbeutel dabei, man ist ja spontan. Dabei aber umweltbewusst, will Müll vermeiden, weiß, dass Plastik die Meere verschmutzt, Tiere tötet und sich erst in Hunderten Jahren zersetzt.
Weniger Abfall will auch die EU: Bis 2019 soll der Tütenverbrauch auf 90 pro Einwohner und Jahr reduziert werden, bis 2025 auf 40. Das erste Ziel hat Deutschland mit 71 Einkaufstüten schon erreicht. Eine Vereinbarung zwischen dem Einzelhandelsverband und dem Bundesumweltministerium über freiwillige Selbstverpflichtungen soll dafür sorgen, dass Tüten nicht mehr kostenlos abgegeben werden. Der Stichtag 1. April hat aber nicht geklappt – zu wenige Händler machen bisher mit.
Dennoch – ein guter Anfang. Aber warum erst jetzt und so zögerlich? Andere Länder sind da weiter, selbst in China sind Tüten seit 2008 kostenpflichtig. Noch zieren sich viele Händler, Bürger sehen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt oder keinen Sinn im Tütensparen – ob der Riesenverschmutzung, die andere Länder verursachen. Am Beispiel Irland zeigt sich aber der Erfolg: Seitdem dort 22 Cent pro Tüte verlangt werden, sank der Verbrauch von 328 auf 16 Stück.
Eine gesetzliche Regelung muss also her – und Strafen bei Missachtung. Außerdem deutlich höhere Tütenpreise, sagen wir: mindestens 50 Cent. Für die Stoffbeutelvergesser ein gutes Druckmittel. Sinnvoll ist auch die Forderung von Umweltverbänden, dass das Tütengeld in soziale und Umweltprojekte fließen soll. Noch besser: ein generelles Verbot von Einwegtüten und außerdem Abgaben für Tütchen in der Obst- und Gemüseabteilung. Ein Wunschtraum? Es gibt schon Läden, die kommen ganz ohne Verpackung aus. Plastik muss zum Luxus werden.

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