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Fruchtreifezentrum von Edeka: Auch die Prozesse des Lebensmittelhändlers hat Celonis optimiert. 

Künstliche Intelligenz

Das Einhorn aus München

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Celonis ist eine deutsche Erfolgsgeschichte. Mit seiner Software analysiert das Start-up, was in Unternehmen schiefläuft. Die gewonnenen Daten sind für die Firmen Gold wert. Und den Münchnern eröffnet die Technologie einen globalen Milliardenmarkt.

Einhörner sind speziell in der deutschen Wirtschaft eine seltene Spezies. Darunter versteht man nicht-börsennotierte Start-up-Firmen mit über einer Milliarde Euro Unternehmenswert. Knapp 500 davon zählen Experten aktuell weltweit, magere sieben davon in Deutschland. Eine davon ist die Münchner Softwareschmiede Celonis, für die 2019 ein wahres Jubeljahr war. Das liegt auch an einer Preisflut. „Es ist ein tolle Anerkennung für unsere Arbeit“, sagt Mitgründer Bastian Nominacher mit Blick auf jüngste Ehrungen.

Eingeheimst hat das vor acht Jahren von drei Studenten gegründete Start-up 2019 den Deutschen Innovationspreis, den Game Changer Award und den von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehenen Deutschen Zukunftspreis. Hinzu kommt eine erfolgreiche dritte Finanzierungsrunde.

260 Millionen Euro konnte das Unternehmen dabei kürzlich einsammeln. Insgesamt wurde der Weltmarktführer im Process Mining mit rund 2,2 Milliarden Euro bewertet, was gut eine Verdoppelung binnen Jahresfrist bedeutet. Was Celonis schürft, sind Daten, wie sie heute bei digitalen Prozessen in fast allen Unternehmen anfallen. Diese Prozesse werden per Software auf Schwachstellen hin analysiert und dann optimiert.

Das Gründerteam: Bastian Nominacher, Alexander Rinke, Martin Klenk (von links). 

„Sie können es überall anwenden“, erklärt Nominacher die bahnbrechende Bedeutung. Ob komplexe Handelslogistik bei Edeka, lange Produktionsketten bei BMW oder die Einkaufsströme des Kosmetikriesen L’Oreal – die Celonis-Software schürft über alle Branchengrenzen hinweg.

„Typisch sind Prozesskostenverbesserungen von 20 bis 30 Prozent“, sagt der bescheiden und bodenständig wirkende Gründer. Zudem würden Verbraucher zufriedener, wenn Ware ohne Unterbrechung in Handelsregalen verfügbar bleibt oder Flugzeuge pünktlich sind. So verbessere Celonis-Software mittlerweile für Millionen von Fluggästen die Abfertigung der Lufthansa. „Vor Kurzem dachte niemand daran, dass man das mit Process Mining machen kann“, beschreibt der 35-jährige Wirtschaftsinformatiker die Pionierleistung des Einhorns aus München.

Künstliche Intelligenz

Celoniswurde 2011 als Ausgründung der TU München von den damaligen Studenten Bastian Nominacher, Alexander Rinke und Martin Klenk ins Leben gerufen. Das Start-up war von Anfang an profitabel. Seit 2016 gab es bislang drei Finanzierungsrunden, die Investoren für insgesamt rund 340 Millionen Euro einen Minderheitsanteil verschafft haben. Zu ihnen zählen unter anderem die SAP-Tochter Qualtrics, was über den Walldorfer Mutterkonzern auch geschäftliche Anknüpfungspunkte bringt.

Process Miningals Geschäft von Celonis gilt als großer disruptiver Technologietrend. Die vom Gründertrio entwickelte Software analysiert von künstlicher Intelligenz getrieben Firmendaten und bringt Unternehmen sowie deren Prozesse organisatorisch auf Vordermann. Gut 400 verschiedene Anwendungsfälle für rund 700 Firmenkunden mit Schwerpunkt Europa und USA wurden branchenübergreifend bislang identifiziert. Dieses Jahr hat Celonis auch eine Zweigstelle in Japan eröffnet. tma

Dabei stehe man trotz Milliardenbewertung noch am Anfang. Kaum ein Prozent eines global auf 40 bis 50 Milliarden Euro bezifferten Markts habe Celonis bislang erschlossen. Den Weltmarktanteil taxiert der Manager auf 90 bis 95 Prozent. Das ist nahe am Monopol und mehr als Microsoft bei Betriebssystemen vorweisen kann. Konkurrenz tue sich schwer, weil die technologischen Hürden hoch seien, erklärt Nominacher die seit Jahren verfestigte Dominanz. Die speist sich auch aus einem steten Zustrom von IT-Fachkräften.

Die Firmenzentrale wurde auch deshalb 2017 in die Nähe der Münchner Universitäten verlegt, um besser an rare Softwareexperten zu kommen. „Wir brauchen die Besten und bekommen sie auch“, betont Nominacher mit Blick auf rund 15 000 Bewerbungen jährlich. Die Chance, am Aufbau einer Basistechnologie mitzuarbeiten, sei für Jungakademiker attraktiv. „Was wir machen, hat oft noch nie jemand gemacht“, stellt der 35-Jährige klar. Zudem erhält jeder Mitarbeiter Firmenanteile.

Die Zeiten, wo man Firmenkunden erklären musste, was Process Mining ist, sind vorbei. 2019 hat Celonis erstmals eine Kundenkonferenz namens Celosphere ausgerichtet. Mit 600 Teilnehmern rechneten die Pioniere des Schürfens von Prozessdaten. Gut 1000 Firmenrepräsentanten kamen. In Europa und den USA ist Celonis wegen großer Nachfrage zudem in acht Städten von Frankfurt über London bis New York auf eine Art Welttournee gegangen, um sich Interessenten vorzustellen.

Schon im Geschäftsjahr 2018/19 (zum 31. Mai) haben sich die Auftragseingänge auf rund 100 Millionen Euro gut verdoppelt, was sich in der laufenden Periode und darüber hinaus jeweils wiederholen soll. Auf 800 Celonauten mehr als verdoppelt wurde parallel die Zahl der Beschäftigten. Auch hier wird weiter aufgebaut. Zahlen zu Umsatz oder Gewinn bleiben dagegen geheim. Finanzielle Probleme oder Schwierigkeiten, Investoren zu finden, habe Celonis nicht, versichert Nominacher. Mit seinen Mitgründern Alexander Rinke und Martin Klenk halte er auch immer noch eine klare Aktienmehrheit am selbst geführten Unternehmen.

Das soll so bleiben. Einen Verkauf schließt das Gründertrio ohnehin aus. Aber auch ein Börsengang, der 2016 einmal für 2020 ins Auge gefasst wurde, komme kurzfristig nicht, sagt Nominacher heute. Es laufe auch so. Geld sei genug da, um eine sechste Software-Generation zu entwickeln und zu expandieren. Konkurrenz, die man aufkaufen könnte, gibt es nicht. Notwendig könne ein Börsengang dann werden, wenn Celonis-Kunden danach verlangen, um finanzielle Stabilität abzusichern, erklärt Nominacher. Immerhin sei jeder Softwarehersteller von Bedeutung an einer Börse gelistet.

Die eigene Software sieht der 35-Jährige, den Celonis wie seine Mitgründer zu Multimillionären gemacht hat, jedenfalls auf dem Weg zum globalen Industriestandard. Branchenkenner vergleichen Celonis mit den Anfängen des Dax-Konzerns SAP. Nominacher schmunzelt bei solchen Vergleichen. „Wir glauben, dass wir ein großes Technologieunternehmen aufbauen können“, sagt er nüchtern und denkt dabei an die nächsten zehn bis 20 Jahre.

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